Wegen des großen Interesses: Der ersten Kolonialausstellung 1896 folgte 1907 in Berlin-Schöneberg die „Deutsche Armee Marine und Kolonialausstellung“. Hier ein Blick auf die Haupthalle.
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Berlin-MitteDie deutsche Kolonialzeit währte keine 35 Jahre, doch sie wirkt auch mehr als 100 Jahre nach ihrem offiziellen Ende fort – in Rassismus zum Beispiel und der Weltwirtschaftsordnung, die die Welt in konsumierende Herren- und liefernde Arbeitsvölker einteilt. Diese gegenwärtige Zuordnung wird von jenen, die auf der Sonnenseite leben, weithin als selbstverständlich akzeptiert. Von „postkolonialen“ Zeiten zu sprechen, beschönigt also die Lage.

Das Denken zu entkolonialisieren, ist eine riesige Aufgabe. In Berlin macht sich ein Projekt namens „Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt“ an die Arbeit. Der Name sagt schon, dass es um Kultur geht, tatsächlich wird es auch ein jährliches Kulturfestival und künstlerische Interventionen geben.

Einen Raum hat das von Gruppen wie „Berlin Postkolonial“ oder „Initiative Schwarze Menschen“ in Deutschland getragene Projekt ab sofort – und zwar am historischen Ort der Kongokonferenz in der Wilhelmstraße 92, wo die Alte Reichskanzlei stand. Dort vermittelte Otto von Bismarck 1884 in einem Streit alter Kolonialmächte um den rohstoffreichen Kongo. Den bekam der belgische König Leopold zur privaten Verfügung. Afrika wurde zwischen den Kolonialmächten aufgeteilt, Deutschland selber positionierte sich als neue Kolonialmacht. Der Begegnungsraum im heute dort stehenden DDR-Plattenbau soll allen Interessierten offenstehen. Vor allem für die afrikanische Diaspora habe das hohe Bedeutung, sagte Anna Yeboah, Gesamtkoordinatorin der Dekoloniale am Mittwoch bei einer Vorstellung kommender Projekte.

Eines der sicherlich aufschlussreichsten Vorhaben ist die Kartierung kolonialer Erinnerungsorte. Der Historiker Christian Kopp, der die Aufgabe übernehmen wird, plant die Verzeichnung von tausend solcher Orte, je ein Drittel davon in Berlin, bundesweit und in ehemaligen deutschen Kolonien. Erweitert um den jeweiligen Kontext wolle man, so Kopp, verschiedene Elemente zu einer Story zusammenführen. So könnten auch Vorschläge für thematische Stadtführungen entstehen.

Gemeinsam mit Berliner Bezirksmuseen sollen im Projektzeitraum vier Ausstellungen präsentiert werden, beginnend 2021 in Treptow-Köpenick. 125 Jahre nach der Eröffnung der ersten deutschen Kolonialausstellung im Treptower Park sollen dann unter anderem Nachfahren damals ausgestellter Menschen ihr Schicksal beschreiben. 2022 soll sich das Kreuzbergmuseum der „Kolonialmigration“ widmen, also jenen Menschen, die aus Kolonien kommend in Berlin lebten.

Was man alles falsch machen kann

Museen und Sammlungen wird Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen hinsichtlich kolonialrassistischer Aspekte „beraten und unterstützen“. Wie das aussehen kann, macht ein aktuelles Beispiel deutlich: Im Technikmuseum zeigte seit 2003 eine Installation im Zusammenhang mit ausgestellten Sklavenschiffen in Regale einsortierte sitzende und liegende Menschen. Gezeigt werden sollte die Herabwürdigung des Menschen zur Ware. Nicht akzeptabel, befanden Aktivisten: Die Inszenierung sei vereinfachend und unangemessen; schwarze Menschen würden auf ihre Körperlichkeit und ihren Opferstatus reduziert. Das Objekt wird am kommenden Sonntag öffentlich „dekonstruiert“ und mit veränderter Perspektive in einer künstlerischen Performance neu erstellt.

An den Finanzen wird es nicht liegen, sollte das mehrjährige Projekt nicht zu einer beträchtlich verbesserten Aufklärung und Sensibilisierung der Berliner hinsichtlich der kolonialen Seiten ihrer Stadt führen. Insgesamt 3,1 Millionen Euro stehen zur Verfügung: zwei Drittel gibt die Senatsverwaltung für Kultur, den Rest die Kulturstiftung des Bundes. Erstmals erhält ein derartiges Projekt solche umfangreiche Förderung und kann mit entsprechend langem Atem Kraft entfalten. Verwunderlich ist daher, dass die Senatsschulverwaltung auf den Listen der Projektteilnehmer nicht auftaucht.

Mit dem Partner Stiftung Stadtmuseum steht jedoch geballte Professionalität bereit, um Ideen, Sichtweisen und neue Perspektiven verständlich unter die Leute zu bringen. Paul Spies, Direktor der Stiftung Stadtmuseum, beschreibt die Rolle in aller Bescheidenheit als „Möglichmacher, Partner und Lernender“. Eine eigene Ausstellung zum Thema steht derzeit nicht auf dem Programm. Spies bietet, so gewünscht, den Bezirksmuseen Unterstützung bei der Erarbeitung der geplanten Ausstellung an.

Dass Tahir Della an vielen Stellen Kritikwürdiges findet, macht er mit Blick auf das Humboldt-Forum deutlich: Im wiederaufgebauten Preußenschloss werde die Beteiligung Preußens am Sklavenhandel nicht thematisiert. Seine Meinung: „So geht es nicht. Das ist ein misslungener Versuch.“