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Unter einer weißen Zeltplane stehen zumeist junge Männer mit langen Vollbärten. Vor ihnen auf dem Tisch liegen zahlreiche Exemplare ein und desselben Buches. Es ist der Koran, den die Männer am Sonnabend neben dem Eingang zum S-Bahnhof Potsdamer Platz verteilen. Wer sich dem Stand nähert, wird angesprochen. Die Männer haben weiße T-Shirts an, auf denen in deutscher Sprache „Lies!“ steht, damit wollen sie Neugierige zum Lesen auffordern. Sie sind radikalislamische Salafisten. Den Koran verteilen sie gratis an die Passanten.

Widerstand durch "Die Freiheit"

Doch die strenggläubigen Muslime stoßen auf Widerstand: Insbesondere Mitglieder der islamfeindlichen Partei „Die Freiheit“ haben sich vor dem Stand postiert und halten Plakate hoch. Darauf steht „Töten kommt im Koran 180 mal vor, 27 mal in Befehlsform!“. Eine junge Frau aus dem Landesvorstand der Partei hält ein Plakat vor sich, auf dem auf Englisch steht: „We don’t need your lies“. Das Wort „lies“ nimmt Bezug auf den deutschen Slogan „Lies!“, heißt aber auf Englisch „Lügen“. Es ist schon erstaunlich, dass eine Splittergruppe innerhalb des Islam, die Salafisten, und eine Splittergruppe der Berliner Parteienlandschaft, die Freiheit, so tun, als sei der vielbeschworene Kampf der Kulturen nun mitten auf dem Potsdamer Platz in vollem Gange.

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Die Polizei ist mit zwei Mannschaftwagen vor Ort, hält sich aber bewusst zurück. Festnahmen wird es bis zum Ende nicht geben. Auch Zivilbeamte des Staatsschutzes sind im Einsatz. Die Berliner Verfassungsschutz-Präsidentin Claudia Schmid hatte zuvor gesagt, dass es den Salafisten um Propaganda in eigener Sache gehe und darum, junge Anhänger zur rekrutieren. Allein in Berlin gibt es laut Verfassungsschutz etwa 400 Salafisten, 100 werden als gewaltbereit eingeschätzt.

Die Korane wurden am Sonnabend parallel in zahlreichen deutschen Städten verteilt. Anders als angekündigt wurden aber etwa in Hamburg keine Stände aufgebaut. Hinter der Kampagne steht das salafistische Netzwerk „Die wahre Religion“. Die Organisation um den Kölner Ibrahim Abou Nagie hatte angekündigt, bis zu 25 Millionen Koran-Exemplare verteilen zu wollen. Laut Abou Nagie soll das Geld dafür durch Spenden und den Verkauf des Korans an Muslime aufgebracht werden. Der niedersächsische Verfassungsschutz spricht indes von „Geldströmen von der Arabischen Halbinsel“.