Berlin - Sie gab vor, die alten Herren pflegen zu wollen. Stattdessen erschlich sich die Pflegehelferin Güllü Ö. das Vertrauen eines 89 und eines 94 Jahre alten Mannes offenbar nur, um deren Konten leerzuräumen und das Geld für sich und ihre Familie zu verwenden. 

Mal hob sie 1000 Euro ab, mal 50.000. Insgesamt soll sie sich so von Juli 2014 bis Oktober 2015 rund 300.000 Euro erschlichen haben. Selbst nachdem ihr die Polizei auf die Schliche gekommen war, machte die 45-Jährige weiter.

Auf der Anklagebank des Landgerichts sitzt an diesem Montag eine blonde Frau, die sich immer wieder die Tränen aus den Augen wischt. Es ist der zweite Prozess gegen Güllü Ö. in dieser Sache. Im Juli vergangenen Jahres war sie vom Amtsgericht Tiergarten wegen Untreue in 79 Fällen zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden.

Sowohl sie als auch die Staatsanwaltschaft hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt. Güllü Ö. möchte mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, die Anklage hält die Strafe für zu milde.

Es blieb wohl nicht bei einem Opfer

Im neuen Verfahren wolle seine Mandantin, die neun Monate in Untersuchungshaft saß, ein umfassendes Geständnis ablegen und auch über die Rolle ihres Noch-Ehemannes reden, sagt ihr Verteidiger. In ihrer Einlassung spricht Güllü Ö. davon, dass es falsch gewesen sei, den 89 Jahre alten Herrn S. zu bedrängen, ihr einen Großteil seines Geldes zu überlassen.

Es sei auch nicht richtig gewesen, am Tag nach seinem Tod 95.000 Euro abzuheben. Das Geld war noch am selben Tag von der Polizei bei dem Ehemann der Angeklagten entdeckt und sichergestellt worden.

Doch anstatt aufzuhören, suchte sich die Angeklagte einen neuen pflegebedürftigen Menschen – wie sie sagt, auf Geheiß ihres Ehemannes. Sie habe es getan, um ihn nicht zu verlieren. Güllü Ö. erklärt, dass sie sich daraufhin um einen 94-Jährigen gekümmert habe. Das Geld, das sie von dessen Konto abgehoben habe, habe sie jedoch nie für sich behalten wollen. Der Rentner habe ihr 8000 Euro geschenkt.

Güllü Ö. berichtet von ihrem zwölf Jahre jüngeren Ehemann, den sie in der Türkei kennengelernt und nach nur drei Monaten im Juli 2009 geheiratet habe. Er habe unbedingt nach Deutschland kommen wollen. Sie habe alle Warnungen, er würde sie nur deswegen heiraten, in den Wind geschlagen.

„Er ist nach meiner Festnahme erst mal in die Türkei abgehauen“

Hier, in Berlin, habe es finanzielle Probleme gegeben. Ihr Mann habe nicht arbeiten aber ein „möglichst schönes Auto“ fahren und von ihrem Ersparten ein Geschäft eröffnen wollen. Doch dafür habe es nicht gereicht. „Er warf mir vor, ihn mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt zu haben“, erklärt sie. Er sei sich für einen Job in der Dönerbude zu schade, habe er ihr gesagt.

Bei der Suche nach einem Zusatzverdienst kamen die alten Männer offenbar gerade recht. „Er ist nach meiner Festnahme erst mal in die Türkei abgehauen“, sagt die Angeklagte. Das habe ihr die Augen geöffnet. Deswegen spreche sie nun auch über ihren Noch-Ehemann.

Güllü Ö. hat Privatinsolvenz angemeldet. „Die Schulden sind weg“, sagt sie dem Gericht. Sie könne zwar noch keinen Kredit aufnehmen, aber ihren Verdienst dürfe sie seit September behalten.

Neben dem 95.000 Euro aus dem Vermögen des Herrn S. stellte die Polizei in einem Schließfach weitere 35.000 Euro sicher. Die Richterin will wissen, wo das übrige Geld geblieben sei. Das habe sie für ihre drei Kinder ausgegeben. Mit einem Teil habe sich ihr Mann in der Türkei ein Haus gekauft. Um das Haus werde derzeit bei der Scheidung gestritten. „Ich bin bereit, das, was ich für das Haus bekomme, zurückzugeben“, sagt die Angeklagte.

Ob das dem Gericht genügt, wird sich noch zeigen, Der Prozess wird fortgesetzt.