Berlin - Bereits 2176 Berliner Kinder und Jugendliche sind nach dem Verzehr von offenbar verunreinigtem Essen in Schulen und Kitas an Brechdurchfall erkrankt. Das war der Stand am Freitagabend. „Wir rechnen aber mit noch mehr Fällen“, sagte die Berliner Gesundheits-Staatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner (CDU).

Besonders betroffen seien die Bezirke Marzahn-Hellersdorf mit 514 Fällen sowie Lichtenberg mit derzeit 343 Erkrankten und Tempelhof-Schöneberg mit 329 an Durchfall leidenden jungen Menschen. Man gehe derzeit von eher leichten Krankheitsverläufen aus, sagte Demirbüken-Wegner. Bisher mussten drei Kinder im Krankenhaus behandelt werden. Am Freitag war noch ein Kind in der Klinik.

Zuliefererbetriebe geschlossen

Die Berliner Schulverwaltung empfahl bereits am Freitagmorgen allen Schulen und auch Kitas per Rundschreiben, Essenlieferungen des Caterers Sodexo gar nicht erst entgegenzunehmen und nicht an Schüler auszuliefern. Inzwischen sind auf Betreiben der Gesundheitsverwaltung zwei Zuliefererbetriebe von Sodexo in Lichtenberg und Reinickendorf geschlossen worden. „Wir hatten Hinweise darauf, dass das Essen, das erkrankte Kinder zu sich genommen haben, von dort kam“, sagte die zuständige Abteilungsleiterin Ingrid Jäger von der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz.

Man habe dort insgesamt 37 Lebensmittelproben, außerdem etwa 30 sogenannte Tupferproben genommen, also Abstriche von Küchenplatten und Lagerräumen gemacht. Ergebnisse würden aber erst Anfang nächster Woche vorliegen. Man gehe derzeit davon aus, dass ein Erreger, etwa das Norovirus, oder etwas Toxisches (Giftiges) der Auslöser für die Erkrankungen sei, sagte Marlen Suckau von der Gesundheitsverwaltung. Spekuliert wurde auch über ein Bakterium, das toxisch geworden sein könnte.

Besonders überprüft werden nun Schweinefleisch, Eier und Fischstäbchen. Auffällig ist, dass in Neukölln und Spandau, wo viele Schüler auf Schweinefleisch verzichten, bisher keine Fälle bekannt wurden. Wegen vieler Erkrankungen blieben indes die Grundschule am Vierrutenweg in Lübars und die St.-Marien-Kita in Steglitz-Zehlendorf am Freitag geschlossen.

Auch am Rosa-Luxemburg-Gymnasium und der nahen Grundschule Wolkenstein erkrankten viele Schüler. Der zuständige Pankower Stadtrat Torsten Kühne (CDU) warnte, dass Sodexo noch am Freitag Essen ausgeliefert habe, es solle nicht verzehrt werden.

Krisenstab am Sonnabend

Staatssekretärin Demirbüken-Wegner empfahl den Eltern, in den nächsten Tagen das Essen für die Kinder in Kita und Schulhort lieber von zu Hause aus mitzugeben. „Für die Essensversorgung während der Betreuung in den Herbstferien werden wir Sie am Montag erneut informieren“, hieß es in dem Rundschreiben der Bildungsverwaltung an die Schulen. Bezirke und Schulcaterer prüfen aber derzeit auch, wie sie ein Alternativangebot beim Schulessen machen können. Am Sonnabend kommt der Krisenstab der beteiligten Senatsverwaltungen erneut zusammen.

Die Massenerkrankung belebt auch die Debatte um die Qualität des Schulessens neu. Gerade erst hatte eine Studie der Hamburger Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Arens-Azevedo ergeben, dass das Grundschulessen in Berlin mit durchschnittlich 2,01 Euro pro Portion zu billig ist und mindestens 3,17 Euro kosten müsste. Günter Peiritsch, Chef des Landeselternausschusses, forderte eine permanente Qualitätskontrolle des Schulessens.

„Der Landeselternausschuss fordert eine schulnahe, regionale Versorgung unserer Kinder, die auch kleineren und mittleren Betrieben wieder eine Chance gibt, sowie eine sukzessive Rückkehr zu den Schulküchen vor Ort“, sagte Peiritsch. Essenskommissionen unter Elternbeteiligung sollten die Schulverpflegung kontrollieren. „Diese Berichte sollten dann in den Schulinspektionsberichten Erwähnung finden“, so Peiritsch.

Thema im Parlament

Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu forderte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) auf, die gesamte Lebensmittelkette zu ermitteln und öffentlich zu machen. Auf der nächsten Sitzung des Gesundheitsausschusses wollen die Grünen das schlechte Schulessen thematisieren. Dabei soll es auch darum gehen, ob das Bund-Länder-Krisenmanagement überhaupt greift.