Das Mädchen lebte bei seinen Eltern in Eberswalde. 
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Frankfurt (Oder)Das in Obhut genommene vernachlässigte fünfjährige Mädchen aus Eberswalde hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft in einem Kinderbett im Schlafzimmer der Mutter geschlafen. „Es spricht nach dem Durchsuchungsbericht bisher nichts für die These, das Kind sei weggesperrt worden“, sagte Staatsanwalt Ingo Kechichian am Donnerstag in Frankfurt (Oder). Es sei aber auch nicht ausgeschlossen.

Das sage zudem nichts darüber aus, ob das Kind wenig Tageslicht gesehen habe. Es sei dem Bericht eines Krankenhauses zufolge unterernährt, verhaltensauffällig und sprachgestört gewesen. Mehrere Medien hatten zuvor darüber berichtet.

Es gab vier Gefährdungsmeldungen zur Familie

Das Jugendamt des Landkreises Barnim hatte die Fünfjährige im vergangenen Dezember in Obhut genommen. Das Brandenburger Jugendministerium sieht mögliche Versäumnisse beim Jugendamt. Das Amt erhielt laut Ministerium zwischen Sommer 2017 und Frühjahr 2019 vier Gefährdungsmeldungen zur Familie des Mädchens. Die „Märkische Oderzeitung“ hatte berichtet, das Kind habe jahrelang kein Tageslicht gesehen und solle mindestens zwei Jahre auf sich allein gestellt gewesen sein. Bei der Mutter gab es eine Hausdurchsuchung. Das Mädchen soll in der kommenden Woche rechtsmedizinisch untersucht werden.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) ermittelt wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen gegen unbekannt. Sie hatte die Beschlagnahmung der Patientenakte und der Jugendamtsakte des Mädchens beantragt. Die Patientenakte erhielt die Staatsanwaltschaft, aber nicht die Akte des Jugendamts. Das Amtsgericht gab der Justizbehörde zufolge bisher nur Persönlichkeitsdaten und Aufenthaltsort preis.

Keine Hinweise auf Vernachlässigung bei den beiden Geschwistern

Das Mädchen hat zwei Geschwister, die ebenfalls in Obhut gekommen waren. Bei ihnen gab es aber laut Landkreis keine Hinweise auf eine derartige Vernachlässigung wie bei der Fünfjährigen. Der Staatsanwaltschaft zufolge haben sie zusammen ein eigenes Zimmer mit zwei Betten.

Die Inobhutnahme des Mädchens hatte eine Debatte über eine Meldepflicht für Jugendämter bei Verdachtsfällen ausgelöst. „Ich finde richtig, das zu prüfen, aber wirklich sehr gründlich“, sagte Brandenburgs Jugendministerin Britta Ernst (SPD) am Donnerstag in Potsdam. „Denn wenn es einen Automatismus zu einer Anzeige bei den staatlichen Jugendämtern gäbe, würde die Hilfe von den Eltern nicht angenommen werden - das ist der heikle Punkt.“ Es müsse eine neue Balance gefunden werden. „Das muss man neu diskutieren, aber ein Anzeige-Automatismus würde die Jugendhilfe zerstören.“