Verweigern jeglicher Nahrungsaufnahme: Flüchtlinge verweigern das Trinken

Wenn man nicht trinkt, bleibt einem eine Frist von sechs bis sieben Tagen. Dann stirbt man. „Wir trinken seit zwei Tagen nicht mehr“, sagt Ghlam Vali aus Pakistan, ein Sprecher der Flüchtlinge, am Montag vor dem Brandenburger Tor. Der Pariser Platz liegt im Sonnenlicht, er ist voller Menschen. Die Flüchtlinge sind auf den ersten Blick gar nicht zu sehen. Ihr provisorisches Camp befindet sich zwischen zwei Schaustellern, die sich als Bären in Dirndl und Lederhose zum Fotografieren anbieten, und zwei verkleideten Soldaten, die eine russische und eine US-amerikanische Flagge schwenken. Es sind 28 Flüchtlinge, darunter zwei Frauen. Sie sagen, dass sie aus Afghanistan kommen, dem Iran, Sierra Leone. Manche liegen auf Isomatten, die Augen geschlossen, die meisten aber sitzen im Schneidersitz vor Plakaten mit Protestparolen. „Kein Mensch ist illegal“, steht da. Und: „Hungerstreik für vollständige Akzeptanz in der Gesellschaft.“ Sechs dicke rote Striche markieren die Zahl der Streiktage. Es sind sechs.

Hungern, bis die Asylanträge genehmigt werden

Ghlam Vali liest eine Erklärung vor. „Diese Regierung hört uns nicht“, heißt es da, gemeint ist die Bundesregierung. „Sie ignoriert uns.“ Die Aktion sei ihre letzte Chance. Sie wollten wie normale Menschen leben. Erst wenn ihre Asylanträge genehmigt würden, würden sie den Hungerstreik abbrechen, sagt Brook Tadele. „Sie spielen mit unserem Leben.“ Tadele kommt aus Äthiopien. Er sagt, dass er dort für die Oppositionspartei gearbeitet hat und dadurch in Schwierigkeiten kam. Wie die meisten am Brandenburger Tor, sei auch er bei den Protesten am Rindermarkt in München dabei gewesen. Das Protestcamp dort war Ende Juni von der Polizei geräumt worden, nachdem Ärzte von akuter Lebensgefahr für die Flüchtlinge gesprochen hatten.

Den Protest am Pariser Platz hat der Senat genehmigt. Unbefristet. Die Flüchtlinge haben nur Schirme und Schlafsäcke. Es gibt keine Zelte, keine sanitären Einrichtungen. Die wird es auch nicht geben, denn das müsste der Bezirk Mitte genehmigen. „Wir werden keine solche Sondernutzung zulassen, die dann in eine Zeltstadt mündet“, sagt der Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). Vielleicht denkt er dabei an den Oranienplatz in Kreuzberg. Er habe aber große Sympathie für die Flüchtlinge. „Ich erwarte, dass der Senat auf die politischen Forderungen reagiert.“ Der Bezirk, so klingt das, ist für sie nicht zuständig.

Fünf Flüchtlinge sind schon im Krankenhaus

Auf dem Pariser Platz hat ein Flüchtling einen Schwächeanfall. Er liegt mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Ein anderer Mann reibt seine Fingerspitzen. Fünf Flüchtlinge seien schon im Krankenhaus, sagt Ghlam Vali. Touristen fotografieren. Ein Ehepaar aus Hongkong ist darunter. Gibt es bei ihnen auch Flüchtlinge? „Vor zehn Jahren, sie kamen aus Vietnam“, sagt der Mann. Jetzt seien sie in die Gesellschaft integriert. Eine Familie mit drei Söhnen bleibt stehen. Sie kommen aus Nijmegen in Holland. Dort habe es im vergangenen Jahr auch ein solches Camp gegeben, sagt die Frau, Marga Denen. Aber das war in Amsterdam, sie kennen das Ganze nur aus den Fernsehbildern. In Berlin sehen sie nun die unvermittelte Realität.