Georgenthal - Ein scharfer Wind weht über die Felder von Georgenthal (Märkisch-Oderland). Er fängt sich in einem kleinen eingezäunten Akazienwäldchen, das weithin sichtbar ist. Hier haben die Georgenthaler ihre letzte Ruhe erhalten. Zu Grabe getragen in aller Stille – im wahrsten Sinne des Wortes. Auf einem offenbar geheimen Friedhof, für den es weder eine Satzung noch eine Gebührenordnung gibt. Denn niemand, außer die Leute in Georgenthal selbst, fühlte sich bisher für die Beerdigungsstätte zuständig.

„Es wurde sogar schon von einem illegalen Friedhof geredet“, sagt Martin Schüler und winkt ab. Quatsch sei das, sagt der 78-jährige gebürtige Georgenthaler. Die Menschen aus dem Ort haben schon immer ihre Toten hier in dem Wäldchen begraben. Seit 170 Jahren gibt es den Friedhof. Und auch Verwandte von Martin Schüler liegen hier. „Meine Mutter wurde vor acht Jahren hier beerdigt, und ich will hier auch meine letzte Ruhe finden“, erzählt er. Schließlich seien hier bisher alle verstorbenen Georgenthaler beerdigt worden. Bezahlt haben Schüler und die anderen Hinterbliebenen weder Grabnutzungs- noch Bestattungsgebühren. Niemand weiß, wie viele Tote hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Vergessenes Stück Land

Der Grund für die Verwirrung, die seit kurzem wegen des Friedhofs herrscht – das Gräberfeld liegt auf einem vergessenen Stück Land der Gemeinde Falkenhagen, zu der das 35 Einwohner zählende Georgenthal gehört. Das Areal fiel erst auf, als das Amt Seelow-Land das Vermögen seiner Gemeinden neu aufgenommen hat, bei einer Art Inventur also. Dabei stellte man überrascht fest, dass das Grundstück Gemeindeland ist und sich dort ein Friedhof befindet.

„Ganz unbekannt war das Gräberfeld nicht. Wir haben bisher aber immer gedacht, dass es zur Kirche gehört, und die Kirche ging wohl davon aus, es sei unser Friedhof“, sagt Michael Schmidt, der stellvertretende Amtsdirektor. Niemand sei doch auf die Idee gekommen, dass der Friedhof in kostenloser Eigenregie geführt worden sei. „Das Verrückte an der Geschichte ist, dass die amtlichen Bestattungsscheine – auf welchem Weg auch immer – abhanden gekommen sind“, erzählt Schmidt. „Die werden ja eigentlich zur Friedhofsverwaltung geschickt, in diesem Falle wären wir das also gewesen. Das Amt ist schließlich Dienstleister der Gemeinden“, sagt Schmidt.

Aber es gebe keine derartigen Unterlagen, das sei bereits geprüft worden. Warum nicht? Schmidt weiß darauf keine Antwort. Erschwerend kommt vermutlich noch hinzu, dass in den vergangenen Jahren nicht viele Menschen in Georgenthal gestorben sind. Der bisher letzte Tote wurde vor zwei Jahren zu Grabe getragen.

Martin Schüler erzählt, dass es den Friedhof schon seit 1840 gibt. Damals starb der Georgenthaler Gastwirt Carl Nitschke. Sein Grabkreuz steht noch heute auf dem alten Teil des Wäldchens. 1976 haben die Georgenthaler die kleine Trauerhalle gebaut, auch den Zaun um den Friedhof zogen sie selbst. Einen Wasseranschluss gab es nie. Ein Bauer aus dem Ort bringt mit seinem Traktor regelmäßig eine Wassertonne vorbei. Dass die Leute keine Gebühren zahlen mussten, das hat niemanden gestört. „Das war doch in Ordnung und hätte ruhig auch so bleiben können“, sagt Schüler ein wenig wehmütig.

„Ein bisschen anarchistisch“

Für das Innenministerium, das für die Friedhofsordnung zuständig ist, ist es rätselhaft, wie ein Friedhof zum Nulltarif und in Eigenregie geführt werden konnte. „Ein solcher Friedhof, der nicht regelmäßig richtig gepflegt und auf Schäden untersucht wird, ist für eine Gemeinde kreuzgefährlich. Sie haftet schließlich für Schäden oder bei Unfällen“, sagt eine Sprecherin. Zudem müsse ein Friedhof unter anderem gewidmet sein und einen Träger haben – etwa eine Gemeinde oder Kirche.

Die Gemeinde Falkenhagen will sich nun um die Grabstätten kümmern. „Der Friedhof soll keinesfalls geschlossen werden“, stellt Vize-Amtschef Schmidt fest. Da seien sich alle einig. Denn schließlich wollen die Leute dort beerdigt werden, wo sie gelebt haben. Demnächst soll eine Satzung beschlossen werden. Man wolle das Problem im Guten auch für die „ein bisschen anarchistischen Georgenthaler“ zu Ende bringen, wie Schmidt sagt. „Sie haben den Friedhof ja bisher ganz gut in Schuss gehalten.“

Erwogen wird die Möglichkeit, mit den Leuten Pflegeverträge abzuschließen. Ein Schnäppchen allerdings wird der letzte Gang für die Georgenthaler nicht bleiben. Immerhin muss die Gemeinde Falkenhagen nun dafür sorgen, dass ihr neuer, alter Friedhof auch sicher ist. Das heißt, dass demnächst Bäume, die umzustürzen drohen, gekappt werden.