Tatort, Spurensicherung. 
Foto: imago images / CHROMORANGE

BerlinIn keiner anderen Hauptstadt der Europäischen Union ist das Risiko, Opfer eines Mordes zu werden, so hoch wie in Berlin. Das ist das Ergebnis des größten Deutschen Wirtschaftsinstituts DIW, Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Darüber hatte die Berliner Zeitung am Montag berichtet. Wie weitere Recherchen nun ergeben haben, zeichnen die Zahlen ein verzerrtes Bild. Zuerst wurden die Zahlen von der internationalen Organisation OECD veröffentlicht, dann vom renommierten DIW übernommen. Auf diese Zahlen stützte sich auch der Artikel der Berliner Zeitung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte Ende Dezember 2019 ein Gutachten mit dem Titel „Berlin auf dem Weg ins Jahr 2030“ veröffentlicht. Darin wurde die Hauptstadt mit 15 anderen EU-Hauptstädten verglichen – unter anderem wurde auch die Lebenszufriedenheit der jeweiligen Einwohner bewertet. Bei diesem Aspekt landete Berlin dem DIW zufolge auf Platz zehn. Begründung: „Negativ wirkt sich (...) auf die Gesamtbewertung der Lebenszufriedenheit aus, dass Berlin die mit Abstand höchste Mordrate aufweist“, heißt es in der Studie. Als Beleg dafür führten die Wissenschaftler des DIW Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an.

Berlin angeblich vor Paris und Brüssel

Die OECD ist eine internationale Organisation mit insgesamt 36 Mitgliedstaaten, vorrangig solche mit hohem Pro-Kopf-Einkommen. Bekannt ist die Organisation vor allem für die internationale Schulvergleichsstudie Pisa.

Die OECD hatte die Zahlen von Tötungsdelikten, umgerechnet auf 100.000 Einwohner, auf ihrer Homepage veröffentlicht. Berlin taucht hier unter dem Schlagwort „Intentional Homicide Rate (homicide for 100.000 population)“ mit dem Wert 4,4 auf. Dies bedeutet, dass von 100.000 Bewohnern 4,4 Menschen getötet werden. Dies ist der Wert, den dann das DIW für seine Studie verwendet hat. Demzufolge liegt Berlin deutlich vor dem zweiten Platz (Paris mit 2,4) sowie dem dritten (Brüssel mit 2,2).

Nachdem die Berliner Zeitung über die Studie und die darin aufgrund der hohen „Mordrate“ festgestellte Beeinträchtigung des Lebensqualität berichtet hatte, wies beim Nachrichtendienst Twitter unter anderem der Journalist Tobias Wilke auf Ungereimtheiten der verwendeten Datengrundlage hin. In diesem Zusammenhang fiel dann auf, dass von der OECD auch anderen deutschen Bundesländern extrem hohe Mordraten bescheinigt wurden.

„Die Daten zu Tötungsdelikten werden der OECD von den nationalen Behörden gemeldet. In der Tat erscheinen im internationalen Vergleich die Mordraten für die deutschen Bundesländer ungewöhnlich hoch“, sagte Matthias Rumpf, Pressesprecher des OECD, dieser Zeitung am Montag auf Anfrage. „Wir prüfen, ob die Zahlen nach den OECD-Standards berichtet wurden.“

"Straftaten gegen das Leben" statt nur Mord

Eine mögliche Erklärung, wie die Zahlen tatsächlich zustande kamen: Bei der Berechnung wurden möglicherweise die offiziell ausgewiesenen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik verwendet, die als "Straftaten gegen das Leben" zusammengefasst werden. Hier werden allerdings nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch andere polizeilich erfasste Delikte wie etwa fahrlässige Tötung, minder schwerer Totschlag oder Tötung auf Verlangen miteinbezogen. Auch Schwangerschaftsabbruch oder „Inverkehrbringen von Mitteln zum Schwangerschaftsabbruch“ sowie „Geschäftsmässige Förderung von Selbsttötung“ zählen zu dem Überbegriff „Straftaten gegen das Leben“.

Mit den laut Polizeistatistik 167 „Straftaten gegen das Leben“ ergibt sich dann der mathematisch korrekte Wert von 4,4. Durch Mord oder Totschlag kamen im Jahr 2016 nach Polizeiangaben aber 37 Menschen ums Leben. Bezogen auf rund 3,7 Millionen Einwohner bedeutet diese Zahl, das Risiko, Opfer von Mord oder Totschlag zu werden, in Berlin bei 1 zu 100.000 liegt. Eine Rate von 1,0.

Der Wert von 4,4 bezieht offensichtlich nicht nur auf Mord oder Totschlag, wie die Studie unter der Verwendung des Begriff Mordraten suggeriert, sondern eben auf alle „Straftaten gegen das Leben“. Als Reaktion auf die Vorwürfe teilte das DIW am Montag via Twitter mit: „In der Publikation wurden keine Zahlen berechnet, sondern - für alle Städte, nicht nur für Berlin- ein und dieselbe Statistik der OECD herangezogen, um gerade die Vergleichbarkeit sicherzustellen.“

Anmerkung der Redaktion: In einem früheren Artikel hatten wir die Zahlen des DIW bzw. der OECD zunächst übernommen und darüber berichtet, da uns beide Organisationen als vertrauenswürdige Quelle gelten. Nach mehreren Hinweisen auf mögliche Ungereimtheiten der verwendeten Datengrundlage und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen haben wir den Text entsprechend aktualisiert. Die weiteren bereits erfolgten sowie noch kommenden Rechercheergebnisse werden Sie im weiteren Fortgang ebenfalls an dieser Stelle finden.