Kahle Betonwände im Keller, stampfende Basedrums und Stroboskop-Licht, in dem sich Menschen stakkatoartig über die Tanzfläche schieben: Der frühe Morgen in dem Berliner Technoclub ist gerade angebrochen. Der Sound der Hauptstadt wummert, ein DJ beschreibt ihn in die Filmkamera als "totales Aussteigen aus der Realität mit Hilfe von völlig durchgeknallter Musik." Berlin sei eine Stadt - zumindest sie das früher so gewesen - wo für so etwas immer Platz ist, sagt er.

Es ist ein typischer Berliner Technoclub und eine typische Szene für Berlin. Sie könnte im Berghain spielen oder im Sisyphos, in der Wilden Renate oder im Ritter Butzke. Tut sie allerdings nicht. Denn sie spielt vor über 20 Jahren.

Die Szene ist Teil der Dokumentation "Techno City - Ein Wochenende in der Berliner Szene" von Joachim Haupt, die der Sender Freies Berlin (SFB) 1993 ausstrahlte. Auf Vimeo feiert sein Regiedebüt nun ein Comeback. Es beleuchtet die Anfänge der Technoszene im Berlin der frühen Neunziger, als Männer ihre blondierten Haare kurzgeschoren trugen und Frauen ihre Shorts bis zum Bauchnabel hochzogen - zumindest letzteres ist inzwischen wieder in Mode.

1993 war auch das Jahr, als Techno-Ikone Marusha bei "Radio B" moderierte und mit dem Walfisch Berlins erster After-Hour-Club entstand. Hier drehte Haupt, genau wie im Bunker und im Hardwax. Sein Film ist eine Zeitreise in die Nachwende-Welt, in der Berlin scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten bot.

Zum Schmunzeln bringt er seine Betrachter mit kryptischen Definitionen, die heutzutage wohl kaum noch einer Erklärung bedürften: "Techno, das ist eine besonders kompromisslose Form rein elektronischer Tanzmusik". Und "Raver, so nennen sich die Fans der Technomusik."

Trotz dieser ungewollten Retro-Komik ist der Streifen in anderen Passagen von erstaunlicher Aktualität - nicht nur, wenn der besagte DJ Berlin als Hauptstadt der Andersartigkeit umschreibt. So schildert beispielsweise Marusha, wie in den Neunzigern Clubs in Berlin entstanden: "Man hat abrissreife Häuser einfach aufgebrochen, hat sich da eine Anlage reingestellt, dann gab es Underground-Clubs."

Die vielen spontanen Open-Air-Raves, die heute zum festen Bestandteil des Hauptstadtsommers gehören und ihr Publikum per Facebook über neue Termine informieren, zeugen von ähnlicher Dynamik.

Einzig beim Ausblick in die Zukunft, führt der Streifen aus der Vergangenheit mächtig in die Irre: "Wird diese radikale und kompromisslose Musik eines Tages auch die Hitparaden dominieren?", fragt der Film gen Ende.

Die Prognose: "Diese Musik ist zu abgefahren und spricht doch nicht ein wirklich breites Spektrum an Leuten an. Techno wird eine Musik für Minderheiten bleiben." Wer schon einmal in der Schlange vor dem Berghain stand, dürfte es besser wissen.