Junge Menschen im Park, junge Menschen im Café, Szenemenschen in Szenebezirken. Das und ein wenig mehr sieht man in den Videos, die im Internet seit Kurzem auf der Seite „Crop The Block“ versammelt sind. ‚Crop‘ steht hier für zurechtschneiden, den Ausschnitt, der beim Blick durch die Kamera entsteht. Und ‚Block‘ steht für den Ort, den Kiez, die Nachbarschaft. Ausgedacht haben sich das die beiden Franzosen Nicolas Merlaud und Adrien Degouve. Deswegen gibt es das Ganze auch analog für Paris.

Merlaud und Degouve haben Filmemacher in Berlin und Paris zusammengebracht und ihre Stadt in kurzen Filmen verewigen lassen. „Wir wollten die Städte jenseits der Klischees zeigen“, sagt Adrien Degouve. Man erreicht ihn telefonisch in Paris.

Nun ist das Problem mit Berlin, dass hier selbst alles was hip, jung und neu ist, schnell zum Klischee wird. Kunstprojekte in Abrisshäusern, kosmopolitische Café-Runden, junge kreative Menschen, die irgendwas mit Medien machen oder Startups gründen.

Schaut man sich die Berlin-Filme an, gibt es da eine bunte Mischung aus fiktiven, persönlichen Geschichten und Kiez-Porträts. Mal ist das experimentell, mal dokumentarisch. Insgesamt jedoch leuchtet das Kaleidoskop der Großstadt hier rosafarben - denkt man als vermeintlicher Berlin-Kenner. Da ist doch die Armut denkt man, die Kriminalität, die Arbeitslosigkeit.

Ist vielleicht der Blick von außen für den Weichzeichner verantwortlich? Anders als beim Pariser Teil des Projekts, stammen viele Filmemacher der Berlin-Videos nicht aus Berlin und sind aus dem Ausland zugezogen: zum Beispiel aus den USA, Südafrika, Brasilien, Schweden. Stimmt, sagt Degouve, aber alle „Cropper“ – wie er sie nennt - leben seit einigen Jahren in Berlin.

Mit dem Fahrrad von A nach B - in Sao Paulo unvorstellbar

Doch Degouve kennt die Vorwürfe. „Es gab da diesen Typen, der sich auch am Projekt beteiligen wollte. Das erste Gespräch war wahnsinnig nett. Einen Monat später sagt er, er könne da nicht mit machen, weil unser Projekt zur Gentrifizierung beiträgt.“ Degouve versteht das nicht.

Das mag auch daran liegen, dass die Seite für Degouve mehr ist, als nur ein Video-Magazin. Reisenden bieten die Videos Eindrücke jenseits der touristischen Hotspots. Und Hauptstädter – auch die landen vermehrt auf der Seite, sagt Degouve - entdecken hier Ecken ihrer Stadt, in denen sie vorher nie waren.

Für Degouve und die „Cropper“ ist die Seite aber auch eine Art Verkaufsraum. „Wir sind eine Produktionsfirma mit einem Netzwerk an lokalen Filmemachern.“ Sein Partner Nicolas Merlaud ist gerade mit einem der Filmemacher in Spanien unterwegs, im Auftrag eines Tourismusunternehmens.

Das Berlin in den Videos zu wohltemperiert wegkommt, versucht Degouve mit einer Anekdote zu entkräften. Er erzählt von Vorführungen, die sie sowohl in Berlin, also auch in Paris durchgeführt haben. Sie haben da alle Stadt-Clips am Stück vor Publikum gezeigt. Das generelle Gefühl das dabei entstand: „Paris wirkte sanft, romantisch, auch wenn das klischeehaft klingt. Berlin wirkte dagegen rauer, experimenteller.“

Rauer – Tuca Paoli lacht. Sie sitzt in einem Café am Rosenthaler Platz. Die 40-Jährige kam im Sommer 2010 mit ihrem deutschen Freund aus Sao Paulo nach Berlin. Für Crop The Block hat sie einen Kurzfilm über den Rosenthaler Platz gedreht. Eine verloren wirkende Touristin sitzt, läuft, steht da - ohne so richtig zu wissen, wohin mit sich.

Ihr erster Eindruck damals von Berlin: „So kosmopolitisch und es passiert so viel. Aber im Vergleich zum riesigen Sao Paulo fühlt sich Berlin an wie eine Kleinstadt.“ Als sie ihren deutschen Freunden davon erzählte, mussten die lachen.

Aber sie fahre hier Fahrrad. Komme hier einfach von A nach B. Unvorstellbar in Sao Paulo. „Ich finde Berlin auch sehr still, im Vergleich. Mein Straße ist so still wie ein Friedhof.“ Sie wohnt hier um die Ecke in Mitte. Dann preist die Mutter einer jungen Tochter noch die Vielzahl der Spielplätze und die Kindergärten. Fazit: Ein Kind in Berlin aufzuziehen ist ein großer Spaß.

Videoblog erteilt Lektion in Weltläufigkeit

Man hört das und beginnt zu verstehen, warum Menschen aus Städten wie New York, Sao Paulo oder Johannesburg, Berlin rosarot zeichnen. Und so wird aus der anfänglichen Fehlersuche eine Lektion in Weltläufigkeit.

„In Sao Paulo arbeiten alle wie verrückt“, sagt Paoli. „Hier geht man in ein Café und kann fünf Stunden mit einem Fremden reden, ohne zu fragen, womit man seinen Lebensunterhalt verdient. Ich mag das. Obwohl ich in Brasilien viel mehr Geld verdient habe.“

Natürlich kennt sie mittlerweile auch die Probleme, die Berlin hat. „Mitte ist kein ‚echter‘ Ort mehr“, sagt sie. Geld habe hier viel verändert. Es sei viel schwerer geworden, eine schöne, bezahlbare Wohnung zu finden. „Leute kaufen Wohnungen und vermieten sie an Touristen.“ So etwas mache Sachen kaputt. „Die Persönlichkeit der Stadt hat gelitten.“

Deswegen auch ihr Film. Sie sehe hier mehr und mehr Touristen und die könnten eben nicht unterscheiden, zwischen dem ‚echten‘ Berlin und dem ‚künstlichen‘. „Sie sind verloren. Sie haben die falsche Geschwindigkeit. Sie versuchen, sich den Rhythmus der Stadt anzueignen. Aber ohne Erfolg.“ Dabei meint sie das gar nicht abwertend: „Ich bin selbst oft genug Touristin. Ich kenne das Gefühl.“

Am liebsten würde sie Crop The Block auch in Brasilien umsetzen. Aber die Warteliste ist lang. Mittlerweile laufen bei Degouve und Merlaud ständig Anfragen aus anderen Städten ein á la: „Wann startet ihr so etwas in Vancouver, Tel Aviv, Bukarest, Tunis.“ Gerade auf letzteres ist Degouve gespannt.