Kostrzyn - Das deutsche Küstrin-Kietz und das polnische Kostrzyn sind durch die Oder getrennt, aber über eine Brücke verbunden. Der letzte Laden vor der Grenze auf der deutschen Seite ist eine Aalräucherei, der erste auf der polnischen Seite ist ein Dentallabor. Vielleicht sagt das etwas aus über die derzeitige Lage in der Grenzregion. Auf deutscher Seite heißt es: Zurück zur Natur. Auf der polnischen Seite: Vorwärts in die Zukunft.

„Es ist schon so, dass hier in Polen seit der Grenzöffnung vor ein paar Jahren die Post abgeht“, sagt Tobias Lenel. „Und bei uns drüben…? Tja, wie heißt das Gegenteil von Post abgehen? Bei uns schläft irgendwie alles ein wenig ein.“ Der 55-jährige Regisseur steht an der verlassenen Grenzstation. Er will gar nicht bewerten, was er besser findet, er will es vor allem für ein Internetprojekt dokumentieren.

Er selbst profitiert immerhin von der deutschen Ruhe, denn seine Datsche steht ganz in der Nähe, im idyllischen Kuhbrücke. „Es ist das östlichste Grundstück des Landes Brandenburgs“, sagt Lenel. Doch an diesem Sonntagvormittag ist er mal wieder im Nachbarland unterwegs, will mit dem polnischen Kameramann Lukasz Majka am Grenzübergang einen kurzen Film drehen, der wie all die anderen 25 Filme ihres Videoprojekts das Alltagsleben links und rechts der Grenze abbilden soll.

„Wir haben unser Projekt Oder-Läufe genannt, weil es um interessante und vor allem auch skurrile Lebensläufe entlang der Oder geht“, sagt Kulturmanager Johannes Zillhardt, der die Filmarbeiten koordiniert. „Für unsere fünf bis zehn Minuten langen Dokumentationen suchen wir eigenwillige Charaktere, die Geschichten erzählen, die nicht dem üblichen Klischee entsprechen.“ Die Filme sollen ab Oktober kostenlos im Internet zu sehen sein. Am Projekt sind 15 Leute beteiligt – Polen und Deutsche.

Zwei arbeitslose Zollhunde

An die Grenzstation sind sie wegen zweier arbeitsloser Zollhunde gekommen. Die Tiere werden nicht mehr gebraucht, denn die riesigen Parkplätze hinter der Grenze sind menschenleer. Zwar rollt der Verkehr der Schnäppchenjäger unablässig von West nach Ost auf der Suche nach billigen Zigaretten und billigem Sprit.

Doch an dieser Grenze finden seit 2007 keine Kontrollen mehr statt. „Wir wollten die Geschichte eines Zöllners erzählen, der wegen der offenen Grenze nicht mehr gebraucht wird“, sagt Zillhardt, der an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) studiert hat.

Immer wieder waren sie bei Drehs und Recherchen durch diese Grenzstation gefahren, in der nun auch die Stadtverwaltung Kostrzyn residiert. Dann fiel Regisseur Lenel eine Krone aus einem Zahn. Während er beim Zahnarzt im ehemaligen Zollhaus war, spazierte Zillhardt über das Areal und fand ganz am Ende einen Zwinger. „Die zwei altgedienten Hunde waren tatsächlich seit Jahren arbeitslos,“ erzählt der 30-jährige Berliner, „aber sie wurden vom Zöllner weiter gefüttert“.

Nun wollten sie für die Story über den Zöllner zuerst die Hunde filmen. Doch die Zwinger sind leer. „Wir haben gerade erfahren, dass sie wohl im Tierheim sind“, sagt er. „Vor drei Tagen waren sie noch hier. Das zeigt wieder mal, dass sich hier alles rasend schnell ändert.“

Kameramann Lukasz Majka, der in Zentralpolen geboren ist und an der Filmhochschule Potsdam studiert hat, filmt trotzdem die beiden Zwinger und die Station. Vielleicht können sie die Bilder für einen anderen Film nutzen. Von den 25 Porträtfilmen sind 21 fertig. Ein Film erzählt beispielsweise von einem Deutschen, der in sechster Generation auf dem Grenzfluss fischt, als einer der letzten Berufsfischer. Ein anderer erzählt von einem polnischen Priester, der über den immer stärkeren Einfluss des Westens wettert. Und es gibt den Schaffner, der von seinen Erfahrungen im Grenzverkehr erzählt.

Das Projekt wird mit etwa 17.000 Euro von der EU gefördert. „Vor allem wollen wir damit Erfahrungen sammeln“, sagt Zillhardt. „Denn nächstes Jahr wollen wir Geschichten entlang der gesamten Oder erzählen: von der Quelle in Tschechien, dann einmal durch Polen bis zur Mündung in die Ostsee.“

Doch erstmal zieht das Team weiter und besucht einen Korbbinder. Danach wollen sie zum Polenmarkt. „Die Händler dort sind äußerst kamerascheu“, erzählt Regisseur Lenel. „Aber vielleicht spricht der eine doch mit uns über sein Leben. Ich hab versprochen, dass ich dafür bei ihm fünf T-Shirts kaufe.“

Die Filme des Projekts sollen ab Oktober im Internet zu sehen sein: www.oder-kanal.de