Susanne Dörr, Ärztliche Direktorin der Poliklinik am Helios-Klinikum bei einer Videosprechstunde.
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BerlinDie Corona-Krise hat bei Berliner Ärzten zu einem regelrechten digitalen Boom geführt. Mehr als 2300 Praxen mit fast 4300 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten sind inzwischen für Videosprechstunden ausgerüstet. Zu Beginn des Jahres, im Januar und Februar, waren es gerade einmal sieben Fachleute in vier Praxen, wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin berichtet. „Aktuell kann die KV Berlin nicht bewerten, ob es sich auch nach Corona um einen nachhaltigen Trend handelt“, sagte Sprecherin Dörthe Arnold.

Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus wollen viele Patienten den Besuch in einer Praxis oder auch die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln lieber vermeiden. Die Videosprechstunde bietet eine Alternative. Auch Ärzte der Poliklinik am Helios-Klinikum Berlin-Buch beispielsweise nutzen die technischen Möglichkeiten seit der Corona-Zeit deutlich stärker, wie die Ärztliche Direktorin der Poliklinik, Susanne Dörr, sagte.

Zertifizierte Anbieter von Videodiensten

„Wir haben schon vorher ein Pilotprojekt in den Bereichen Hausarzt und Diabetologie gestartet. Doch die Corona-Zeit hat das Ganze wahnsinnig beschleunigt“, so Dörr. Gesetzgeber und Kassenärztliche Vereinigung hätten sehr schnell viel ermöglicht. Ihre Klinik biete inzwischen Videosprechstunden in allen Fachbereichen an. 70 Fachärzte sind beteiligt. „Und wir wollen unser Angebot noch deutlich ausbauen.“

Laut KV dürfen Ärzte fast aller Fachgruppen und Psychotherapeuten ihre Patienten per Video behandeln. Sie müssen sich dafür zertifizierte Anbieter von Videodiensten suchen. Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen können dies nicht.

Die Voraussetzungen für Patienten sind unkompliziert: Sie benötigen ein Endgerät mit Frontkamera, Anzeigedisplay und eine Verbindung zum Internet sowie die Krankenkassenkarte oder den Personalausweis bei privater Krankenversicherung.

Man könne nicht jeden Arztbesuch ersetzen, aber die Möglichkeiten sinnvoll kombinieren, zeigte sich Helios-Ärztin Dörr überzeugt. „Insbesondere hatten wir die Krebspatienten im Fokus, die wegen ihres geschwächten Immunsystems nicht in die Ambulanz kommen sollten, aber Fragen klären wollten.“ Mit diesen Patienten seien Videosprechstunden eine gute Möglichkeit, um in Kontakt zu bleiben.

Auch chronisch Kranken und Diabetikern sei deutlich geholfen. „Diabetiker kommen einmal im Quartal in die Praxis und besprechen mit dem Arzt ihre Zuckerwerte. Das kann man auch gut über Videotelefonie machen“, so Dörr. 30 Prozent der Diabetologie-Patienten hätten die Videosprechstunden genutzt. „Höher ist die Zahl nur noch in der Psychotherapie mit 35 Prozent.“

Aber auch für andere Patienten bieten sich Vorteile: „Vor allem mit jungen, berufstätigen Menschen kann man durch die Videotelefonie besser in Kontakt bleiben“, sagte Dörr. Besonders praktisch sei diese, wenn es nur um Informationsaustausch wie etwa eine Impfberatung gehe. „Durch die Videosprechstunde spart man sich die Anfahrtszeit und das Warten in der Praxis.“ Auch sie selbst nutze als Patientin diese Möglichkeit gern, berichtete Dörr.

Älter Patienten sind weniger technikaffin

Als auf Altersmedizin spezialisierte Internistin habe sie die Möglichkeit mit etwa zehn Prozent der Patienten genutzt, sagte Dörr. Die relativ niedrige Zahl liege daran, dass die Mehrheit der Patienten 75 Jahre und älter und entsprechend weniger technikaffin sei. Diese Patienten hätten eher die Telefonsprechstunde genutzt. „Das war aber nur drei Monate lang möglich“, sagte Dörr.

Vor der Corona-Pandemie habe es eine Begrenzung des Anteils der Videosprechstunden gegeben. „Verrechnet mit dem technischen Aufwand war das ein Nullsummenspiel und kam nicht in Schwung“, sagte die Ärztin. Im Zuge der Pandemie hätten aber viele Anbieter für Videosprechstunden die Kosten reduziert und die Vergütung sei fast so hoch wie bei einem „normalen“ Arztbesuch, sodass das Angebot auch für Ärzte attraktiver geworden sei.

Über einen Bildschirm in Kontakt zu einem Arzt zu treten, können sich inzwischen 45 Prozent der Bundesbürger vorstellen, wie eine in der vergangenen Woche vorgelegte Befragung des Digitalverbands Bitkom ergab. Im Mai waren es 39 Prozent, im Mai vergangenen Jahres 30 Prozent. Tatsächlich schon eine Videosprechstunde genutzt haben demnach nun 13 Prozent, nachdem es im Mai 8 Prozent und vor einem Jahr 5 Prozent waren.

Wie häufig die digitalen Sprechstunden in Berlin wirklich in Anspruch genommen werden, wird sich erst später zeigen. Die Zahlen drücken laut KV bisher nur aus, dass die Praxen die Voraussetzungen für Videosprechstunden bieten. „Ob es sich am Ende tatsächlich um einen positiven Trend handelt, werden die Abrechnungszahlen zeigen“, sagte KV-Sprecherin Dörthe Arnold. Diese Zahlen lägen aktuell noch nicht vor. Allerdings berichten auch im Mitteilungsblatt der KV verschiedene Ärzte über ihre positiven Erfahrungen mit der Technik.