Im Herbst 2020 beginnt am BER der Flugverkehr. Doch wie kommt man dorthin?
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BerlinWer in Zukunft zum Flughafen BER muss, sollte sein Auto lieber stehen lassen. Das zeigt ein Verkehrsgutachten, das die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Berlin in Auftrag gegeben hat. Die zwei wichtigsten Ergebnisse. Auf Berlins Autobahnen wird es voll, auf der A100 und A113 droht dann noch mehr Stau. Und: Auf der Schiene wird der Flughafen meist schneller zu erreichen sein als per Auto, mit dem die Anfahrt oft mehr als eine Stunde dauern kann. Die IHK fordert, den Nahverkehr auszubauen.

Im Gutachten zur Flughafenanbindung befasst sich das Büro SPV Spreeplan Verkehr zunächst mit dem Straßenverkehr. „Aktuell ist Berlin in einer Luxussituation, was die Erreichbarkeit beider Flughäfen auf der Straße anbelangt“, fasste IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder das erste Zwischenergebnis zusammen. Sowohl Tegel als auch Schönefeld sind gut erreichbar. 

Die Situation werde sich allerdings drastisch ändern, wenn der BER öffnet (voraussichtlich am 31. Oktober 2020) und Tegel wenige Tage später (voraussichtlich am 8. November 2020) schließt. Dann muss jeder, der ab Berlin fliegen will, nach Schönefeld südöstlich vor den Toren der Stadt.

Noch mehr Staus auf der Stadtautobahn

„Die Hochrechnungen zeigen, dass es auf der schon jetzt stark belasteten Achse A100/A113 künftig noch mehr Staus geben wird“, so Eder. „Die Gutachter sprechen von ’starken Beeinträchtigungen’ auf mehreren Abschnitten“, vor allem in Tempelhof und Neukölln. Der für 2040 errechnete Zuwachs ergebe sich aus dem allgemeinen Verkehrsanstieg in der wachsenden Region. „Der Flughafenverkehr hat generell nur einen geringen Anteil, auf dem südlichen Stadtring sind es gerade mal fünf Prozent“, so der IHK-Chef.

So ist es derzeit: Die Farben zeigen, wie lang man derzeit mit dem Auto zu den Flughäfen Tegel und Schönefeld unterwegs ist. Ergebnis: Auf der Straße sind die Airports aus dem gesamten Stadtgebiet gut erreichbar. 
Grafik: IHK Berlin/ Verkehrsgutachten zur Anbindung des BER
Das erwarten die Gutachter für 2040 im Straßenverkehr: Viele Berliner werden künftig mit dem Auto länger unterwegs sein, bis sie in ein Flugzeug steigen können. 
Grafik: IHK Berlin/ Verkehrsgutachten zur Anbindung des BER

Die Situation für die Autofahrer werde dadurch verschärft, dass Bewohner des Berliner Nordwestens längere Wege bewältigen müssen, bis sie in ein Flugzeug steigen können. Von Spandau und Reinickendorf je nach Wohnort wird die Autofahrer zum BER oft 80 oder 90 Minuten dauern, bis zu vier Mal länger als heute. Pankower müssen in den meisten Fällen mit 70 Minuten Autofahrt rechnen.

„Mit dem Nahverkehr ist der BER aus weiten Teilen Berlins grundsätzlich schneller zu erreichen als im Pkw“, so Eder. Wer aus Spandau, Reinickendorf oder Pankow kommt und diese Art der Fortbewegung wählt, kann die Fahrzeit auf eine Stunde oder weniger drücken. Wer in Friedrichshain, Lichtenberg, Wilmersdorf oder Charlottenburg per Bahn startet, braucht meist 30 oder 40 Minuten.

Das ist geplant: Alle zehn Minuten wird eine S-Bahn, vier Mal stündlich ein Regionalzug von Berlin zum BER verkehren. Direktverbindungen sind unter anderem ab Wannsee, Spandau, Hauptbahnhof, Gesundbrunnen, Ost- und Südkreuz geplant. Wer sich dort in den Regionalzug setzt, muss nicht umsteigen.

Mit den S-Bahn-Linien S9 und S45 ergeben sich noch mehr direkte Routen. Nicht zu vergessen: Von Berlin werden auch BVG-Busse zum neuen Flughafen verkehren. So soll im Anschluss an die U7 der X7 von Rudow über Schönefeld (künftig Terminal 5) zum BER fahren. Der X11 verbindet Steglitz und andere Stadtteile mit dem neuen Hauptstadt-Flughafen. Die neue Linie X71 erschließt weitere Stadtgebiete.  

Auf längeren Abschnitten werde es genug Platz in den Zügen geben: Dort erwarten die Gutachter eine mittlere, kurz vorm BER nur eine geringe Auslastung des Nahverkehrs. „Um diesen Vorteil weiter zu stärken, ist für die IHK klar, dass der Nahverkehr weiter optimiert und ausgebaut werden muss. Er ist der Schlüssel, um die Herausforderungen zu bewältigen“, mahnte Eder. Die Zahl der Fahrten müsse erhöht, der Betrieb stabiler gestaltet werden.

Bessere Verbindungen aus dem Osten Berlins

Im Gutachten ist auch davon die Rede, dass "attraktivere Tarifoptionen" notwendig sind. Dazu zählt auch das umstrittene 365-Euro-Jahresticket für Berlin, das der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) im Sommer vorgeschlagen hat. Allerdings würde die Gültigkeit kurz vor Schönefeld an der Stadtgrenze enden. Zudem hat die IHK Bauchschmerzen, ob eine solche zusätzliche konsumtive Ausgabe im Landeshaushalt sinnvoll wäre. Wie berichtet wird für die BVG und S-Bahn ein zusätzlicher Zuschussbedarf von 270 Millionen Euro pro Jahr erwartet. „Grundsätzlich ist es richtig, den Nahverkehr auch durch zusätzliche Tarifangebote attraktiver zu machen. Über ein 365-Euro-Ticket ist aber noch zu diskutieren“, so der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Neue Strecken wären auf jeden Fall nötig. Von einer  „Nahverkehrstangente“ parallel zum Außenring würde der Osten Berlins profitieren. Die U7 müsse über Rudow hinaus mindestens zum jetzigen Flughafen Schönefeld weiter fahren, so Eder. „Ohne Ausbau des Nahverkehrs droht der Verkehrsinfarkt auf der Straße.“

So ist es derzeit: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind die beiden Flughäfen derzeit gut zu erreichen. Allerdings ist der Anteil des Nahverkehrs in Tegel (ohne Schienenanschluss) mit 50 Prozent geringer als in Schönefeld, wo 75 Prozent der Fluggäste per Nahverkehr anreisen.
Grafik: IHK Berlin/ Verkehrsgutachten zur Anbindung des BER
Das erwarten die Gutachter für 2040 im Nahverkehr: Auch für viele Bahnnutzer verlängert sich die Fahrzeit zum nächsten Flughafen. Trotzdem geht es auf der Schiene meist schneller zum BER als auf der Straße.
Grafik: IHK Berlin/ Verkehrsgutachten zur Anbindung des BER