Der Ort passt. Für Engländer, männliche zumal, ist die Oranienburger Straße in Mitte ein beliebter Trinkort. So beliebt, dass die Betreiber der Bar „Aufsturz“ extra ein Schild angebracht haben. „Bitte keine Junggesellenabschiede“, steht darauf, auf englisch und deutsch.

Es ist acht Uhr abends, drinnen sind meisten Tische besetzt, an einem sitzt eine Gruppe junger Engländer. Von Rausch ist nichts zu spüren, die Stimmung ist nüchtern. Sie sind überwiegend zwischen 25 und 40, einige leben erst ein paar Wochen in Berlin, andere schon viele Jahre. Hinter ihnen ist eine EU-Fahne drapiert. Rund zehntausend Briten sind in Berlin gemeldet, viele von ihnen machen sich Sorgen über das am 23. Juni bevorstehende Referendum über einen EU-Austritt Großbritanniens. In Umfragen liegen Befürworter und Gegner etwa gleichauf.

Keiner kann sich genau vorstellen, was passiert, wenn das Königreich die EU verlässt. Was ist, wenn Briten künftig Visa brauchen, um in Deutschland zu leben? Was wird mit der Anerkennung von Abschlüssen? Werden Briten künftig weiterhin die europäische Gesundheitskarte in Anspruch nehmen können, die eine Grundversorgung gewährleistet? „Bisher ist völlig unklar, welche Folgen ein EU-Austritt für die Reisefreiheit haben wird“, sagt Jon Worth, der Initiator des Treffens in der Aufsturz-Bar. Zwei Jahre hat Premier David Cameron für mögliche Austrittverhandlungen angesetzt. Auch wenn unklar ist, wie das Verhältnis zwischen Europa und Großbritannien künftig geregelt wird, könnte das Leben in Deutschland für Briten künftig komplizierter werden, sagt der Politik-Berater Jon Worth. Die Unsicherheit ist groß.

Es ist nicht das erste Treffen, das der 35-Jährige organisiert hat. Am Vorabend war er in Hamburg, um besorgten Landsleuten Tipps zu geben, wie sie sich bei einem Austritt wappnen können. Zu einem Workshop vor einigen Wochen in Berlin kamen über hundert Leute.

Anfragen verdoppelt

An diesem Abend in der Bar spürt man den Frust über die Europa-Paranoia auf der Insel, lange wird über Einbürgerung diskutiert. Der Internet-Aktivist Paul May, seit Januar in Berlin, weiß bereits, dass man acht Jahre in Deutschland gelebt haben muss, bevor man sich um einen Pass bewerben kann. Aber er hat gehört, dass sich die Wartezeit um die Hälfte reduziert, wenn man einen deutschen Partner hat. „Für einen deutschen Pass würde ich heiraten“, sagt er nur halb im Scherz. Ihn zieht es wie viele Internet-Aktivisten nach Berlin, weil er hier sicher arbeiten kann.

Das Interesse an einer Einbürgerung ist groß. Seit 2008 hat sich die Zahl der Einbürgerungen aus Großbritannien verdoppelt, wenn auch von einem niedrigen Niveau ausgehend. Auch die britische Botschaft bestätigt, dass die Anfragen in den vergangenen Monaten zugenommen haben. Schon verrückt, wenn man bedenkt, wie sehr Engländer und Deutsche sich einmal gehasst haben, nach zwei Kriegen – nun kommt eine neue Generation, und kann es gar nicht abwarten, Deutsche zu werden. Jon Worth hat schon einen Termin vorgemerkt, wann er frühestens Deutscher werden kann, im November 2019. Ein Problem damit, den britischen Pass abzugeben, hätte er nicht, sagt er. Ihm ist wichtig, dass er sich in Europa problemlos bewegen kann.

Manche Sorgen scheinen übertrieben. Matt Hanley aus Liverpool will ab Herbst European Studies an der FU Berlin studieren und fürchtet, dass er als Nicht-EU-Ausländer gezwungen werden könnte, einen Einkommensnachweis vorzulegen. Bisher fordert die FU solche Nachweise nicht. Hanley hat einen Weg gefunden, wie er auch bei einem Austritt von den Vorteilen der EU profitieren kann. Er hat seine Familiengeschichte durchforstet und ist auf irische Urgroßeltern gestoßen. „Damit habe ich Anspruch auf einen irischen Pass“, sagt der 36-Jährige. Beim Referendum abstimmen wird er trotzdem. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Befürworter der Mitgliedschaft gewinnen können. Briten sind wahlberechtigt, wenn sie weniger als 15 Jahre im Ausland leben.

Initiator Jon Worth hat sich schon entschieden. Als er sagt, er werde für einen Austritt stimmen, sind einige am Tisch überrascht. Die meisten Briten in Deutschland wollen eher, dass ihr Land in der EU bleibt. Worth hat sich viele Gedanken gemacht. Er hat beobachtet, wie aggressiv die Haltung seines Landes gegen die EU geworden ist. Er fürchtet, dass die Euro-Skeptiker auch dann stärker werden, wenn sie das Referendum verlieren. Großbritannien stehe einer weiteren Integration im Wege, und verhindert Reformen. „Die EU würde von einem Austritt profitieren“, sagt Worth. Die Kneipe hat sich gefüllt, die Gesichter sind gerötet. Auch an den anderen Tischen hört man viel Englisch.

Ist den Engländern überhaupt bewusst, dass sie keine Junggesellenabschiede in Berlin mehr feiern können, wenn ihr Land die EU verlässt, dass es zumindest schwerer wird, betrunken hin- und herzureisen? Paul May lacht. „Wenn Ryanair Anzeigen schalten würde, würde vielen die Gefahren erst mal bewusst werden.“ Dann überlegt er und sagt: „Vielleicht ist das keine schlechte Idee, vielleicht hilft uns Ryanair.“