Köln - Nach einer ungewöhnlichen Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen an einer Gelsenkirchener Klinik ist noch immer nicht klar, was die Ursachen sein könnten. Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium will sich nun einen genaueren Überblick verschaffen und alle Klinken in NRW abfragen. Im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen waren zwischen Mitte Juni und Anfang September drei Kinder mit fehlgebildeten Händen geboren worden. Bei den Kindern waren jeweils an einer Hand Handteller und Finger nur rudimentär angelegt. Ein erster Vergleich der betroffenen Familien ergab keinen Hinweis auf eine mögliche Ursache. Was könnte also der Grund für die Fehlbildungen sein?

Etwa 40 von 10.000 Kindern kommen mit Fehlbildungen zur Welt

Es sei zwar auffällig, dass es in dieser kurzen Zeit in Gelsenkirchen gleich drei Fälle gegeben habe, doch die Häufung könnte statistisch noch normal sein, sagt Dr. Peter Tönnies, Chefarzt der Frauenklinik im Krankenhaus Bethanien in Moers. Von 10.000 Kindern würden 40 mit Fehlbildungen aller Art geboren.„Aus Einzelfällen lässt sich kein kausaler wissenschaftlicher Zusammenhang herstellen. Die Gründe für die Fehlbildungen dieser Babys sind nicht zweifelfrei nachzuweisen“, sagt Tönnies, der auf Geburtshilfe und Perinatalmedizin spezialisiert ist. Dennoch gebe es vier Möglichkeiten, die zu den Fehlbildungen geführt haben könnten:

Von außen einwirkende Schadstoffe (exogene Noxen)

Einzelstoffe aus Medikamenten oder Industrieprodukten, die der Mutter nichts anhaben, können in Einzelfällen in einem bestimmten Zeitraum für den Embryo im Mutterleib gefährlich sein. Als besonders kritisch gilt die sechste und siebte Schwangerschaftswoche, da in dieser Zeit Arme und Beine gebildet werden.

Infektionen

Auch Infektionen können zur Bildung von Giftstoffen führen, die dem Embryo schaden können. Hier sind die sechste bis achte Schwangerschaftswoche als besonders kritisch zu betrachten. Nach der 13. Woche ist die Entwicklung des Babys so gut wie abgeschlossen und es wächst nur noch.

Genetische Faktoren

Einige Schadstoffe können den Chromosomensatz des Embryos beeinflussen und den „Bauplan“ des Kindes verändern. Mutter oder Vater des Babys können diese Mutationen bereits in sich tragen, ohne dass sie selbst Symptome aufweisen, und an das Baby weitergeben. Manchmal treten auch sogenannte Spontanmutationen im Mutterleib auf. Fälle dieser Art seien aber in der Regel komplexer, sagt Tönnies: „Da ist dann nicht nur ein Arm betroffen, sondern auch andere Teile des Körpers.“

Abschnürungen

Das Kind ist im Mutterleib durch eine Hülle geschützt, Amnion genannt. In seltenen Fällen können sich in dieser sogenannten Eihülle Bänder bilden, die sich um die Extremitäten des Babys wickeln. Es kommt zu Durchblutungsstörungen und Arme und Beine entwickeln sich nicht mehr richtig. „Erfahrene Feindiagnostiker können das bei einem Ultraschall erkennen und würden die Eltern auch darüber aufklären. Das ist auch eine ethische Frage. Was dann die Konsequenz ist, ist eine andere Frage“, sagt Tönnies.

Fehlbildungen auch in Euskirchen und Frankreich

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete von ähnlichen Handfehlbildungen auch im Landkreis Euskirchen. Auch in Frankreich waren zuletzt 20 ähnliche Fehlbildungen bei Babys aufgetaucht. Die meisten traten im Verwaltungsbezirk Morbihan im äußersten Westen des Landes auf, einige wurden aber auch aus dem Osten aus einem ländlichen Gebiet bei der Stadt Lyon gemeldet. In der Öffentlichkeit wird über womöglich verunreinigtes Grundwasser oder Pestizide spekuliert, eine wissenschaftliche Bestätigung dafür gibt es nicht.

Es fehlt ein bundesweites Register

Man müsse diesen Fällen jetzt nachgehen und die Ursachen genau untersuchen, fordert Tönnies. „Die wichtigste Konsequenz muss ein bundesweites Register sein, in dem Fehlbildungen systematisch und detailliert erfasst werden.“ Bisher gibt es eine solche Sammlung nicht.

Laut einer Bundesauswertung zur Perinatalstatistik des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) seien 2017 in Deutschland 6884 Kinder mit Fehlbildungen in Krankenhäusern geboren worden, wie das Bundesgesundheitsministerium mitteilte. Das seien etwa 0,89 Prozent der Neugeborenen.

Die Perinatalstatistik verzeichnet demnach allerdings nur die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen Kinder - sie beinhaltet keine Informationen über die Art der Fehlbildung. Wie häufig die Extremitäten betroffen waren, lässt sich also nicht ermitteln.

„Natürlich kann ich verstehen, dass Schwangere jetzt beunruhigt sind. Aber ich gehe davon aus, dass es ein zufälliges Geschehen ist. Abgesehen von engmaschischen Kontrollen beim Frauenarzt ist es für allgemeine Tipps leider noch zu früh“, sagt Tönnies.
(mit dpa und AFP)