Viel Krieg, viele Versehrte: Was Berliner Prothesenbau mit Ukrainern zu tun hat

Die 1919 in Kreuzberg gegründete Firma Ottobock versorgt heute ukrainische Schwerverwundete. Die Stadt hat jahrhundertelange Erfahrung mit Kriegsinvaliden. 

Männer, die im Ersten Weltkrieg ihre Beine verloren hatten, trafen sich in einer Berliner Badeanstalt zu einem Schwimmwettbewerb. 
Männer, die im Ersten Weltkrieg ihre Beine verloren hatten, trafen sich in einer Berliner Badeanstalt zu einem Schwimmwettbewerb. Imago/United Archives

Kriege liefern Schreckenszahlen wie diese: 500 Menschen werden täglich in der Ukraine verletzt, verlieren Gliedmaßen. Nicht alle, aber viele benötigen Prothesen für verlorene Arme und Beine. Als Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im Juni die Ukraine besuchte, versprach er Hilfe bei der Versorgung von Kriegsversehrten – konkret ging es um Container-Werkstätten zur Herstellung von Prothesen der Firma Ottobock.

Das Unternehmen gehört zur Weltspitze, hat seinen Berliner Sitz in der von Stararchitekt Chipperfield umgebauten Bötzow-Brauerei in der Nähe des Alexanderplatzes. Gegründet wurde es 1919 in Kreuzberg, Köpenicker Straße 147, und zwar in der Nachbarschaft seinerzeit innovativer Firmen wie Schuch & Wiegel, Telegraphen-, Telephon- und Blitzableiterfabrik und Granger & Hyan AG für Wasserheizung und Wasserleitung.

Massenbedarf nach dem Ersten Weltkrieg

Otto Bocks Orthopädische Industrie GmbH entwickelte die damals bahnbrechende Prothesenpassteilfertigung im Sinne von Konfektionsgrößen. Angesichts des Massenbedarfs an Prothesen infolge des Ersten Weltkriegs ermöglichte das neue Verfahren die Serienproduktion der einzelnen Teile, die dann individuell angepasst werden konnten.

Nun kommt das über 100 Jahre verfeinerte Otto-Bock-Know-how ukrainischen Kriegsopfern zugute. Bereits seit Anfang September arbeitet ein mobiler Werkstatt-Container in Lwiw, ausgestattet mit allen für die Prothesenproduktion notwendigen Geräten, Werkzeugen und Materialien, angedockt „an ein lokales Krankenhaus in Lwiw und dort von den Maltesern betrieben“, wie Firmensprecher Sebastian Zavelberg auf Anfrage dieser Zeitung mitteilt. Nach Anschluss an Strom- und Wasserversorgung war die Container-Werkstatt sofort einsatzbereit. Zusätzlich wird im Krankenhaus ein Versorgungszentrum für Patienten eingerichtet und ausgestattet, die Prothesen brauchen.

Die Beinprothese Genium X3 von Ottobock erlaubt ein aktives Leben.
Die Beinprothese Genium X3 von Ottobock erlaubt ein aktives Leben.Ottobock

Auch das Personal hat die Firma Ottobock, wie sie sich heute nennt, eingearbeitet: Zwei ukrainische Techniker wurden drei Wochen lang ausgebildet, so der Sprecher, und zwar „sowohl traditionell in der Fertigung des Prothesenschafts auf Basis eines Gipsabdrucks als auch mit modernen digitalen Mitteln, also der Erfassung der Maße via Scan und anschließendem 3D-Druck an einer zentralen Fertigungsstelle zum Beispiel in Deutschland“.

Insgesamt stellte das Unternehmen bislang die Komponenten für die Versorgung von 200 Patientinnen und Patienten, je nach individuellem Bedarf und zu Sonderkonditionen bereit. Die Kosten für den Container, das Versorgungszentrum und die Prothesen-Komponenten trägt das Auswärtige Amt aus Mitteln für humanitäre Notfallhilfe.

Eigene Versorgungszentren betreibt Ottobock in der Ukraine nicht und entsendet „aus Sicherheits- und Versicherungsgründen“ auch keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dorthin. Das Unternehmen verfüge daher auch nicht über Informationen zur Anzahl der Schwerverwundeten, so Sebastian Zavelberg. Allerdings wisse man aus Gesprächen mit lokalen Partnern, dass die Verletzungen sehr komplex sind: „Sie stammen oft von Explosionen und Feuer, was die Versorgung erheblich erschwert. Die Anpassung einer Prothese braucht Hautkontakt. Verbrennungen müssen vorher abheilen.“ Das kann bis zu neun Monate dauern.

Ein himmelschreiendes Elend

Schon bei ihrer Gründung stand die Firma Otto Bocks in einer langen Berliner Tradition. Mit Krieg und heimkehrenden Versehrten kannte sich Deutschland aus, die Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 war den Älteren noch gegenwärtig, auch die Opfer der friderizianischen und napoleonischen Kriege waren nicht vergessen. Verwundung bedeutete damals zunächst die Sorge, ob man die mit Messern und Sägen ohne Betäubung durchgeführte Amputation von Arm oder Bein überleben würde. Und dann war kaum mehr als Krücke und Holzbein zu erhoffen.

Doch der Erste Weltkrieg übertraf alles bis dahin Gesehene: Mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten kehrten als dauerhaft versehrte Kriegskrüppel in die Heimat zurück. Das Elend der Schwerbeschädigten war himmelschreiend, ihre soziale Lage katastrophal.

Angesichts der Dimension wurde 1914 erstmals eine öffentliche Kriegsfürsorge eingerichtet, die die Kriegskrüppel wieder fit für den Alltag und möglichst arbeitstauglich machen sollte. Entscheidende Voraussetzung: gute Prothesen, möglichst kostengünstig. Längst nicht alle konnten mit dem besten Verfügbaren versorgt werden. Da Arbeitskräfte fehlten, richteten Unternehmer spezielle Arbeitsplätze ein, die es Kriegsversehrten ermöglichten, mithilfe von Prothesen bestimmte gleichförmige Handgriffe auszuführen.

Überall Holzbeine

Allgegenwärtig waren die Männer mit ihren Holzbeinen und Lederhänden auch noch als der nächste Weltkrieg begann und abermals Millionen verstümmelt und traumatisiert heimkehrten. Wieder erzwang das Elend Innovation.

Jahrhundertelang hießen die versehrten Leute „Invaliden“ – das lateinische „invalidus“ bedeutet „ohne Wert, schwach, hinfällig“. Nach den Schlesischen Kriegen 1748 ließ Friedrich II. ein Invalidenhaus für seine dienstuntauglichen Soldaten und Offiziere errichten, die dort eine kostenlose Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, ärztliche Betreuung fanden. Das Haus gab der Invalidenstraße ihren Namen, so wie die Taubenstraße nicht nach dem Geflügel heißt, sondern nach den vom Geschützlärm Ertaubten. Das Invalidenhaus bot Platz für 631 Personen; aufgenommen wurden Beschädigte, die „unmittelbar vor dem Feind gestanden“ hatten.

Die extrem teuren Prothesen blieben Wohlhabenden vorbehalten – obwohl es schon seit der Antike solche Körperersatzstücke gab und der fränkische Ritter Götz von Berlichingen (1480–1562), der 1504 seine Rechte durch einen Kanonenschuss verloren hatte, für seine eiserne Hand mit beweglichen Fingern berühmt wurde. Doch der Mann brauchte stets eine zweite, gesunde Hand, um die eiserne Faust zu ballen oder zu lösen. Immerhin konnte der Reichsritter mit seiner „Funktionsprothese“ das Schwert (oder zivile Werkzeuge wie Löffel) in seiner Faust arretieren.

Berliner Tüftler

300 Jahre später tüftelte der Berliner Zahnarzt Peter Baliff (1775–1831) an einer durch die Kraft des Körpers angetriebenen Handprothese. Im Invalidenhaus konnte er sicherlich jede Menge Probanden finden. 1812 stellte er seine Arbeit vor: Mithilfe zweier Seilzüge konnten Finger durch Bewegungen des Ellenbogens beziehungsweise der Schulter gestreckt und gekrümmt werden. Ein Zug bewegte Zeige- bis Kleinfinger, der zweite den Daumen. Beide Züge verliefen von einem Brustgurt nahe der Achselhöhle ausgehend zur Hand. Große Kraft erzeugte die Konstruktion nicht, und bei ungeeigneten Armbewegungen fielen die ergriffenen Gegenstände zu Boden. Doch ein Anfang war gemacht.

Was Baliffs Konstrukt noch an Praxistauglichkeit fehlte, gelang wenige Jahre später ebenfalls in Berlin – und zwar einer Frau: Caroline Eichler (1808–1843). Die Bandagistin und Feinmechanikerin entwickelte die erste wirklich brauchbare künstliche Hand und erhielt am 24. November 1839 dafür ein preußisches Patent.

Das erste Patent erhielt eine Frau

Es war nicht ihre erste Meisterleistung: Schon 1832 hatte sie eine Beinprothese mit beweglichem Kniegelenk vorgestellt und dafür am 23. November 1833 als erste Frau in Preußen ein Patent erhalten. Johann Friedrich Dieffenbach, Leiter der Chirurgie an der Berliner Charité, setzte die eichlersche Fußprothese bei einem seiner Patienten ein und lobte die Konstruktion ausdrücklich. Als „Verfertigerin künstlicher Füße und Hände“ wirkte Caroline Eichler weiterhin in Berlin.

Nachdem der Berliner Forscher Rudolf Virchow 1855 mit seiner Zellenlehre das Verständnis von gesunden und kranken Körperzellen auf eine solide Grundlage gestellt hatte, wagte sich der Berliner Chirurg Themistocles Gluck (1853–1942) erstmals an ein Implantat: Er setzte 1890 Knieprothesen aus Elfenbein ein und befestigte sie mit Zement an tuberkulös veränderten Knochen. Der Versuch scheiterte, weil Gluck die mit solchen Eingriffen verbundene enorme Infektionsgefahr noch nicht beherrschen konnte.

 Sauerbrucharm mit Hüfnerhand
Sauerbrucharm mit HüfnerhandWikipedia/Bartenstein
Der Unterarm Myo Plus von Ottobock ist ein mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Spitzenprodukt, das über die europaweit erste Prothesensteuerung mit Mustererkennung verfügt.
Der Unterarm Myo Plus von Ottobock ist ein mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Spitzenprodukt, das über die europaweit erste Prothesensteuerung mit Mustererkennung verfügt.Ottobock

Den nächsten großen Fortschritt vollbrachte der Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875–1951). Im Jahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, entwickelte er ein aufwendiges Verfahren zur Verbesserung der Handprothesen: Der Sauerbrucharm ermöglichte es, die Hand mithilfe des Oberarmmuskels zu bewegen. Zunächst musste durch den Oberarmmuskel ein Hauttunnel gelegt werden, durch den ein Elfenbeinstift führte. Durch Muskelanspannung wurde der Stift angehoben und die Finder schlossen sich – der Übergang von der passiven zur aktiven Prothetik.

Stauffenberg mit Sauerbrucharm

Sauerbruch perfektionierte das Verfahren laufend und übernahm die sogenannte Hüfnerhand, entwickelt vom bayerischen Uhrmacher Jakob Hüfner, der für armamputierte Kriegsteilnehmer einen Mechanismus entwickelt hatte, der Muskelbewegungen auf Daumen und Zeigefinger übertrug. Sauerbruch, der ab 1927 an der Berliner Charité arbeitete, verwendete die hüfnersche Zweizughand für seinen Sauerbrucharm.

Der wohl bekannteste mit einem Sauerbrucharm ausgestattete Patient war der Hitlerattentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Sauerbruchs Erfindung half nach 1945 rund 50.000 armamputierten Männern, sich wieder in das Berufsleben einzugliedern. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Prothetik einen weiteren Innovationsschub. 

Es geht noch besser

Perfektionierte Beinprothesen sind heutzutage bereits so gut, dass sie die Funktion der natürlichen Gliedmaßen vollständig ersetzen, ja sogar übertreffen, wie die Streitigkeiten um die hohen Leistungen prothesentragender Sprinter zeigen: Sie laufen schneller als die nur natürlich ausgestattete Konkurrenz. Auch die Firma Ottobock mit heutigem Hauptstandort in Duderstadt bietet eine Vielzahl erstaunlicher Arm- und Beinprothesen an, die ein selbstbestimmtes Leben erlauben.

Das Ende der seit Jahrhunderten währenden Entwicklung ist noch lange nicht erreicht. Heute strebt die Forschung danach, bewegliche und elektronisch steuerbare Prothesen an das körpereigene Nervensystem anzuschließen. Und Stammzellenforscher träumen von prothetischer Gentherapie: Die soll dann Ersatzgliedmaßen wachsen lassen.