Der Karneval der Kulturen wurde fast 20 Jahre von der Werkstatt organisiert.
Foto: Markus Wächter

Berlin Die Werkstatt der Kulturen in der Neuköllner Wissmannstraße 32 entstand 1993 als Anlaufstelle für Berliner mit ausländischen Wurzeln. Damals wurde das Projekt von der Ausländerbeauftragten gefördert. Bereits drei Jahre später realisierte die Werkstatt eine Idee, die nicht nur jeder Berliner kennt, sondern die auch viele Touristen anlockt: Der erste Karneval der Kulturen zog durch Kreuzberg. 

Seit 2015 hat der Straßenumzug zu Pfingsten, der es mittlerweile auf etwa eine Million Besucher bringt, zwar andere Organisatoren. Die Werkstatt der Kulturen gibt es aber weiterhin. Ab 1. Januar 2020 erhält der Kulturstandort in der Wissmannstraße einen neuen Träger. Das gab am Montagvormittag Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bekannt. Für die neue Trägerschaft gab es eine Ausschreibung, für die es sechs Bewerbungen gab. Erfolgreich war am Ende eine Initiative namens „Kultur neu denken“ (KND), zu der fünf Frauen gehören.

Umstrittener Straßenname

Der Ort: Die Kultureinrichtung befindet sich in der Wissmannstraße 32. Sie ist benannt nach Hermann von Wissmann (1853–1905). Er war Reichskommissar, Kolonialbeamter und Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.                                                                                                              Der Vorwurf: Wissmann sollte für „geordnete politische Verhältnisse“ in der Kolonie sorgen. Er wird für Massaker an Einheimischen verantwortlich gemacht. Sie wurden damals auch im Reichstag als barbarisch kritisiert.                                                                                      Der Streit: Seit Jahren wird immer wieder gefordert, die Straße umzubenennen. Seit 2018 soll das Bezirksamt die Umbenennung aktiv angehen. In der DDR wurden Wissmannstraßen in den 50er-Jahren umbenannt. 

Sie haben Erfahrungen in Bereichen wie Kunst, Soziales, Wissenschaft, Kulturmanagement und Wirtschaft, stammen aus verschiedenen Ländern und leben in Berlin. Der Senator zeigte sich angetan. „Ihr Konzept ist echt klasse“, sagte Lederer. Es sei originell und professionell. „Diese fünf Frauen haben klar gewonnen und sich mit weitem Abstand von den anderen abgesetzt“, sagte er. Die Entscheidung sei daher leicht gefallen. Die neuen Träger werden ab 2020 jedes Jahr mit 940000 Euro gefördert.

Proteste und Demos

Als die Ausschreibung der Trägerschaft bekannt wurde, gab es Proteste und sogar eine Demo vor der Senatskulturverwaltung. Befürchtet wurde, dass dieser beliebte und erfolgreiche Treffpunkt für migrantische Kulturtreibende abgeschafft wird. Eine Adresse, die sich auch als Ort der Vielfalt, der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und der praktischen Hilfe für Flüchtlinge versteht.

„Das war keineswegs beabsichtigt“, beteuerte Lederer. Das Siegerkonzept zeige, dass auch die neuen Betreiber „auf dem Zweck des Ortes aufbauen“. Das bisherige Konzept der Vielfalt werde nun noch stärker in Richtung künstlerische Exzellenz ausgerichtet. Saskia Köbschall von der Gruppe KND sagte: „Das Haus soll ein Ort der Kultur und des Wissens sein mit einem künstlerisch hochwertigen Programm.“

Illegale Siedlung

Die Wissmannstraße 32 solle aber auch weiterhin ein kieznaher Treffpunkt für viele migrantische Gruppen sein, sagte Tmnit Zere von KND. „Sie sollen sich dort vernetzen.“ Außerdem sei vorgesehen auch internationale Debatten dort zusammenzuführen. „Und es soll jedes Jahr ein Straßenfest geben“, sagte Tmnit Zere. Die fünf Frauen planen zunächst Projekte, die jeweils sechs Monate dauern sollen. „Dabei gibt es immer eine Ausstellung sowie Musik, Filme, Bildungsveranstaltungen und auch einen Radio-Podcast“, sagte Nathalie Mba Biloro.

Das erste Projekt befasst sich mit dem Freistaat Barackia, der 1871 von 1000 Leuten am Kottbusser Damm gegründet wurde – damals noch außerhalb der Stadt gelegen. Die illegale Siedlung bestand aus Holzhütten. Viele Arbeitsmigranten seien dabei gewesen sowie Leute, die im gerade boomenden Berlin obdachlos geworden waren. Sie gaben sich eine Selbstverwaltung und nannten sich Freistaat Barackia – bevor sie von der Polizei geräumt wurden. „Sie schufen sich eine Utopie von Gemeinschaft“, sagte Nathalie Mba Biloro. Daran solle nun erinnert werden – in Zeiten, in denen Berlin wieder boomt und in denen es wieder eine Wohnungskrise gibt.

Überprüfung alle fünf Jahre

Als konkretes Projekt klingt das Konzept schlüssig. Doch in der theoretischen Beschreibung erscheint es komplizierter. Die fünf Frauen machten klar, dass all ihre Ideen mehreren Perspektiven folgen sollen. Immer wieder nannten sie zum Teil wenig bekannte Fachbegriffe wie dekolonial, klassenkritisch, diasporisch, queerfeministisch und neurodivers sowie barrierefrei.  

Es geht also darum, dass in der Wissmannstraße vor allem Minderheiten oder Gruppen, die in der Gesellschaft bisher eher eine untergeordnete Rolle gespielt haben, einen Ort finden, um sich zu treffen, um Kultur zu machen und zu erleben und sich auszutauschen. „Wir wollen Menschen ansprechen, die vom Kulturbetrieb sonst oft ausgeschlossen sind“, sagte Louna Sbou. Senator Lederer wird diese Art von Kulturstätten weiter im Blick haben: „Unser Ziel ist es, dass sich alle Einrichtungen mit öffentlicher Finanzierung alle fünf Jahre der Frage nach dem Konzept und einem Wechsel stellen.“