Vietnam ist mir als Berliner nicht fremd. Wir Kinder zuckelten Ende der 60er-Jahre mit dem Handwagen durchs Viertel, um Flaschen, Gläser und Altpapier zu sammeln. Das Geld spendeten wir für Vietnam, wo der Krieg tobte. Ich glaube, dass mindestens ein Fahrrad auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad von uns stammte.

Heute leben Zehntausende Vietnamesen in Berlin. Meine Frau kennt einige von ihnen näher. Wir feierten auch schon gemeinsam Tet-Fest. Eines Tages legte mir meine Frau ein Reiseangebot auf den Tisch: gut zwei Wochen Vietnam. „Haste Lust?“, fragte sie. „Na klar!“, brummte mein innerer Berliner sofort begeistert. „Feuchte Hitze! Und Mücken! Malaria, Dengue-Fieber, Typhus. Jute Reise!“ Aber am Ende siegte die Neugier. Und so flogen wir vor einem Monat los, um die ursprüngliche Heimat unserer vietnamesischen Mit-Berliner kennenzulernen.

Vietnam: Es gibt sie wirklich, die jadegrünen Reisfelder

Was soll man sagen: Es gibt sie wirklich, die jadegrünen Reisfelder, die Leute mit den flachen Kegelhüten und die Wasserbüffel – genau wie im Kinderbuch „Das blaublumige Büffelkind“, das ich einst liebte. Fahrräder sieht man kaum noch, dafür unzählige Mopeds. „Jott sei dank musstest du damals keen Jeld für’n Moped sammeln“, ätzt mein innerer Berliner. „Hätte länger jedauert.“

„Den“ Vietnamesen an sich gibt es übrigens nicht, sondern 54 Volksgruppen, die Viet, Blumen-Hmong, Muong, Tai, Hoa, Cham oder Khmer heißen. So bunt wie die Namen ist das ganze Land. Voller Kontraste.

Jetzt kann ich auch besser nachvollziehen, was viele der ersten Vietnamesen fühlten, die vor Jahrzehnten aus ihren subtropischen und tropischen Gefilden nach Deutschland kamen. „Boah“, fluchte mein innerer Berliner bei der Rückkehr vor wenigen Tagen. Er hatte noch die vietnamesische Brille auf. „Wat für ’ne Kälte! Die Luft riecht überhaupt nich. Und wat is mit den Bäumen los? Allet kahl. Ham die Entlaubungsjift jesprüht? Und warum jibt et nich dreimal am Tach warmet Essen – Reis, Nudeln, Fisch, Gemüse, Suppe? Wat soll ick hier am Abend essen? Vollkornstulle mit Leberwurscht?“ Aber ich habe mich schnell wieder eingewöhnt.

Straßenverkehr in Vietnam: Trotz des Chaos gibt es kaum Unfälle

Übrigens noch etwas, liebe Verkehrspolitiker Berlins! Den hiesigen Streit zwischen Autofahrern, Radlern und Fußgängern könnte man beenden, indem man einfach den Verkehr von Hanoi und Saigon hier einführte. Fast nur Mopeds! Sie brummen dicht an dicht durch die Stadt, beladen mit vierköpfigen Familien und Hund, Umzugs-Hausrat, den Waren eines ganzen Gemüsestandes. Ein Spaß!

Der Verkehr vollzieht sich nach kaum erkennbaren Regeln. Ampeln werden ignoriert. Auf der Kreuzung fährt man einfach in den Strom der Entgegenkommenden hinein und schlängelt sich irgendwie durch. Wird es so eng, dass man am Bordsteinrand nicht mehr überholen kann, rollt man auf dem Fußweg weiter. Wie ein Fischschwarm, der ab und zu einem Auto ausweicht, bewegen sich Tausende Mopeds durch die Stadt.
Trotz des Chaos gibt es kaum Unfälle. Wieso? Der Grund ist, dass jeder auf den anderen achten muss und niemand volle Pulle durchbrettern kann. Kurzes Hupen, rein in die Lücke, Bremsen, Stopp, Fuß auf die Straße, wrrm, weiter geht’s im Slalom.

Wer als Fußgänger auf den richtigen Moment zum Rübergehen wartet, der endet irgendwann als Straßenrand-Mumie. Nein, man geht einfach los, langsam aber sicher. Man wird umspült vom Verkehrsstrom, bis man drüben ist. Wenn man das überstanden hat, überlebt man auch den Rest – die tropische Hitze und die Mücken im Mekong-Delta.