Der Film „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ kreist um die 18-jährige Dora – ein geistig behindertes Mädchen, das voller Kraft und voller Unschuld das Liebesleben entdeckt. Für die 25-jährige Berlinerin Victoria Schulz war die Rolle der Dora ein Geschenk und eine Herausforderung, genau zum richtigen Moment. Denn als sie vor vier Jahren von einem Casting-Mann auf einer Premierenparty im Theater Hebbel am Ufer angesprochen wurde, probte sie gerade für ihr Vorspiel an der Schauspielschule in Babelsberg.

Zwar muss dessen Ansprache – nach dem Motto: Du sieht so aus, als könntest du ein geistig behindertes Mädchen spielen! – etwas heikel gewesen sein. Victoria Schulz erinnert sich, dass dem Caster ihr junges und gleichzeitig reifes Gesicht aufgefallen war. Doch sie war sofort bereit, sich in diese Rolle zu stürzen, vor der so viele erfahrenere Kandidatinnen zurückgeschreckt waren.

Szenen, die provozieren

„Ich habe keinen großen Widerstand gespürt, habe gleich verstanden, was Dora bewegt und antreibt. Sie folgt ihrem Trieb, ohne Scham, bewertet ganz anders, als wir es tun würden.“ Das führt zu Szenen, die provozieren. So verfolgt Dora, einen Apfel in der Hand, einen wildfremden Mann, wird von ihm in einer Toilette missbraucht – und findet nichts Schlimmes daran: „Scheide-Pimmelchen, ist doch schön!“ Sie wird die Geliebte des Mannes. Starker Tobak für das Publikum, harter Stoff auch für die Schauspieler.

„Peter ist der Erste, der sie nicht schont oder beschützt – deshalb zieht es sie weiter zu ihm“, erklärt Victoria Schulz. Die Filmdebütantin hatte hier mit Lars Eidinger gleich einen Star der Zunft vor sich und kann wirklich absolut neben ihm bestehen. Die Sex-Szenen zwischen Dora und Peter hat sie nie angezweifelt. „Sie sind doch existenziell für diese extreme Geschichte!“ Dazu gehörte für sie auch, sich als nackte Dora ganz natürlich zu zeigen. Für die Bettszenen mit Lars Eidinger hatten sie sich eine bestimmte Choreografie zurechtgelegt, die Raum für Improvisationen ließ. Extremer verliefen aber die Szenen mit Jenny Schily als Doras Mutter. Die will selbst noch ein Kind und wehrt sich umso heftiger gegen die Schwangerschaft der Tochter.

Dass mancher Zuschauer nicht gleich merkte, dass Dora von einer nicht behinderten Schauspielerin gespielt wird, nimmt Victoria Schulz als Wertschätzung. Denn das Impulsive sei ihr eher fremd – sie selbst bezeichnet sich sogar als „verkopft“. Sie hatte sich in der Vorbereitung Aufführungen des RambaZamba-Theaters angesehen, deren behinderte Schauspieler sie stark beeindruckten – einige spielen in Nebenrollen im Film mit. Beim Drehen mit ihnen musste Schulz aufpassen, dass sie in ihrer Rolle als Dora blieb – der Drang, einzugreifen, zu helfen, war stark. In den Vorbereitungen hatte sie mit Schauspieltrainerin Teresa Harder eine Sprache für Dora entwickelt. Um sich in eine Frau mit dem geistigen Entwicklungsstand einer Achtjährigen hineinzuversetzen, beobachtete sie aber auch ihre jüngeren Geschwister ganz genau, lernte von deren Offenheit und Naivität.

Victoria Schulz fiel mit ihrem ersten Filmauftritt derart auf, dass schnell ein weiteres Angebot folgte. Im Film „Von jetzt an kein zurück“, der vor einigen Wochen in Programmkinos lief, spielte sie eine weitere extreme Rolle: Ein Mädchen, das anno 1968 von der überforderten Familie in ein katholisches Mädchenheim gesteckt wird und gegen den Drill der Nonnen aufbegehrt.

An der Rolle der Ruby reizte sie auch, dass sie im Film einen Sprung um zehn Jahre macht – aus der Rebellin wird eine alkoholsüchtige Sängerin. Nach den Erfahrungen, die sie mit diesen beiden Kinofilmen machte, verabschiedet sie sich wieder von der Babelsberger Filmhochschule, um freiberuflich zu arbeiten. Sie sieht sich dabei durchaus nicht ausschließlich als Schauspielerin, interessiert sich ebenso für Drehbuch und Regie. Zu ihren Helden zählt sie Lars von Trier und Rainer Werner Fassbinder. Und auch privat lässt sie der Film nicht los: Vor einigen Monaten ist sie vom gutbürgerlichen Pankow, wo sie jeden Winkel kannte, und wo sie in der Jugendkunstschule ihre Spiellust austesten konnte, nach Neukölln unweit des Tempelhofer Felds gezogen, wo sie sich gern Film in Programmkinos wie dem neuen Wolfkino ansieht.

Aber erst mal muss sie in eine ganz neue Rolle hineinfinden: Die 25-jährige Schauspielerin, die als „Dora“ das Kind in sich wieder entdeckte, wird in wenigen Wochen Mutter.