Vittorio Radice ist so eine Art Warenhaus-Philosoph. In Zeiten, in denen ganze Kaufhaus-Ketten ums Überleben kämpfen, hat er Ideen für die Zukunft der Sparte entwickelt – jedenfalls für die Luxusnische. Bisher pendelt der Top-Manager noch zwischen London und Mailand, aber jetzt steht wohl häufiger auch Berlin auf seinem Reiseplan.

Denn als Verwaltungsratschef der italienischen Kaufhauskette La Rinascente ist er inzwischen auch für das KaDeWe mit zuständig. Rinascente hat kürzlich 51 Prozent an der KaDeWe-Gruppe übernommen, zu der auch das Münchner Oberpollinger und das Alsterhaus Hamburg gehören.

Einen Namen hat sich Radice in Großbritannien gemacht. Dort verpasste er dem angestaubten Kaufhaus Selfridges in den 90er Jahren ein neues, cooles Image – mit lauter Pop-Musik statt einlullendem Gedudel, Bodypiercing-Salons und schrillen Events wie Massenfotos mit hunderten nackten Kunden im Stammhaus an der Londoner Oxford-Street. Die Verkaufszahlen verdoppelten sich in kurzer Zeit. Zuvor hatte er schon die britischen Habitat-Einrichtungshäuser verjüngt.

Kein Topf, sondern ein Traum von einem Topf

Radices Motto lautet: „Handel ist Unterhaltung“. In Interviews hat der 58-Jährige, der Designeranzüge trägt und raspelkurzes graues Haar, ausgiebig darüber sinniert, wie man die Leute ins Kaufhaus lockt. Dabei inspiriert ihn die Vergangenheit. „Kaufhäuser waren die Souks des 19. Jahrhunderts“, sagt er. Man sei hingegangen, um zu flanieren und schöne Dinge zu bewundern. „Die Leute wollten verblüfft werden, eine einzigartige Erfahrung machen. Und dann kauften sie.“

Der Sohn eines Möbelhändlers vom Comer See hat Agrarwissenschaft studiert und ging 1990 nach London, wo er dann doch im Handel landete. Ab 2005, als ihn La Rinascente anheuerte, arbeitete er wieder in Italien, behielt aber mit Frau und Söhnen den Londoner Wohnsitz bei.

Den Flagship-Store von Rinascente in Mailand hat er in einen Luxus-Konsumtempel verwandelt. Das Haus wurde modernisiert, jedes Stockwerk von einem anderen bekannten Architekten gestaltet. Statt einer Haushaltswarenabteilung gibt es den „Design-Supermarkt“, wo Küchenutensilien von Philippe Starck, Möbel von Kartell, Lampen von Artemide und Objekte von Ettore Sottsass zu erwerben sind, die auch mal 15.000 Euro kosten. „Die Leute wollen keinen Topf, sie wollen den Traum von einem Topf“, sagt Radice, „einen Topf, der Gesprächsstoff hergibt.“

Das Einkaufen als i-Tüpfelchen

Seine wichtigste Maxime: Die Leute gehen nicht ins Kaufhaus um zu kaufen. Sie haben sowieso schon mehr als sie brauchen. Also suchen sie ein Freizeiterlebnis, Entspannung, Erholung. Das Kaufhaus müsse ein Ort sein, wo man sich auf einen Kaffee trifft, sagt Radice. Das Kaufen ist dann das i-Tüpfelchen. „Wenn es nicht erholsam ist, eine Tasche für tausend Euro zu kaufen, was dann?“, sagt er. So eine Tasche brauche ja keiner.

Wichtige Kunden sind die Touristen. „Die Leute arbeiten immer weniger, was machen sie also in ihrer Freizeit? Sie reisen“, sagt Radice. „Und an den Urlaubsorten geben sie Geld aus, weil sie Erinnerungen mitnehmen wollen.“ Touristen und Luxus, das ist die Basis der Expansionsstrategie von Rinascente. Seit die Kette 2011 von der thailändischen Central Retail Corporation gekauft wurde, hat sie erst das Kaufhaus Illum in Stockholm übernommen, nun die KaDeWe-Gruppe – alles Nobelhäuser und schon jetzt Sehenswürdigkeiten.

300 Millionen Euro will Radice in das KaDeWe investieren

Über das KaDeWe hatte Radice vor Jahren gesagt, es sei das einzige Kaufhaus, das er in Deutschland überhaupt besuche – und auch nur die Feinschmecker-Etage. „Als ich die zum ersten Mal sah, sagte ich: Wow, davon kann man eine Menge lernen.“ Alles Übrige habe ihn gar nicht begeistert.

Nun hat er angekündigt, das KaDeWe werde umgebaut. 300 Millionen Euro sollen in die drei deutschen Häuser investiert werden, mehr als die Hälfte davon in Berlin. Radice schwebt auch vor, die Öffnungszeiten zu verlängern. Restaurants und Gourmet-Etage sollen sonntags offen sein. Und eine Terrasse mit Blick über Berlin könnte er sich vorstellen, sagt er. Ein Kaufhaus muss schließlich Erholung bieten.