BerlinEs war einer dieser kleinen Streits, eine dieser üblichen Corona-Debatten. Die Familie hockte seit Wochen zwangsweise zu Hause im ersten Lockdown. Die Euphorie des Anfangs hatte sich schon etwas abgenutzt, und in manchen Stunden erschien die heimische Burg recht eng. Das vertraute Zuhause war nun auch noch eine Schule, und ungeübt, wie wir in der neuen Rolle als Lehrer waren, diskutierten wir viel. Das empfand das Kind mitunter als Streit. Als irgendwann mal ein Wort das andere gab, ging der Junge einfach weg. Zack, die Tür war zu. Nicht laut, aber bestimmt.

Irgendwann holte er mich in sein Zimmer und bat um Hilfe. Er gab mir Anweisungen für ein Bild: Ich malte zwei Menschen und strich sie durch wie bei einem Verkehrsschild. Darüber sollte ich „Streitverbot“ schreiben und darunter „Befehl des Kaisers vom Fantasieland“. Als meine Frau das Bild sah, bekam der Sohn und Kaiser einen Kuss. Er freute sich und malte selbst ein Bild. Das hängt nun mit dem Verbotsschild im Flur und darauf steht: „Für die beste Mama der Welt“.

Die Familie ist ein Ort der Konflikte, aber auch ein Ort der Versöhnung. Im Idealfall ist die Familie ein Ort der Sicherheit, in der idyllischen Verklärung gar ein Hort der Harmonie. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Familie eine Falle ist, ein Gefängnis, ein Ort der Gewalt.

Wie wichtig die Familie ist, zeigt sich im Corona-Jahr 2020, das definitiv ein Jahr der Familie ist. Sie ist die wichtigste Institution der Gesellschaft, ihr Kern. Ihre kleinste soziale Zelle, ihr kleinster gemeinsamer Nenner.

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Eine Botschaft auf einem Parkplatz in Berlin-Steglitz.

Die Familie ist zugleich eine so alltägliche Institution, dass lange nicht über sie nachgedacht worden ist. Das hat sich in den vergangenen Monaten der Pandemie geändert. Jetzt, in der größten gesellschaftlichen Krise seit Jahrzehnten, wird  ständig die Bedeutung der Familie betont. Eltern und Kinder werden allerdings nicht gerade bevorzugt, sondern auch im zweiten Lockdown allein gelassen. Ein Widerspruch.

Es sind Zeiten, in denen Fremde, die das Virus und damit  den Tod bringen könnten, als potenzielle Feinde gelten. Selbst Bekannte und Freunde können Gefährder sein. Die Familie bleibt – auch juristisch – das letzte Bollwerk des Zusammenlebens, das im Lockdown von Verboten zumindest halbwegs verschont bleibt. Zum Weihnachtsfest die Kernfamilie zu trennen, das würden sich nicht mal Karl Lauterbach und Markus Söder trauen. Und doch gibt es Regeln, Einschränkungen. 

Weihnachten ist für Christen wichtig, weil sie die Geburt Christi feiern, die Menschwerdung ihres Gottes. Für Christen und Nichtchristen gleichermaßen ist Weihnachten das Fest der Familie. Und ein Fest der Erinnerung an die Kindheit; alle wissen noch, wie aufgeregt sie als Kinder auf die Bescherung gewartet haben. Deshalb wird Weihnachten oft verklärt: In der dunkelsten Zeit des Jahres sitzt die Familie bei flackernden Kerzen am Baum. In diesem Jahr sollen nur fünf Erwachsene mit Kindern feiern dürfen, und die Kernfamilie darf nicht mal beide Omas und Opas einladen.

Der Begriff Familie stammt vom lateinischen Gesinde ab und meint die Dienerschaft. Diese Familie wurde über Jahrtausende regiert vom Patron, vom Hausherrn, dessen Worte Gesetzeskraft hatten. Die Familie bestand aus Kindern und Großeltern, oft auch anderen Verwandten und Gehilfen, die auf einem Bauernhof lebten. Und nicht nur im Königshaus ging es in der Ehe darum, die Macht und das Eigentum der Sippe zu erhalten und mehren. Die bürgerliche Kleinfamilie ist ein Konstrukt, das erst im 17. Jahrhundert aufkam.

„Kein Ort des reinen Glücks“

Heute wird Familie nicht mehr als ökonomische, sondern als emotionale Einheit gesehen. Was zählt - oder zählen sollte -, ist die Liebe. Als Familie gilt meist die Zwei-Generationen-Familie aus Eltern und Kindern – daneben gibt es andere Formen wie Patchworkfamilien, Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern.

Die Familie wird gerade an diesen Weihnachtstagen zu einer Projektionsfläche für jene, die keine Kinder haben, die nun nicht wie sonst verreisen dürfen, die allein zu Hause sitzen. Ein Sehnsuchtsort? 

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Unter Kernfamilie wird hierzulande die Zwei-Generationen-Familie aus Eltern und Kindern verstanden.

„Familie ist im besten Fall der Ort, an dem man sich geborgen und verbunden fühlt“, sagt Anne Katrin Liedtke vom Institut für Rechtspsychologie in Halle. „Aber selbst dann ist es kein Ort des reinen Glücks.“ Denn niemand kann etwas für seine Herkunftsfamilie. „Die Familie ist das, was man mitbekommt, Freunde sucht man sich aus. Die Familie bekommt man geschenkt, die kann man nicht abwählen“, sagt Liedke, die 57 Jahre alt ist und gerade ihre Enkel zu Besuch hat.

Und alle in der Familie haben eine eigene Biografie, die sie zum Weihnachtsfest mitbringen und die dann, wenn sie aufeinandertreffen, oft ihre volle Wirkung entfaltet. Denn die individuellen Prägungen sind oft im Kräftemessen in der Familie entstanden. Die Familie gehört nämlich auch zu den wichtigsten Plätzen des sozialen Lernens: Dort müssen Kinder ständig mit Eltern und Geschwistern bestimmte Dinge aushandeln. Im Positiven ist die Familie eine Schmiede der sozialen Kompetenz, im Negativen ein Experimentierplatz, auf dem bei den Heranwachsenden auch verbogene Ansichten entstehen können. Und weil die Familie auch der Ort der härtesten sozialen Kontrolle ist, kennt und fürchtet jeder die Stärken und Schwächen der anderen – aber auch die eigenen.

„Ich kenne alles Grausame in Familien“

„Oft gibt es innerfamiliäre Konfliktfelder, die gerade zu Weihnachten aufbrechen, weil viele gerade an diesen Tagen immer wieder in alte Verhaltensmuster verfallen“, sagt Anne Katrin Liedtke. Sie ist Sachverständige für Familienrecht und hat vor allem mit hochstrittigen Fällen zu tun - wenn Eltern vor Gericht um die Kinder streiten, wenn  Kinder nicht mehr bei den Eltern leben wollen oder können. „Ich kenne alles Grausame in Familien“, sagt die Psychologin. „Ich kenne Familien, in denen Kinder sexuell missbraucht werden – von Eltern oder von Geschwistern. Ich kenne Familien, in denen der Vater diktatorisch durchregiert, in denen er mit körperlichen Zwangsmaßnahmen agiert und die Kinder das nachmachen. Oder Familien, in denen sich kleine Kinder selbst Essen suchen oder sich um die Eltern kümmern müssen, weil die seelisch krank sind oder abhängig. Die Familie ist keinesfalls zwingend ein glücklicher Ort.“

Die Bilanz der Gewalt hinter verschlossenen Türen spricht nicht unbedingt für das Lebensmodell: Bundesweit tötet rein statistisch jeden dritten Tag ein Mann seine Frau oder Ex-Partnerin. Im Jahr 2019 wurden nach Angaben des Bundeskriminalamtes 141.792 Opfer häuslicher Gewalt gezählt. Klar ist dabei, dass die meisten Fälle gar nicht angezeigt werden. Experten gehen davon aus, dass die Kurve 2020 wegen der Pandemie weiter nach oben geht. Paare, die sich eigentlich trennen wollten, hocken gemeinsam im Lockdown. Homeoffice und Homeschooling oder plötzliche Arbeitslosigkeit können auf aggressive Leute wie Brandbeschleuniger wirken.

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Mit solchen Plakaten wird auf die Zunahme häuslicher Gewalt im Corona-Jahr aufmerksam gemacht.

Und doch bleibt die Familie oft eine verschworene Gemeinschaft. Anne Katrin Liedtke erzählt von Kindern aus widrigsten Umständen, die lieber dort, in ihrer schwierigen Familie, bleiben wollen, als ins Heim zu gehen. „Dieser komische Spruch, dass Blut dicker als Wasser ist, scheint zu stimmen. Bei der Familie zeigt sich unser tiefes Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören, und da bevorzugen die meisten die Familie vor einer anonymen Gruppe.“

Wenn in einer Familie einer dieser klassischen Weihnachtstreits ausbricht, zeigt sich, wie tief die Prägungen sind. Und die Kränkungen auch. „Es sind meist nicht die großen Katastrophen, etwa Vernachlässigung oder bewusste Herabwürdigung, sondern kleinere Dinge, die die Leute als Kind vermisst haben“, sagt Liedtke. Es gehe darum, dass sie sich von Eltern oder Geschwistern nicht richtig wahrgenommen fühlen, dass sich die Eltern nicht für sie interessiert haben. Das hat für Kinder Folgeschäden: Die unsichere Beziehungswelt der Kindheit sorgt im Erwachsenenalter für Beziehungsprobleme. „Und dann sitzen alle an der Festtafel, und die Kinder, die lange schon erwachsen sind, merken, dass die Familiendynamik wieder voll zuschlägt, dass sich die Eltern noch immer nicht für sie interessieren, dass sie sich genau wie immer verhalten. Aber die Kinder reagieren nicht mehr wie immer, sondern lassen es krachen.“

Corona-Weihnacht als Chance

Was also tun? Weihnachten absagen? Sich freuen, dass die Pandemie einen Grund liefert, die nervigen Verwandten nicht zu treffen? Liedtke sagt, dass – wie fast immer – das Reden wichtig sei. Und ergänzt: „Ich finde, eine Familie ist dann gut, wenn die größten Leichen im Keller irgendwann wenigstens mal angeschaut und besprochen wurden, damit sie dann geruchssicher verpackt werden können und nicht mehr stinken.“ Dann könne die Familie auch Weihnachten beieinander sein, ohne dass die negativen Sachen jedes Mal wieder aufploppen. Und dann sagt die Psychologin noch einen klugen Satz: „Der schlechteste Zeitpunkt für grundsätzliche Diskussionen ist Weihnachten. Es ist besser, die ewigen Problemfälle lange vorher zu besprechen.“

Die  Corona-Weihnacht sei sogar eine große Chance für jene Familien, die mutig sind, sagt Anne Katrin Liedtke. „Beim Weihnachtsfest geht es ganz viel um Erwartungen und Traditionen, mit denen wir alle groß geworden sind und die wir mitunter nicht weiterführen wollen.“ Aber auch erwachsenen Kindern falle es oft schwer, so zu feiern, wie sie es selbst wollen. Und endlich mal nicht in die Kirche zu gehen oder im Heimatdorf bei den Eltern die Gans zu verspeisen.

Also: Jetzt, im Pandemie-Jahr, können die erwachsenen Kinder umdenken. Müssen sich nicht wieder in die Kinder ihrer Eltern verwandeln und immer weitermachen. Endlich haben sie eine Ausrede, können ausscheren aus ungeliebten Ritualen, alten Mustern, ohne sich schuldig zu fühlen.

Das Weihnachtsmodell 2020 können dann alle mit dem alten Modell vergleichen und sich für 2021 ein freiwilliges Weihnachtsfest basteln, das vielleicht besser passt. Und wenn dann jemand fragt, wie das Fest denn gewesen sei, muss keiner mehr sagen: „Ich war froh, als es vorbei war.“

Weihnachten soll kleine Kinder glücklich machen

Wir haben schon vor Jahren mit alten Traditionen gebrochen, wir hatten eine Ausrede: Unser Kind machte uns zu einer eigenen Familie. Also reisten wir nicht mehr hektisch und nacheinander erst zu den einen Eltern und dann schnell zu den anderen. Wir sagten: Weihnachten soll doch vor allem kleine Kinder glücklich machen. Also müssen nun alle zu uns und unserem Sohn kommen.

Und der hat – genau wie die Psychologin – als Kaiser des Fantasielandes ein Streitverbot verhängt. Und weil er als Kind oft intuitiv richtig handelt, malte er noch dieses Bild mit dem Herzen, in das er schrieb: „Für die beste Mama der Welt.“ Das ist nicht nur ein Lob, sondern auch eine Mahnung, dass Eltern die Pflicht haben, die Sache mit der Familie ernst zu nehmen.