Vor einer Woche hatte der langjährige Aufsichtsratschef des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes, Hartmann Kleiner, seinen Rückzug Ende Juni angekündigt. Doch nach der Aufsichtsratssitzung schrieb der 70-Jährige einen Brief an Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) und teilte ihm mit, dass er sein Mandat sofort niederlege. Und zwar wegen Nußbaum, der Mitglied im Aufsichtsrat ist. „Ihr massives Eingreifen, mit dem Sie mir Vorschriften über die Gestaltung des Auswahlverfahrens machen wollen“ – gemeint ist die Suche nach einem neuen Geschäftsführer – „zwingt mich zu der Feststellung, dass das Vertrauensverhältnis zu mir nicht oder nicht mehr besteht“, schreibt Kleiner.

Zwei Versionen der Geschichte

Mitglieder des Aufsichtsrats berichten dagegen, der Senator habe nur darauf hingewiesen, bei der Formulierung der Stellenanzeige zu berücksichtigen, dass weibliche Bewerber Männern bei gleicher Qualifikation vorgezogen werden.

Der Konflikt zwischen Kleiner und dem Senator schwelt seit längerem. „Nußbaum hat mir bereits im März gesagt, er erwarte, dass ich mich zurückziehe“, sagt Kleiner. Er sei aber bis 2015 gewählt worden. Auch hierzu gibt es eine zweite Version. Es sei von Anfang an vereinbart gewesen, dass Kleiner sich nach der Hälfte seiner Amtszeit aus dem Aufsichtsrat verabschiedet, heißt es.

Verkörperung des alten West-Berlin

Kleiner gibt sonst keine Interviews. Doch am Freitag hat er in sein Büro im Haus der Wirtschaft am Ernst-Reuter-Platz geladen. „Ich war mehr als 30 Jahre lang im Dienst meiner Heimatstadt tätig. Jetzt bin ich wohl nicht mehr erwünscht“, sagt der gebürtige Berliner. Mit Eberhard Diepgen, dem späteren Regierenden Bürgermeister der CDU, habe er Jura studiert. Er war Geschäftsführer der Unternehmerverbände, saß in den Aufsichtsräten von Landesbank und BVG und ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Rentenversicherung.

In gewisser Weise verkörpert Kleiner das alte West-Berlin. Mit dem forschen Senator aus Bremen kam er nie zurecht. Dass Nußbaum Ende 2012 Kleiners langjährigen Mitstreiter – den Aufsichtsratschef der Wohnungsbaugesellschaft Degewo, Karl Kauermann – wegen möglicher Interessenskollisionen entließ, muss Kleiner als Affront empfunden haben. Schließlich sitzt Kauermann auch im Aufsichtsrat von Vivantes, aus dem ihn der Senator ebenfalls abberufen wollte. Damit konnte er sich nicht durchsetzen. Geschäftsführer Joachim Bovelet hat den Klinikkonzern dagegen im April verlassen. Der Senator hatte ihm ebenfalls mangelnde Abgrenzung zu möglichen Eigeninteressen vorgeworfen. Kleiner wiederum hält Bovelet für einen der besten Klinikmanager.

Kritik auch an Czaja

„Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die jetzige Generation von Politikern Verantwortung der Aufsichtsräte durch eigene Verantwortung ersetzt“, sagt Kleiner und meint damit auch Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Czaja gehört dem Aufsichtsrat von Vivantes ebenfalls an und hat nichts unternommen, um Kleiner zu halten. „Herr Dr. Kleiner hat über zwölf Jahre den Aufsichtsrat sehr gut geführt“, sagt der Gesundheitssenator. Sein Nachfolger müsse neue Herausforderungen bewältigen.

Designierter Nachfolger ist Peter Zühlsdorff. Wie Kleiner hat er vor einem Jahr seinen Aufsichtsratsposten bei der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner nach einem Streit mit der damaligen Senatorin Sybille von Obernitz hingeschmissen. Kleiner weist darauf hin, dass Zühlsdorff mit seinen 72 Jahren zwei Jahre älter ist als er selbst – und somit nicht für einen Generationenwechsel stehe. Eine Abschiedsfeier bei Vivantes lehnt er ab.