Von solchen Lohnsprüngen träumen nur Piloten. Bis zu zehn Prozent mehr Gehalt fordern die Ärzte der neun landeseigenen Vivantes-Kliniken. Am Montag hat der Marburger Bund nach seinem Warnstreik am 30. April eine Urabstimmung über eine Ausweitung des Arbeitskampfes begonnen. Bis 1. Juni sollen die Ärzte per Briefwahl ihr Votum abgegeben. Die Geschäftsführung von Vivantes hat zuletzt eine zweistufige Erhöhung um 5,2 Prozent bis Mitte nächsten Jahres angeboten.

„Das ist die Schmerzgrenze“, sagt Personalchef Christian Friese. „Außerdem haben wir 30 Tage Urlaub zugesagt. Mit diesem Angebot zahlen wir dann mehr als die Charité und andere Träger in Berlin.“ Die Maximalforderungen des Marburger Bundes würden sich auf rund 13 Millionen Euro pro Jahr belaufen, sagt der Personalchef. Profitieren würde davon nur eine relativ kleine Gruppe von 1 750 Assistenz- und Fachärzten. Zum Vergleich: Ebenfalls 13 Millionen Euro machen die kürzlich vereinbarten Tariferhöhungen für die anderen Vivantes-Beschäftigten aus, allerdings auf 13 000 Pflegekräfte, OP-Schwestern und Techniker verteilt.

Kernforderung des Marburger Bundes ist neben einer generellen Lohnerhöhung die Einrichtung einer sechsten Gehaltsstufe für Assistenzärzte ab dem sechsten Jahr Betriebszugehörigkeit und ab dem 13. Jahr für Fachärzte. Damit will der Marburger Bund die Abwanderung von Ärzten verhindern. „In den vergangenen Jahren hat Vivantes zehn Prozent weniger bezahlt als andere Klinikträger“, sagt Reiner Felsberg, Geschäftsführer der Ärztegewerkschaft. Zudem wolle die Geschäftsführung von Vivantes erst rückwirkend zum 1. April statt zum 1. Januar den Lohn um 5,2 Prozent erhöhen. „Es bleibt also bei drei Leermonaten, obwohl der Tarifvertrag zum 31.12.2013 gekündigt wurde“, sagt Felsberg.

Zurzeit verdient ein Assistenzarzt bei Vivantes durchschnittlich 4 600 Euro brutto im Monat, ein Facharzt kommt nach zehnjähriger Beschäftigung auf 6 500 Euro. Geht es nach dem Marburger Bund, soll Letzterer künftig 670 Euro mehr verdienen, Vivantes bietet 340 Euro mehr.

„Wie soll ich das einem Kollegen verständlich machen, der einen Stundenlohn von 6,39 Euro erhält“, kommentiert Giovanni Ammirabile, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Vivantes, die Gehaltsforderungen der Ärztegewerkschaft. Er ist an den Tarifverhandlungen nicht beteiligt und sagt, er wolle keine Neiddebatte, jeder Mitarbeiter sei berechtigt, Forderungen zu stellen. „Aber ich hätte mir gewünscht, dass der Fokus mehr auf Arbeitszeitmodelle zur Vereinbarung von Familie und Beruf, die Vermeidung von Überstunden gelegt wird.“

Mächtige Lobby

Mit dem Marburger Bund hätten die Ärzte eine mächtige Lobby. Intensiv- oder OP-Schwestern, die mindestens eine ebenso hohe Verantwortung wie Mediziner tragen, treten bescheidener auf. „Sie haben keine eigene Gewerkschaft“, sagt Ammirabile.

Reiner Felsberg vom Marburger Bund rechnet mit einer hohen Wahlbeteiligung bei der Urabstimmung, zu der die 800 in der Gewerkschaft organisierten Vivantes-Ärzte aufgerufen sind. Für einen Streik ist eine Dreiviertelmehrheit erforderlich.