Volker Hassemer zum Tempelhofer Feld: „Die Berliner Zukunft hat nicht nur mit Beton und Steinen zu tun“

Die Debatte über die Neugestaltung des Flughafenareals in Tempelhof ist in vollem Gang. Was soll mit dem Flugfeld geschehen, nachdem die Bebauung abgelehnt wurde? Wie kann das Gebäude genutzt werden? Der frühere Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer rät zu Geduld. Und er empfiehlt der Politik, die Bürger ernsthaft in den Gestaltungsprozess einzubeziehen.

In Tempelhof gibt es einen Zehn-Jahres-Vertrag mit der Modemesse Bread & Butter, die die Hangars und Haupthalle zweimal im Jahr nutzen kann. Das war eine Notlösung, die aber leider dazu geführt hat, das andere dauerhafte Nutzungen nicht möglich sind. Was soll dort passieren?

Wir tun uns schwer mit dieser Notlösung, weil sie vieles blockiert. Die Strategie sollte jetzt sein, dass sich der Senat in einer Zeit, in der das Feld gewissermaßen durch die Bürger bestellt wird, auf die Entwicklung des Gebäudes konzentriert. Das Gebäude ist großartig und geradezu furchtbar groß. Es hat ein enormes Potenzial. Wenn schon die alten Gewerbehöfe in Berlin als wunderbare Plätze für neue Entwicklungen entdeckt werden, dann gehört dieses Gebäude erst Recht dazu. Dort ist Platz für eine touristische Nutzung bis zur Ansiedlung von Unternehmen. In zehn Jahren werden wir das Ganze sicher in neuer Klugheit sehen.

Die Geschichte hat in Tempelhof einen besonderen Platz, weil der Flughafen zentraler Ort der Luftbrücke war. Wieweit wird die Geschichte in Zukunft eine Rolle spielen?

Sie sollte eine Rolle spielen. Dazu gehört, dass das Alliiertenmuseum von Dahlem nach Tempelhof zieht. Ansonsten fände ich es sehr gut, wenn man nicht nur im Hinblick auf die Geschichte überlegt, was die Schätze sind, die das Tempelhofer Feld birgt. Das sind historische, aber auch stadträumliche Schätze. Und die muss man identifizieren. Wie ist es eigentlich im Übergang zwischen dem Platz der Luftbrücke und dem Tempelhofer Feld? Dadurch, dass das früher ein Flughafen war, ist der Platz komplett vom Feld abgehängt. Und die Frage steht, wie die Stadt in den Flughafen hineinführbar ist. Zugleich muss die wunderbare freie Sicht von der Stadtautobahn auf das Feld erhalten bleiben, eine besondere Form der Stadterfahrung.

Inwieweit kann über das Alliiertenmuseum hinaus die Luftfahrt in Tempelhof eine Rolle spielen?

Das weiß ich nicht, aber sie sollte eine Rolle spielen. Die Welt kennt Tempelhof als einen großen Ort der Luftfahrt. Es könnte sich lohnen, mit dieser Welt, die sich für Luftfahrt interessiert, in Korrespondenz zu treten, um Ideen und vor allem aber auch mögliche Partner zu sammeln.

Der Architekt Volkwin Marg, der den Flughafen Tegel mit entwarf, hat vor Jahren vorgeschlagen, dort das weltgrößte Luftfahrtmuseum zu errichten.

Ich will mich da nicht festlegen. Ein Luftfahrtmuseum kann man überall errichten. Aber klar ist: Hier in Tempelhof wäre es Zuhause.

Müsste es eine Debatte über die Nutzung, wie sie zum Tempelhofer Feld geführt wird, nicht auch zum Flughafengebäude geben?

Das Gebäude ist wunderbar, aber ein schwerer Brocken. Es benötigt öffentliche Investitionen, um das Ganze wieder in Gang zu bringen. Da sollte sich der Senat nicht aus der Verantwortung stehlen. Ich habe aber den Eindruck, dass sich die Wirtschaftsverwaltung dafür in die Pflicht nehmen lassen will.

"Tempelhof ist ein günstiges Experimentierfeld"

Für das Gebäude wird auch eine kulturelle Nutzung angestrebt, durch die Volksbühne und die Neue Nationalgalerie. Ist das richtig?

Ja, da ist viel Platz, das ist ja das Schöne. Die kulturellen Nutzungen sind in vielen Formen temporär angelegt. Das passt zum heutigen Tempelhof. Aber auch für anderes ist Tempelhof ein günstiges Experimentierfeld, das man nutzen sollte. Ich denke da vor allem an den Sport, der sich ja in Berlin nicht mehr damit beschäftigen muss, für das IOC Olympia zu organisieren.

Sie haben das Tempelhofer Feld schon angesprochen – zurzeit wird mit den Bürgern an einem Pflege- und Entwicklungsplan für das Feld gearbeitet. Was soll dort passieren?

Angesichts der Entstehungsgeschichte, ist das, was da jetzt passiert, durchaus positiv. Die Geschichte ist deswegen tragisch, weil es damals zu einer gemeinsamen Erörterung über dieses Feld gar nicht gekommen ist. Sondern es haben sich zwei Mächte gegenübergestanden. Einerseits die Politik und andererseits die Gesellschaft. Und zwischen diesen beiden Mächten ist die Schlacht entschieden worden – durch den Volksentscheid. Es war eine sachlich nicht unbedingt begründete Entscheidung. Dass der Senat danach gesagt hat, die Bürger sollen in Ruhe nun auch miteinander reden, wie sie mit dem Feld umgehen wollen, finde ich gut.

Was kann am Ende des Findungsprozesses für ein Ergebnis stehen?

Zunächst mal sollte man von einem Ende des Verfahrens nicht reden. Es ist doch auch so: Die Nutzer, die sich jetzt mit dem Feld befassen, haben möglicherweise in zwei oder drei Jahren kein Interesse mehr daran. Es ist schon deshalb wichtig, dass neue Leute und Impulse dazu kommen. Der Senat hat das Ganze zu einer großen Spielwiese erklärt. Das ist eine Chance, da darf man den Sack nicht zu früh zumachen.

Müssen wir das Feld nicht irgendwann doch bebauen?

So schnell würde ich nicht denken. Das Flughafenfeld ist eines der wichtigsten Zeichen dafür, dass Berlin noch Platz für Zukunft hat. Das Areal des Flughafens Tegel ist ein weiterer solcher Ort, übrigens auch der Teufelsberg. Da immer nur die Frage zu stellen, wie bebauen wir diese Orte, ist zu einfach. Die Berliner Zukunft hat nicht nur mit Beton und Steinen zu tun, sondern genauso mit Erfindungsreichtum und Faszination, Platz für Neues, was wir heute noch gar nicht kennen können. Tempelhof ist zunächst einmal ein Erfindungsort für den Umgang mit einer freien Fläche. Es gibt keinen Grund, den Leuten, die jetzt das Feld nutzen, zu sagen, geht da weg. Aber zu sagen, sie können da in 20 oder 30 Jahren noch genauso agieren wie heute, wäre auch falsch.

Haben Sie eine Vorstellung, wie das Feld in 30 Jahren aussieht?

Das kann heute keiner sagen. Und es sollte auch niemand. Den Leuten, die das Feld heute nutzen, würde es kalt den Rücken runterlaufen, müssten sie sich verpflichten, das 20 Jahre lang so weiterzumachen. Zukunftsorte sollten die Qualität haben, auch für eine spätere Zukunft zur Verfügung zu stehen.

Was bedeutet die Debatte um Tempelhof für die vielen anderen Projekte von heute?

Mir fällt die Debatte um die historische Mitte ein, also das Gebiet rund um den Fernsehturm und das Humboldt-Forum und darüber hinaus die eigentliche Mitte der Stadt. Dort ist es bisher trotz guten Willens nicht gelungen, eine gemeinsame konstruktive Arbeit auf den Weg zu bringen, weil der Senat den Prozess offensichtlich am Ende des Tages wieder in seinen Händen behalten will. Aber so etwas wie die Berliner Stadtmitte ist eben nicht Eigentum der Politik und der Verwaltung allein. Die Entscheidungen treffen schließlich natürlich die gewählten Politiker. Aber warum kann die Vorbereitung dieser Entscheidungen nicht gleichberechtigt und auf Augenhöhe von der Gesellschaft mitbearbeitet werden?

Was wäre der Vorteil?

So kann die Qualität anschließender Entscheidungen besser werden. Und in dem Maße, in dem die Bürger einbezogen werden, zwingt sie die Politik geradezu in eine Form der Mitverantwortung. Das ist der neue Weg. Die abschließenden Entscheidungen bleiben bei der Politik. Bei der Vorbereitung aber relativiert sie ihre eigene Position, indem sie sich den Erkenntnissen und Argumenten der Bürger öffnet. Das ist auch ein Weg, um der Politik wieder Kraft zu geben. Auch die Kraft, abstruse Vorschläge zurückzuweisen.

Das Interview führte Ulrich Paul.