In diesen Tagen fällt wieder erstaunlich viel Unterricht aus in Berlin. An einigen Oberschulen haben alle Schüler sogar mehrere Tage frei, weil sämtliche Lehrer mit den mündlichen Abitur-Prüfungen zu tun haben. An anderen Oberschulen konnte ein tagelanger Unterrichtsausfall aber vermieden werden.

Kein Unterricht soll mehr ausfallen

Da passt es, dass an diesem Dienstag unter dem Motto „Unterrichtsgarantie – Schluss mit dem Unterrichtsausfall“ ein neues Volksbegehren in Berlin startet. Initiiert wird es von der Lehrervereinigung „Bildet Berlin!“, der Landeseltern- sowie der Landesschülerausschuss tragen es mit. Ziel ist, dass künftig kein Unterricht mehr ausfällt oder fachfremd vertreten wird.

Derzeit fallen laut Initiative etwa 400 000 Unterrichtsstunden pro Schuljahr komplett aus, 1,6 Millionen weitere Schulstunden werden vertreten. Dabei gilt eine solche Stunde bereits dann als vertreten, wenn ein Lehrer einfach ein Arbeitsblatt verteilen lässt oder eine andere Stunde vorgezogen wird. Oft werden Klassen oder kleinere Lerngruppen auch zusammengelegt. Die Initiative fordert stattdessen, im Schulgesetz einen Fachlehrerbedarf von 110 Prozent festschreiben zu lassen. Dann stünden ausreichend Fachlehrer bereit, die dann mit dem nötigen Fachwissen einspringen können. Das kostet: Berlin müsste etwa 2 700 voll ausgebildete Lehrer zusätzlich einstellen, die derzeit nur schwer zu finden sind. Diese würden laut Initiative 110 Millionen Euro pro Jahr kosten, der Senat geht in seiner Kostenschätzung von 158 Millionen Euro aus.

Auch Kinder mit Behinderung könnten gezielter gefördert werden

Was aber sollen diese zusätzlichen Lehrer machen, wenn gerade kein Vertretungsunterricht anfällt? Dann könnten kleinere Lerngruppen eingerichtet werden, so der Gedanke – zum Beispiel damit die Schüler im Fremdsprachenunterricht eher zum Sprechen kommen oder im Physikunterricht selbst Experimente durchführen können. Auch Kinder mit Behinderung könnten gezielter gefördert werden. Manche Politiker sprechen bereits von einem Volksbegehren, das eigentlich für kleinere Klassen wirbt. Fraglich ist allerdings, wie die Initiatoren innerhalb von vier Monaten 20 000 gültige Unterschriften für die erste Stufe des Volksbegehrens einwerben wollen. Eine logistisch starke Organisation steht nicht hinter ihnen. Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert zwar seit Jahren eine Vertretungsreserve von 110 Prozent, doch mitinitiieren wollte sie das Volksbegehren nicht. Gestört hat die Gewerkschaft laut Sprecher Tom Erdmann, dass das Fachlehrerprinzip betont werde. Viele Lehrer würden ja fächerübergreifend unterrichten, gerade an Grundschulen

Konkurrenz zu anderen Themen

Zudem steht das Thema auch in Konkurrenz zu anderen anstehenden Ausgaben im Bildungsbereich wie etwa für Inklusion oder Schulsanierungen. Von den Parteien im Abgeordnetenhaus haben sich bisher nur die Piraten für das Volksbegehren ausgesprochen. „Die Forderung ist nachvollziehbar“, sagte der Fraktionsvorsitzende Martin Delius. Allerdings müsse das Volksbegehren rechtlich unangreifbar sein.

Demokratietheoretisch bemerkenswert ist, dass eine Berufsgruppe ein Plebiszit nutzt, um auch die eigenen Interessen durchzusetzen. Und zudem ist fraglich, ob der Landesschülerausschuss wirklich im Sinne der Berliner Schüler handelt. Denn die freuten sich bisher doch meist über Unterrichtsausfall.