Kein Mensch konnte sich vorstellen, dass es ihn einmal nicht mehr geben wird. Der Anhalter Bahnhof galt als Wunderwerk, als unverzichtbares Schmuckstück der stolzen Stadt Berlin. Die Halle, so breit wie die Straße Unter den Linden, war die höchste der Welt. Doch der Bahnhof, in dem einst Luxuszüge nach Neapel und Nizza abfuhren, steht nicht mehr. Er landete größtenteils auf dem Schutthaufen. Aus, vorbei.

Viele andere Verkehrsanlagen teilten sein Schicksal. Auch der Stettiner, Lehrter, Potsdamer, Wriezener und Görlitzer Bahnhof sind aus dem Stadtbild verschwunden. Den Osthafen gibt es ebenfalls nicht mehr, wie die Straßenbahn auf dem Kurfürstendamm und die S-Bahn zum Südwestkirchhof in Stahnsdorf. Der Hamburger Bahnhof ist ein Museum, der Flughafen Tempelhof eine Grünfläche. Der Flugplatz Johannisthal verschwand ebenso wie der in Staaken, wo einst Flüge nach New York starteten. Auch den Flughafen Tegel wird es bald nicht mehr geben – nur dass viele Berliner das nicht wahrhaben wollen.

Gebt uns Tegel, uns allein!

Eine bunte Koalition streitet für den Weiterbetrieb. Da sind die Unzufriedenen, die den Regierenden Bürgermeister Michael Müller nicht leiden können und Rot-Rot-Grün grundsätzlich ablehnen – obwohl die Koalition noch nicht viel zuwege gebracht hat. Da ist die FDP, die dank des Reizthemas Tegel wieder aus der Versenkung gekommen ist, und die CDU, die nach einem radikalen Schwenk nun hinter ihr hertrottet und oft desorientiert wirkt.

Dann sind da noch manche Anwohner des Flughafens BER, für die jedes Flugzeug, das nicht in Schönefeld lärmt, ein gutes Flugzeug ist. Nicht zu vergessen die West-Berliner, für die Schönefeld in der asiatischen Steppe liegt. Es ist eine ulkige Melange, die da vor sich hin brodelt. Wer spricht da noch von Politikverdrossenheit?

Dutzende von tatsächlichen und selbsternannten Experten rechnen hin und her, ob die Kapazität des neuen Flughafens BER reicht. Nein, sagen sie, Tegel werde weiterhin gebraucht. Andere Fachleute beugen sich über Verkehrsdaten und Straßenkarten, um die BER-Verkehrsanbindung zu analysieren. Die Verkehrswege reichen nicht aus, Dauerstau drohe, warnen sie. Der Billigflieger Ryanair tritt unverhohlen mit wirtschaftlichen Interessen auf den Plan. Gebt uns Tegel, uns allein!

Die A 111 ist immer voll

Doch die Berliner tun gut daran, den Tegel-Fans nicht auf den Leim zu gehen. Denn es sind Diskussionen, die nicht den Kern treffen und bei denen man sich allzu oft in Sackgassen verlieren kann.

Natürlich kann man über Kapazitätszahlen sprechen, und unbestritten ist auch, dass es am BER anfangs eng wird. Doch bald wird die Abfertigungskapazität wachsen, dank einiger Änderungen in Schönefeld in stärkerem Maße als bisher absehbar. Von 2021 an können jährlich 43 Millionen Fluggäste den BER nutzen.

Natürlich lässt sich auch über Verkehrsprognosen stundenlang palavern. Dabei zeigt ein Blick auf den BER-Lageplan, dass der neue Flughafen viel bessere Verkehrsverbindungen als Tegel haben wird. Während TXL nur per Bus oder Auto über eine meist zugestaute Straße zu erreichen ist, werden BER-Nutzer wählen können, zum Beispiel zwischen Regionalzügen, S-Bahnen und einer Autobahn. Natürlich ist auf der A 113 zuweilen viel los – doch die A 111 nach Tegel ist noch voller.

Tegel wird das Schicksal des Anhalter Bahnhofs teilen

Die Zahlendiskussionen, die von den Tegelrettern losgetreten worden sind, sind Fallen. Sie nehmen Zeit in Anspruch, die benötigt wird, um die wirklich wichtigen Fragen zu beantworten. Ist es richtig, täglich mehrere hundert Flugzeuge mitten in der Stadt lärmen zu lassen? Nein. Ist es richtig, mitten in der Stadt 461 Hektar für eine einzige Branche zu reservieren?

Nein. Ist es richtig, die Entwicklung eines so großen Stadt-Teils an den Interessen einer einzigen Branche auszurichten – oder sich sogar nur einem einzigen Unternehmen wie Ryanair auszuliefern? Nein. Ist es richtig, Gästen auch weiterhin die überlastete, zusammengewürfelte Budenstadt TXL als Berlin-Entree anzubieten? Nein. Auch über den Wachstumswahn, der einige Tegelretter umtreibt, ließe sich diskutieren. Ist es richtig, den Luftverkehr ins Unermessliche wachsen zu lassen? Nein.

Die FDP sagt, dass mit dem Volksentscheid am 24. September Tegel am Leben gehalten werden kann. Dabei ist der Flughafen längst tot. Die Schließung wurde 2004 und 2006 besiegelt, ein Widerruf gilt zwar als möglich, würde aber auf hohe Hürden stoßen und jahrelange Rechtsstreitigkeiten nach sich ziehen. Nicht mehr lange, dann werden in Tegel Studenten studieren, Arbeitnehmer arbeiten, Bewohner wohnen. Die Geschichte geht weiter. Tegel wird das Schicksal des Anhalter Bahnhofs teilen.