Einfach ausprobieren: Nach diesem Motto sammeln Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens zurzeit in ganz Berlin Unterschriften. Die Initiative Expedition Grundeinkommen will durch einen staatlich finanzierten und wissenschaftlich begleiteten Modellversuch Fragen zum bedingungslosen Grundeinkommen beantworten und testen, wie Menschen damit umgehen.

An diesem Samstagmittag sammeln fünf Freiwillige am Eingang des Tempelhof-Sounds-Festivals auf dem Tempelhofer Feld Unterschriften. Bunt gekleidete Menschen strömen in die Richtung der Gitarrenklänge, sie lachen und unterhalten sich, viele halten eine Bier- oder Sektflasche in der Hand. Vorfreude liegt in der Luft. „Die Leute hier sind fröhlich und offen, da ist es natürlich einfacher“, sagt Mark Appoh, der Pressesprecher der Initiative. Während dieses einen Satzes gehen bestimmt zwanzig junge Besucher links und rechts an ihm vorbei. „Leider können wir nicht alle ansprechen“, fügt er hinzu.

In diesem Moment stürzt ein Mann mit grauen Haaren auf Appoh zu und unterschreibt, ohne Fragen zu stellen, bevor er zum Konzert weitereilt. Durch die Plakate in der Stadt seien viele bereits auf die Initiative aufmerksam geworden und haben sich informiert, erklärt der Aktivist. 240.000 Unterschriften sind nötig, um einen Volksentscheid auf den Weg zu bringen. In drei Monaten, am 5. September, muss das Ziel erreicht sein. Bei Erfolg erhalten 3500 Berliner drei Jahre lang Grundeinkommen. Dafür steht Appoh heute mehr als fünf Stunden hier.

Benjamin Pritzkuleit
Mark Appoh (links) behält das Ziel von 240.000 Unterschriften fest im Blick. Auch deshalb steigt er nicht immer auf Diskussionen ein.

Etwa 20.000 Unterschriften seien in etwa einem Monat schon zusammengekommen, berichtet er: Auf Veranstaltungen wie diesen, aber auch in Bäckereien und Spätis setzen sich die Anhänger des Grundeinkommens für ihre Sache ein. Viele Inhaber sprechen ihre Kunden auch aktiv an, sagt Appoh. Allein die königliche Backstube in Neukölln habe in den ersten Tagen mehr als 800 Unterschriften gesammelt. Am Sonntag wollen die Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens beim Triathlon im Treptower Park und bei einer Fahrrad-Demonstration weitere Unterschriften sammeln.

Berechtigt sind wahlberechtigte Bürger mit festem Wohnsitz in Berlin. Die Sammlerinnen mit den rosaroten Westen erhalten auf dem Tempelhofer Feld viel Zuspruch. Diejenigen, die eine Unterschrift ablehnen, kommen meist aus anderen Städten oder haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. Das ist manchmal frustrierend für die Sammler. Expedition Grundeinkommen hat sich deshalb mit anderen Initiativen zusammengeschlossen und fordert „Demokratie für alle“: Ein Wahlrecht für alle, wählen ab 16 Jahren und die Möglichkeit, digital für Volksbegehren zu unterschreiben.

Macht die Politik „eh nichts“?

Einige Berlinerinnen und Berliner unterschreiben auf dem Weg zum Musikfestival zwar, glauben aber nicht daran, dass sie damit etwas bewirken. „Es wird eh nicht dazu kommen“, sagt Manuela, die mit ihrer Tochter Mathilda unterwegs ist. Manuela glaubt, dass ein Grundeinkommen Probleme bezüglich Hartz IV möglicherweise beheben könnte. „Vielleicht wäre es ja gar nicht so verkehrt“, sagt sie.

Auch dass es nach dem Volksentscheid zu Deutsche Wohnen & Co. enteignen nicht so aussieht, als würde diese radikale Lösung umgesetzt, hat offenbar zu Politikverdrossenheit beigetragen. Zumindest führt ein junger Mann das als Beispiel dafür an, dass es trotz Zuspruch schiefgehen könne. „Deshalb haben wir ja einen Gesetzesentwurf erarbeitet, an den die Politik dann gebunden wäre“, entgegnet Mark Appoh. Die Mitglieder der Initiative beobachten andere Volksentscheide genau, haben ein Netzwerk aufgebaut und wollen aus Fehlern lernen.

Benjamin Pritzkuleit
Saskia Rosenmeyer (links) und ihre Kollegin auf dem Weg zur Schlange. Sie hoffen dort auf noch mehr Unterschriften.

Sammlerin Saskia Rosenmeyer hat den Glauben dagegen noch nicht verloren, dass sie etwas verändern und die Politik anstoßen kann. Deshalb stehe sie hier. „Politiker gehen gerne auf Nummer sicher, deshalb muss das von unten kommen“, sagt sie. Bei den Sammelaktionen seien ihr schon Pöbler begegnet, aber nie sei jemand wirklich aggressiv geworden. Die Pöbler glaubten oft, dass niemand mehr arbeite, wenn alle Grundeinkommen bekämen. „Mich schockiert, dass sie so schlecht von den Menschen denken“, sagt Rosenmeyer.

Nach mehr als einer Stunde mit wenig Diskussion und vielen Unterschriften, bringen drei Festivalbesucher Argumente gegen das Grundeinkommen vor. René nimmt den Kugelschreiber in die Hand, noch während er Zweifel äußert, ob Berlin dann an anderer Stelle Gelder fehlen. Sein buntes Hemd flattert im Wind und er lächelt breit, während er die Initiative trotz der Bedenken lobt.

Er sei „da voll am Start“, aber das Grundeinkommen solle doch bitte der Bund finanzieren. Etwa 70 Millionen könnte das kosten und es gebe in Berlin größere Probleme. Appoh bestätigt die Kosten, steigt allerdings nicht darauf ein. Wenn man ein gewisses Sammelziel hat, könne man nicht immer 20 Minuten diskutieren, erklärt er später. Außerdem sei er zu beschäftigt gewesen, Listen und Kugelschreiber herumzureichen.

Renés Freund Leon führt die Inflation als mögliches Risiko an. Es müsste ein europaweiter Beschluss sein, so würden die Preise nicht so leicht angepasst, meint er. Zugleich ist er nicht dagegen, mit einem Modellversuch Erkenntnisse darüber zu sammeln, was für Erfahrungen die Bezieher von Grundeinkommen machen. „Berlin ist so broke“, sagt Rebecca, die mit den beiden aufs Festival geht. „Aber es muss gemacht werden.“