Berlin - Wo ist denn nun Herr Schneidewind? „Der ist gerade gegangen“, sagt Kerstin Meyer. Aber was ist mit dem Interview, das war doch verabredet? „Das hat er wohl anders verstanden. Dann machen wir das halt ohne ihn“, sagt Lena Schulte.

Was sagt es über eine Initiative, wenn eines ihrer Vorstandsmitglieder zum Interviewtermin nicht erscheint? Vielleicht zeigt es, dass Michael Schneidewind vom Verein „Demokratische Initiative 100 % Tempelhofer Feld“ wirklich meint, was er im Vorfeld des nicht stattfindenden Treffens am Telefon gesagt hatte: „Wir haben eigentlich keine Hierarchie. Hier macht jeder, was er will. Aber immer streng am Ziel orientiert.“ Das ist bemerkenswert. Immerhin ist der Verein, dem Schneidewind vorsteht, Träger eines erfolgreichen Volksbegehrens. Mehr als 180.000 Unterschriften haben die Unterstützer gesammelt, um die Bebauung des Tempelhofer Feldes zu verhindern. Nur wenigen Initiativen vor ihnen ist ein solcher Erfolg gelungen. Schon gar nicht ohne Unterstützung von politischen Parteien. Schneidewind ist von Anfang an dabei, er könnte sich ein wenig brüsten. Aber das scheint ihm nicht so wichtig zu sein.

Ein dunkles, geräumiges Erdgeschossbüro an der Schillerpromenade in Neukölln ist das Hauptquartier der Initiative. Nackte Neonröhren an der Decke, abgewetzte Raufasertapeten an den Wänden. Auf eine weiße Tafel ist das Liniennetz des öffentlichen Nahverkehrs gemalt, die wichtigsten Bahnhöfe sind markiert. An diesen Orten will die Initiative den Kampf ums Feld gewinnen. In den verbleibenden Tagen bis zur Abstimmung am 25. Mai stehen hier Dutzende von Freiwilligen, um die Kampagnenzeitung zu verteilen.

An dem langen Besprechungstisch mitten im Raum sitzen Kerstin Meyer, Lena Schulte und Mareike Witt. Sie beantworten gerne die Fragen des Reporters, Schulze und Witt gehören auch dem Vereinsvorstand an, sind aber nicht die Leiter der Initiative, das soll unbedingt im Text stehen. Meyer ist 44 Jahre alt und Freiberuflerin. Schulte, 30, ist Psychologin und ziemlich schwanger. Witt, 33, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität. Sie könnten sich mit ganz anderen Dingen befassen. Stattdessen verbringen sie ihre Freizeit und teilweise ihren Urlaub in dem unwirtlichen Kampagnenbüro, haben sich Nächte um die Ohren geschlagen mit Diskussionen über Broschüren und Plakate. Warum? „Weil ich es nicht fassen konnte, als ich gehört habe, was da gebaut werden soll“, sagt Mareike Witt. „Weil wir für das Recht auf Mitbestimmung sind“, sagt Lena Schulte. „Weil es die Fläche der Berlinerinnen und Berliner ist, nicht die von Herrn Wowereit“, sagt Kerstin Meyer.

Ein Vorgarten, weit wie ein Meer

Ein paar Hundert Meter entfernt ist der Maschendrahtzaun. Früher war der enge, arme Schillerkiez hier zu Ende. Heute gibt es ein Tor, man schreitet eine breite alte Treppe hinunter – sie wird Kaisertreppe genannt, angeblich nahm der Monarch hier Truppenparaden ab – und dann beginnt die unfassbare Weite des Feldes. Der Schillerkiez hat einen Vorgarten bekommen, der so weit ist wie ein Meer. Zwei Kilometer weit weg sind die Menschen am anderen Ende der Landebahnen, in Tempelhof, man kann sie kaum erkennen. Dazwischen kein Baum, kein Strauch, nur der Asphalt und die Wiesen. Hoch oben stehen Feldlerchen als kleine Punkte in der Luft und zirpen und trillern. 300 Hektar Leere, mitten in einer Stadt, deren Mittelschicht mit den Mietsteigerungen nicht mehr mithalten kann.

Für Fritz Felgentreu, SPD-Bundestagsabgeordneter und bis vor Kurzem Kreisvorsitzender in Neukölln, steht fest, dass die Randbebauung kommen muss. 4700 Wohnungen sollen nach den Planungen des Senats im Westen, Süden und Osten des Feldes entstehen, ein Teil davon für Mieten von sechs bis acht Euro. 230 Hektar Freifläche bleiben. Gut anderthalb Wochen vor dem Volksentscheid ist Felgentreu zu Gast bei einer Diskussion über den alten Flughafen in einem Café im Schillerkiez. Eingeladen hat die Linke, die gegen die Baupläne ist. „Das ist kein Heimspiel für mich“, sagt Felgentreu zu Beginn der Veranstaltung. Und dann lässt er sich in seinem Redefluss doch kaum bremsen. Um 20.000 Menschen werde die Bevölkerung in Neukölln in den nächsten 15 Jahren nach offiziellen Prognosen wachsen. Die 20.000 Menschen bräuchten 11.000 Wohnungen, rechnet er vor. „Wo sollen die denn hin? Die können doch nicht alle auf die Buckower Felder ziehen.“
Felgentreu will es auch nicht in den Kopf, dass so viele Neuköllner sich nicht freuen können über den Wandel ihres Viertels. „Überlegen Sie doch, in welcher Lage wir hier vor zehn Jahren waren. Das war eine Monokultur von Menschen, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben konnten. In den Schulen waren 95 Prozent der Kinder von der Zuzahlung für Lernmittel befreit.“

Seit der Zaun offen ist, kommen die Studenten und die Mittelschicht. Im Schillerkiez ist kaum eine Wohnung für weniger als neun Euro pro Quadratmeter Kaltmiete zu bekommen. Mieten unter acht Euro erscheinen da wie ein Schnäppchen.