Berlin wird in den nächsten Jahren deutlich weniger Geld als bislang aus dem Länderfinanzausgleich erhalten. Das folgt direkt aus den Ergebnissen des Zensus 2011, die am Freitag veröffentlicht worden sind. Nach dieser Erhebung leben in Berlin viel weniger Menschen als angenommen. Laut Statistischem Bundesamt hat die Hauptstadt tatsächlich 3,3 Millionen Einwohner. Bisherige Kalkulationen waren von 3,5 Millionen Berlinern ausgegangen. Mit mehr als fünf Prozent fällt die Korrektur an der Spree deutlich höher aus als im Rest der Republik (1,8 Prozent).

Berlin dürfte deshalb jährlich mehr als 400 Millionen Euro weniger aus dem Finanzausgleich der Länder erhalten, schätzte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Und was für 2012 und 2013 bereits zu viel gezahlt wurde, muss die Hauptstadt zurückzahlen. „Zusammen sind das 940 Millionen Euro“, bilanzierte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Dadurch verschlechtere sich die Einnahmesituation für das Land Berlin erheblich.

Auch viele andere Städte und Gemeinden müssen nicht nur einen Prestigeverlust, sondern schmerzhafte finanzielle Einbußen verkraften, weil sich aufgrund gesunkener Einwohnerzahlen auch die Zuweisungen innerhalb der Länder verringern werden. Stephan Articus, Geschäftsführer des Deutschen Städtetages, appellierte an die Länder, Übergangsregelungen zu schaffen, um die Folgen für die Städte und Kommunen abzufedern.

Bundesweit lag die Einwohnerzahl im Mai 2011 bei 80,2 Millionen. Gegenüber den Annahmen ist dies ein Rückgang von 1,5 Millionen Menschen. Die Großstädte mit dem höchsten prozentualen Rückgang waren Aachen (8,5 Prozent), Mannheim (7,5) und Würzburg (6,8).

Überrascht zeigte sich der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, dass vor allem die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer von den Behörden viel zu hoch angesetzt worden war. Ihre Zahl liegt um fast 15 Prozent niedriger bei knapp 6,2 Millionen (7,7 Prozent der Bevölkerung). Als mögliche Ursache nannte Egeler, dass sich viele Ausländer womöglich vor ihrer Ausreise bei den deutschen Einwohnerbehörden nicht abgemeldet hätten.

Hamburg liegt mit einem Ausländeranteil von 12,4 Prozent knapp vor Berlin (11,3), Hessen (11,1) sowie Baden-Württemberg und Bremen (beide 10,8). In den neuen Bundesländer liegt der Ausländeranteil verschwindend niedrig bei 1,5 bis 1,9 Prozent. Höher ist der Anteil der Einwohner mit Wurzeln im Ausland: Etwa jeder fünfte Deutsche hat einen Migrationshintergrund, das heißt, er oder mindestens ein Elternteil ist nach 1955 nach Deutschland eingewandert. Die wichtigsten Herkunftsländer von Migranten sind die Türkei (17,9 Prozent), Polen (13,1), die Russische Föderation (8,7), Kasachstan (8,2) und Italien (5,3).

Mit dem Zensus 2011 liegen seit den Volkszählungen 1987 (Westdeutschland) und 1981 (DDR) erstmals seit Jahrzehnten wieder valide aktuelle Zahlen zu Deutschland vor. In der Zwischenzeit waren die alten Werte von den Behörden aufgrund von Geburts- und Sterbefällen sowie Statistiken der Einwohnermeldeämter lediglich fortgeschrieben worden. Etwa ein Drittel der Bevölkerung war im Zuge des Zensus vor zwei Jahren befragt worden. „Wir haben Inventur gemacht“, hieß es im Statistischen Bundesamt. Es werde noch Jahre dauern, das gesamte Zahlenmaterial auszuwerten.

Erleichtert zeigten sich die Statistiker, dass ihre Modelle zur Fortschreibung ganz gut funktioniert haben. So gab es beispielsweise bei der Altersstruktur oder den Bildungsstand der Bürger kaum gravierende Abweichungen zu ihren Erwartungen, sagte Egeler. Etwa 16 Prozent der Bewohner in Deutschland ist demnach unter 18 Jahren, dem stehen heute mehr als 21 Prozent Rentner gegenüber.

Als heikel erwies sich beim Zensus 2011 die Frage nach der Religionszugehörigkeit. Zwar gaben zwei Drittel an, einer christlichen Amtskirche anzugehören. Von den übrigen Befragten verweigerte aber die Hälfte eine Angabe zur Religion: Insgesamt nur zwei Prozent der Befragten gaben an, Muslime zu sein. Jeder Zehnte nannte sich konfessionslos. In diesem Punkt zeigte sich ein klarer Ost-West-Unterschied. Im Osten lag die Zahl der Konfessionslosen bei fast 33 Prozent, im Westen bei gut sechs.

Die EU fordert von ihren Mitgliedern, alle zehn Jahre einen Zensus zu erstellen. In Deutschland steht die nächste Zählung 2021 an. (mit zy.)