Berlin hat weniger Einwohner als bisher angenommen - und muss deshalb viel Geld in den Länderfinanzausgleich zurückzahlen. Wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Freitag sagte, muss das Land für 2012 und 2013 je 470 Millionen Euro zurückzahlen. Nach einer ersten Einschätzung der Senatsfinanzverwaltung haben die Ergebnisse des Zensus erhebliche Auswirkungen auf die Einnahmen des Landes Berlin. Danach muss das Land dauerhaft mit Mindereinnahmen von fast einer halben Milliarde Euro pro Jahr rechnen.

In Berlin leben nach der jüngsten Volkszählung mit knapp 3,3 Millionen Einwohnern rund 180.000 weniger als bisher gedacht. Allein die Zahl der geschätzten Ausländer ist um 106.000 geringer. Auch die Gruppe der Jungen zwischen 3 und 15 Jahren hat dramatisch um rund ein Viertel abgenommen, während die Zahl der 65- bis 75-Jährigen explosiv um 67,8 Prozent zugenommen hat. Das geht aus der jüngsten Volkszählung von 2011 hervor, deren Ergebnisse die Präsidentin des Statistikamtes Berlin-Brandenburg, Ulrike Rockmann, am Freitag in Potsdam bekanntgab.

Seit der Wende 1991 schrumpfte die Bevölkerungszahl Berlins um 4,5 Prozent oder 153 666 Personen. Nach der Gebäude- und Wohnungszählung gab es zum Stichtag 1.841.540 Wohnungen in Berlin. Das waren rund 40.000 (2,1 Prozent) weniger als angenommen. Knapp 67.000 Wohnungen beziehungsweise 3,6 Prozent standen leer. Wohngebäude wurden 310.941 gezählt.

Zahlen für Länderfinanzausgleich bedeutsam

Die Bundeshauptstadt hatte zum Stichtag der großen Volkszählung im Jahr 2011 genau 3.292.365 Einwohner - fast 5,2 Prozent weniger als gedacht. Dabei wurden mit 372.280 auch deutlich weniger Ausländer in Berlin gezählt als geschätzt. Das waren 106.000 oder 22,1 Prozent weniger als gedacht.

Die Differenzen ergeben sich aus der jährlichen Bevölkerungsfortschreibung auf Basis der letzten Volkszählung in der Bundesrepublik 1987 und in der DDR 1981 im Vergleich zur tatsächlichen Erhebung von 2011.

Mit einer Differenz von 5,2 Prozent liegt Berlin nach Angaben der Behörde deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der nur um 1,8 Prozent von der Bevölkerungsfortschreibung abweicht. Doch auch andere Großstädte wie Hamburg weisen eine Abweichung von 5 Prozent auf. „Für den Länderfinanzausgleich sind die neuen Zahlen sehr bedeutsam“, sagte Statistiker Karsten Wenzel. Für Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) kämen die neuen Zahlen sicher überraschend.

Die Senatsentwicklung für Stadtentwicklung hatte zuletzt im Dezember einen stetigen Bevölkerungsanstieg Berlins von 2011 bis 2030 vorausgesagt. Danach sollte die Einwohnerzahl Berlins um 7,2 Prozent oder 254.000 Menschen auf 3,75 Millionen wachsen.

Kein Widerspruch

Die Statistiker sehen keinen Widerspruch zu ihren Zahlen. Die Bevölkerungszahl Berlins sei lange in etwa gleich geblieben und erst seit 2005 deutlich gestiegen. Die neuen Zahlen bedeuteten „eine statistische Niveaukorrektur und keine neue Sicht auf die aktuelle Entwicklung, die durch eine deutliche Bevölkerungszunahme gekennzeichnet ist“, schrieben sie.

Die tatsächlich rund 180.000 Menschen weniger, die in Berlin leben, gingen zu 60 Prozent auf das Konto von Ausländern, die sich seit 1991 in Berlin angemeldet haben, dann aber ohne Abmeldung fortzogen, hieß es. Zum Stichtag der Erhebung am 9. Mai 2011 waren 372.280 Bewohner Berlins Ausländer - 11,3 Prozent. In der Fortschreibung war man von 13,8 Prozent ausgegangen. Ein knappes Viertel der Bevölkerung - 780.930 Personen (23,9 Prozent) - hatte einen Migrationshintergrund. 47,7 Prozent von ihnen besaßen eine ausländische Staatsangehörigkeit. (dpa)