Ab dem 22. Juni soll die Kita-Betreuung wieder in vollem Umfang möglich sein.
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BerlinDer Berliner Senat will zurück zur Normalität: Kitas sollen noch vor den Ferien zum Regelbetrieb zurückkehren, im August sollen dann auch die Schulen folgen. Damit fallen auch die Mindestabstände und kleinen Lerngruppen an den Bildungseinrichtungen – sie sind bei der hohen Schülerzahl und der Platznot an Berliner Schulen im Normalbetrieb nicht einzuhalten. Die Verordnung des Senats wird entsprechend angepasst, außerhalb von Kitas und Schulen gelten die Abstandsregeln weiterhin. Das hat der Senat am Dienstag beschlossen, wie Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nach der Senatssitzung mitteilte.

Bereits ab dem 15. Juni sollen die Kita-Träger alle Kinder wieder betreuen dürfen - wenn die Träger die volle Betreuung dann schon stemmen können. Ab dem 22. Juni soll die Betreuung endgültig für alle Kinder und in vollem Umfang angeboten werden. Spätestens dann solle von Trägern eine Betreuung inklusive Früh- und Spätdienste angeboten werden, die „dem individuellen Kita-Gutschein“ entspricht. 

Derzeit haben viele Eltern nur einen Anspruch auf eine Halbtagsbetreuung an Kitas, an Schulen findet Präsenzunterricht in sehr unterschiedlichem Maße statt. Eltern belastet das enorm. Auch am Dienstag protestierte eine Gruppe von Eltern vor der Sitzung des Senats vor dem Rathaus.

Die Schulen sollen ebenfalls zurück in den Regelbetrieb. Im Gegensatz zu Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen soll es in Berlin aber erst nach den Sommerferien, am 8. August, so weit sein. „Es lohnt sich nicht mehr“, sagte Scheeres. „Wir starten mit dem Vollbetrieb nach den Ferien, das ist der Berliner Weg.“ In Berlin beginnen die Ferien wie in NRW in diesem Jahr bereits Ende Juni.

Nach den Ferien soll laut Scheeres der gesamte Unterricht wieder angeboten werden - auch Förder- und Sonderangebote oder Fächer wie Sport und Musik. „Auch das Ganztagsangebot steht komplett nach den Sommerferien“, versprach die Senatorin. Die Regeln des aktuellen Hygieneplans werde die Bildungsverwaltung noch einmal „streng überprüfen“ und überarbeiten. In manchen Fächern seien leichte Beschränkungen möglich: Im Sport müssten unter Umständen verstärkt Übungen mit Abstand angeboten werden und Lehrer sich im Musikunterricht stärker auf die Theorie konzentrieren, so Scheeres. Es müsse häufig gelüftet werden. Möglicherweise dürften die Sanitäranlagen auch weiterhin nur von einem Schüler zur selben Zeit benutzt werden.

Aber Schule solle wieder „so werden, wie wir es kennen“, sagte Scheeres. Im Zuge von zunehmenden Lockerungen in Wirtschaft und Kultur fände sie es „absolut fatal“, wenn die Familien aus dem Blick gerieten. „Eltern müssen ihrem Beruf nachgehen können, Kinder haben ein Recht auf Bildung.“ Die Infektionszahlen seien niedrig und stabil. 

Einschulungsfeiern zum kommenden Schuljahr sollen ebenfalls stattfinden können - gesetzt den Fall, die Teilnehmerzahlen liegen im für private Veranstaltungen erlaubten Bereich und es werden Teilnehmerlisten geführt. Schülerfahrten ins In- und Ausland dürfen „ab dem Schuljahr 2020/21 wieder gebucht und durchgeführt werden“ – außer in Corona-Risikogebiete.

Lehrergewerkschaft protestiert: Personal und Platz fehle

Noch vor der Senatssitzung am Dienstag protestierte der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Tom Erdmann, gegen die Pläne. „Das ist unverantwortlich“, sagte er der Berliner Zeitung. Es fehle an Platz und Personal.  Schulen brauchten weiterhin ein „umfangreiches Hygienekonzept“ und zu dessen Umsetzung auch mehr Platz. Kreative Ideen seien gefordert. „Gegebenenfalls müssen Schulen leerstehende Räume von Hochschulen, Sport- und Messestätten zur Verfügung gestellt werden.“ 20 Prozent der Lehrer und Lehrerinnen zählten zu Risikogruppen. „Sie können also nicht vor Ort unterrichten.“ Damit die Klassen nicht „noch größer als ohnehin werden“, braucht es aus Erdmanns Sicht mindestens für diese 20 Prozent eine Personalreserve. „Die ist aber nicht in Sicht.“

Auch die Kommunikation der Bildungsverwaltung mit Verbänden und Lehrern kritisiert Erdmann scharf. Bildungssenatorin Scheeres habe einen „Dialog mit dem Lehrerverbänden“ angekündigt. Passiert sei aber nichts. „Wenn heute also die Schulöffnung beschlossen wird, wie soll so ein Dialog dann aussehen?“, fragt Erdmann. Scheeres dürfe nicht nur „den Druck der Familien“ im Blick haben, sondern trage auch Verantwortung für die Gesundheit der Pädagoginnen. „Sie trägt dann auch die politische Verantwortung für einen zweiten Lockdown.“

Zwei bestätigte Fälle in Neukölln, fünf in Spandau

Zurzeit gibt es an mehreren Schulen in Berlin bestätigte Corona-Fälle: An der Christoph-Földerich-Grundschule in Spandau sind fünf Kinder in fünf unterschiedlichen Klassen infiziert. Das bestätigten die Bildungsverwaltung sowie das Gesundheitsamt der Berliner Zeitung am Montag. Die jeweiligen Lerngruppen – insgesamt rund 50 Schüler und neun Lehrer – sind bis zum 12. beziehungsweise 18. Juni in Quarantäne geschickt worden. Die Testungen laufen. Die Kinder haben sich laut Spandauer Amtsärztin nicht in der Schule, sondern im privaten Rahmen angesteckt.

Am Dienstag teilte außerdem der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) der Berliner Zeitung mit, dass sich zwei bisherige Verdachtsfälle an zwei Schulen im Bezirk bestätigt hätten. An der Hans-Fallada-Schule und an der Röntgen-Oberschule wurde am Dienstag jeweils ein positives Testergebnis gemeldet. Sie stehen in Zusammenhang mit den Fällen in Spandau – die Familien der betroffenen Kinder hatten laut den Gesundheitsämtern Kontakt.

Er schaue der kompletten Öffnung im Bildungsbereich mit gemischten Gefühlen entgegen, sagt Gesundheitsstadtrat Liecke. Es sei richtig und konsequent, die Kinder wieder in die Schulen zu lassen. „Ich habe nur die Sorge, dass das alles zu früh kommt.“