Berlin - Im Jahr 1961 warfen NVA-Grenzschützer ein Kassiber über die damals noch niedrige Berliner Mauer. Auf dem Zettelchen stand in Handschrift und mit Tinte geschrieben: „Wir haben 10 DM-West. Könnt ihr uns dafür Zigaretten holen?“ Ein unbekanntes Gegenüber auf der Westseite der Mauer wird um eine Gefälligkeit gebeten. Der Irrwitz, mittels einer mitten durch eine Millionenstadt errichteten Mauer die Menschen auf lange Dauer voneinander zu trennen, trifft durch dieses Zettelchen auf ein Stück normales Leben, jedenfalls den Versuch, Normalität fortzusetzen.

Die jungen Männer wollten das gewohnte Kraut rauchen, und das war ihnen wichtig – Konfrontation der Weltsysteme hin oder her. In einem anderen Fall bittet ein Mann, nahtlose Strümpfe („Größe 9 ½, nicht allzu hell.“) über die Mauer zu werfen.

Zettel fliegen als Kassiber über die junge Mauer

Mit solchen Zetteln tauschten Berlinerinnen und Berliner heimlich Botschaften aus, vor allem baten die im Osten um Westprodukte. Grenzsoldaten hatten für solche Aktionen eine günstige Position und nutzen diese, um Kontakt zu West-Berlinern aufzunehmen. Ein sehr kleiner Grenzverkehr, der bald endete, weil die Mauer höher und das Regime strenger wurde.

Solche Kassiber gehören zu der etwa 11.000 Objekte umfassenden Sammlung der Stiftung Berliner Mauer und der dazugehörigen Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Seit März kann nach all den großen und kleinen Dingen in der „Sammlung Online“ auf der Website der Stiftung einfach recherchiert werden. Die Zettelchen sind von besonderem Wert, denn sie berichten von Ereignissen, die in keiner Akte erfasst sind, von denen kein Archiv weiß, wie Manfred Wichmann, Kurator der Sammlung, sagt. Sie geben Zeugnis vom „Eigensinn von Menschen“, davon, dass „Menschen immer einen Handlungsspielraum haben“.

Sammlung Online im Netz

Der Weg zur Online-Sammlung: Online stöbern oder gezielt suchen unter https://sammlung.stiftung-berliner-mauer.de/

Die Stiftung sammelt originale Objekte, auch so große wie einen Wachturm und andere Teile von Grenzanlagen, nicht weil sie besonders schön, besonders alt oder wertvoll sind, sondern weil sie authentisch an die Zeit der geteilten Stadt und ihre Menschen erinnert, wie Wichmann sagt. Der Großteil der Dinge stammt von privaten Gebern, viele Objekte sind mit Geschichten von Menschen und ihren Schicksalen verbunden.

Axel Klausmeier, Direktor Stiftung Berliner Mauer, beschrieb anlässlich der Freischaltung der Online-Sammlung die große Aufgabe der Sammlung, durch Präsentation der besonderen Objekte mündige und kritikfähige Bürger zu bilden. Wie bedeutsam das sei, sehe man gerade jetzt, da in Russland genau diese kritische Öffentlichkeit schmerzlich vermisst werde.