„Da fühlt man sich nicht fremd. Es ist schön“, sagt Mohamad Khalil über Neukölln, wo er Führungen unter dem Motto „Berliner Migrationsgeschichten“ anbietet.
Foto: Markus Wächter

BerlinEtwa zwanzig Menschen haben sich an diesem Tag in der Karl-Marx-Straße, Ecke Emser Straße versammelt, gleich vor der U- und S-Bahnstation Neukölln. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann mit Rucksack. Gerade hat er sich als syrischer Kurde vorgestellt. „Weiß jemand, was die offizielle Sprache in Syrien ist?“, fragt er laut, um den Verkehrslärm zu übertönen und löst damit peinliches Schweigen aus.

Mohamad Khalil heißt der junge Mann, es ist Anfang März, und er weiß noch nicht, dass dies vorerst eine seiner letzten Touren für lange Zeit sein wird. 23 Jahre ist er alt, und er arbeitet für „querstadtein e.V.“ Mohamad Khalil gab schon mehr als 200 Stadtführungen für den Berliner Verein, der seit 2012 Touren mit ehemaligen Obdachlosen und seit 2015 auch mit Geflüchteten anbietet. Das Konzept: Menschen zusammenbringen, die sonst nur übereinander sprechen, nicht miteinander.

Aufgrund des Coronavirus mussten dann aber von Mitte März bis Ende Mai alle Stadtführungen abgesagt werden, und der Verein sammelt nun Spenden. Mohamad hofft natürlich, dass querstadtein die finanziellen Einbrüche verkraften kann. Immerhin geht es jetzt erst einmal weiter.   „Wir haben ja erlebt, was für einen Einfluss die Touren auf die Menschen haben“, sagt er.

Mohamad Khalils Tour heißt „Neukölln aus der Sicht eines Neu-Berliners“, und sie führt in zwei Stunden über die Karl-Marx-Straße zur Sonnenallee nahe des Hermannplatzes. Die Teilnehmer bewundern dabei weniger Denkmäler, vielmehr lernen sie unterwegs Mohamad Khalil kennen und erfahren an jeder Station ein bisschen mehr darüber, wie es für ihn war, aus seiner Heimat zu flüchten und in Neukölln neu anzufangen.

Seit drei Jahren macht er das inzwischen, routiniert und redegewandt geht er auf Fragen ein, stellt immer wieder selbst welche in die Runde und macht bedeutungsvolle Pausen. Die dritte Station liegt in der Saltykowstraße, abseits des Straßenlärms, denn um von seinem Fluchtweg zu berichten, brauchte Mohamad ein bisschen Ruhe. Hier zeigt der Stadtführer auf eine Syrien-Karte und sagt: „Das hier ist Aleppo. Ich war mein ganzes Leben da, 18 Jahre lang – bis wir 2014 nach meinem Abitur in die Ferien nach Afrin gefahren sind.“

"Der IS drohte: "Wir werden dich nehmen!"

Auf dieser Reise wurden Mohamad Khalil und seine Mutter immer wieder von bewaffneten Streitkräften der syrischen Regierung, der Opposition und von terroristischen Gruppierungen wie dem Islamischen Staat oder Al-Nusra-Truppen gestoppt und kontrolliert – bis der damals 18-Jährige diesen Satz von IS-Terroristen zu hören bekam: „Wenn du nach Afrin fährst, ist das okay, aber wenn du zurück kommst, werden wir dich nehmen.“

„Was bedeutet das – wir werden dich nehmen?“, fragt Mohamad an diesem Punkt herausfordernd in die Runde, nur um kurz darauf selbst zu antworten: „Ich hatte Angst. Ich konnte nicht mehr reden. Ich wollte nicht in den Krieg, ich wollte studieren.“ Eine Tante, die bereits seit 45 Jahren in Berlin lebt, empfahl ihm damals, direkt zu ihr nach Berlin zu kommen und sein Studium dort zu starten. Das brachte die Pläne des 18-Jährigen gehörig durcheinander.

Mohamad Khalil wurde im Juli 1996 in Aleppo in eine kurdische Familie geboren. Er wuchs mit einer jüngeren Schwester und einem älteren Bruder auf, der in der türkischen Stadt Istanbul sesshaft geworden ist. Mohamads Vater war 2002 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seine Mutter lebte eine Zeitlang bei seiner Schwester und deren Familie im Nordirak, kam aber wieder zurück nach Aleppo. Als Englisch-Lehrerin hatte sie ihre Kinder bilingual erzogen, was Mohamad später den Vorteil verschaffte, auch Deutsch recht schnell erlernen zu können. Im Sommer 2019 sah er seine Mutter bei einem Besuch im Nordirak zum ersten Mal nach fünf Jahren wieder. Ein besonderer Moment für Mohamad, denn seine Familie vermisst er sehr.

Wenn der 23-Jährige von seiner Kindheit erzählt, schwärmt er von Familienfesten und schönen Urlauben in Afrin, wo die Familie ein zweites Haus besitzt. „Wir hatten alles“, sagt Mohamad. Dass Syrien auch einmal schön war, daran möchte er erinnern. Denn es gab eine Zeit vor 2001, bevor der Krieg ausbrach, den Mohamad nicht als „Bürgerkrieg“ bezeichnen möchte, da zu viele Länder daran beteiligt sind.

Auf der anderen Seite erinnert sich Mohamad aber auch daran, wie normal es für ihn war, in der Schule nicht Kurdisch zu sprechen, da die Sprache von der syrischen Regierung verboten wurde. „Es gab auch ein Schulfach, das Patriotismus hieß“, erzählt er, „und für mein Abitur habe ich oft bei Kerzenlicht lernen müssen, weil wir wegen des Krieges keinen Strom hatten.“

Mohamad Khalils Weg nach Deutschland begann eigentlich in der Türkei. Nach der Begegnung mit dem IS reiste er von Afrin zu seinem Bruder nach Istanbul. Damals war die Grenze zwischen der Türkei und Syrien noch offen. Von Istanbul wollte er mit einem Visum nach Berlin fliegen, doch der Bescheid der Deutschen Botschaft ließ auf sich warten. Zwölf Monate arbeitete Mohamad Khalil in Istanbul illegal in einer Fabrik, bis er die Ablehnung des Visumantrags in den Händen hielt. Eine der Begründungen lautete, dass er kein Vermögen besäße. Das ärgert ihn noch heute: „Ich war damals 18, wie denn auch?“, sagt er.

An dieser Stelle seiner Biografie berichtet er bei seiner Stadtführung üblicherweise, wie er schließlich mit drei Freunden, die er in der Fabrik kennengelernt hatte, beschloss, die gefährliche Reise von Izmir über das Meer nach Griechenland zu wagen. Während seine Zuhörer dabei oft verstummen, spricht Mohamad laut und deutlich. Er nennt genaue Zahlen: Sieben-Meter-Schlauchboot, 55 Menschen, 1200 Dollar pro Person für die Schlepper für eine Überfahrt, die viereinhalb Stunden dauerte statt 40 Minuten, da unterwegs dreimal der Motor kaputt ging. Es war der 10. September 2015 und alles andere als gewiss, ob Mohamad diese Fahrt überleben würde. Am Ende hatte er Glück. Seine Familie bekam acht Tage später ein erstes Lebenszeichen von ihm, als er in Nürnberg ein Handy ausleihen konnte.

„So funktioniert Integration“

Nach seiner Stadtführung trinkt Mohamad manchmal einen Latte Macchiato im Café Refugio in der Neuköllner Lenaustraße. Das Konzept des Cafés gefällt ihm. Es ist Teil eines Hausprojekts der Berliner Stadtmission. Geflüchtete Neu-Berliner können in dem sogenannten „Sharehouse“ ein Zimmer mieten und gemeinsam mit Alt-Berlinern Projekte und Veranstaltungen durchführen. „So funktioniert Integration“, sagt Mohamad. Er selbst hatte das Glück, bei seiner Ankunft schon jemanden zu kennen.

„Ich habe hier meine Tante und meinen Onkel. Das hilft mir schon sehr“, erzählt er. Nach zwei Wochen in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt und sechs Monaten in einer Unterkunft in Forst-Lausitz zog er zu ihnen nach Neukölln. Berlin gefiel ihm auf Anhieb: „Hier kannst du alles sein. Egal, wie du aussiehst, das interessiert keinen“, schwärmt er. Inzwischen wohnt er in einer Einzimmerwohnung in Marzahn. „Das ist zwar nicht Neukölln, aber mit den Plattenbauten fühle ich mich fast wie in Dubai“, scherzt er. Und natürlich wäre er gerne in Neukölln geblieben. „Wenn ich mit meinem Onkel rausgehe , grüßt er überall Leute, und die Leute grüßen ihn“, erzählt er. „Da fühlt man sich nicht fremd. Es ist schön.“ Aber ein günstiges WG-Zimmer oder eine Wohnung war nicht zu finden. Auch seine befristete Aufenthaltserlaubnis habe die Vermieter abgeschreckt, meint Mohamad. An das Zimmer in Marzahn kam er über eine Bürgschaft seiner Tante.

Seit 2018 studiert er an der Technischen Universität Maschinenbau. Dort hatte er schnell Anschluss gefunden, denn er ist nicht schüchtern. Das Studium finanzierte er sich bisher mit der BaföG-Förderung und Gelegenheitsjobs, die aber auch wegen des Coronavirus weniger wurden. In der Gedenkstätte Hohenschönhausen hatte er vor der Pandemie noch gemeinsam mit Zeitzeugen der DDR Seminare zum Thema Flucht gegeben. Auch die waren wegen des Shutdowns abgesagt worden. So freut er sich natürlich auch wegen des – wenn auch kleinen – Honorars, dass er seit Anfang Juni wieder Führungen für querstadtein machen kann.

Aber natürlich nicht nur deshalb. Sondern auch und vor allem, „dass ich dabei meine Geschichte erzählen kann“. Darüber zu sprechen, sagt er, habe ihm den Umgang damit erleichtert.“ Die Führungen von querstadtein haben also neben allem auch einen therapeutischen Effekt für den Führer selber.

Durch einen Freund, der dort selbst Stadtführer war, ist er zu querstadtein gekommen. Dafür ist er dankbar: „Immer wieder vor Menschen zu stehen, die ich nicht kenne, die mich vielleicht sogar hassen – und trotzdem da vorne stehen zu bleiben und mich zu verteidigen – davon wird man stärker“, sagt er. „Hier haben mir die Touren sehr geholfen, sie haben mein Leben geformt.“

Die Aufenthaltserlaubnis läuft nächstes Jahr ab

Mohamad Khalil will unterwegs vor allem mit Vorurteilen gegenüber Geflüchteten aufräumen – obwohl es jedes Mal neuen Mut erfordert, so viel Persönliches zu erzählen: „Wir sind nicht ungebildet oder einfach nur arm. Wir wollen auch nicht nur Mitleid. Wir waren einfach nur zur falschen Zeit im falschen Land“, sagt er. Er selbst musste in Deutschland schon oft Rassismus erleben. Sei es durch ein „Flüchtlinge raus!“ in der S-Bahn oder einen Autofahrer, der durch das Fenster mit einer fiktiven Pistole auf ihn zielte.

Auch seine Stadtführungen liefen nicht immer respektvoll ab. Mohamad erinnert sich an eine Gruppe, die sich mit Bierflaschen zuprostete, während er seine Fluchtgeschichte erzählte. Trotzdem hofft er, noch viele Touren leiten zu können. „Es hat einfach mit Menschen zu tun. Solche Themen online zu besprechen, ich glaube, das kommt nicht so an, als wenn man persönlich jemanden kennenlernt. Die Menschen haben eine Vorstellung von einem Geflüchteten, und wenn man dann da ist und zeigt, ich bin einer dieser Menschen – das ist anders. Keine Ahnung, vielleicht ist es der Augenkontakt.“ Glücklicherweise trifft Mohamad häufiger auf interessierte Zuhörer, die ihm viel Liebe entgegenbrächten, wie er sagt. Und genau daraus schöpft er Kraft.

Am Ende seiner Tour verteilt Mohamad üblicherweise Zettel mit arabischen Schriftzeichen. „Eure Aufgabe ist es jetzt, diese Geschäfte auf beiden Seiten der Sonnenallee zu finden. „Los geht’s!“, ruft er dann und marschiert voran. Meist stellt sich schnell heraus, dass es nicht   so einfach ist, fremde Schriftzeichen zu entziffern, und Mohamad wirkt amüsiert, wenn er an der letzten Station nachfragt: „Und? Wer hat sein Geschäft noch nicht gefunden?“

Wie viele Stadtführungen Mohamad Khalil noch machen wird, hängt nicht nur von der wirtschaftlichen Lage von querstadtein ab. Seine Aufenthaltserlaubnis gilt nur bis Oktober 2021, und der Antrag auf eine unbefristete ist noch nicht genehmigt worden.

Berliner Migrationsgeschichten

  • querstadtein e.V. bietet Stadtführungen für Einzelpersonen und kleine Gruppen an, unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen und eines Mindestabstands. Die Touren richten sich an Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren.
  • Touren für Einzelpersonen finden sonntags statt. Eine Teilnahme kostet 13 Euro, ermäßigt 8,90 Euro. Termine, Infos und Buchung unter https://querstadtein.org.
  • Spenden nimmt der Verein auf seiner Website unter https://querstadtein.org/unterstuetzen/projektspende/ entgegen. Stadtführungen können auch per Gutschein verschenkt werden