Berlin - Im Türkischen gibt es die Redensart vom goldenen Armband. Wer ein „altın bilezik“ hat, im metaphorischen Sinne, hat es beruflich geschafft. Kann auf den eigenen Füßen stehen, ohne auf andere angewiesen zu sein. Für meine Mutter war finanzielle Unabhängigkeit immer von größter Bedeutung. Nicht für sich selbst, sondern für ihre beiden Töchter – meine neun Jahre ältere Schwester und mich. Meine Mama ist gelernte Schneiderin und hat in Istanbul als junge Frau für berühmte Schauspielerinnen pompöse Kleider genäht. Nachdem sie meinen Papa geheiratet hat und nach Mannheim ausgewandert ist, ist sie diesem Beruf nicht mehr nachgegangen, auch keinem anderen. Vollkommen freiwillig übrigens, mein Papa hat ihr nicht verboten zu arbeiten, wie einige Leserinnen und Leser vielleicht an dieser Stelle vermutet haben. 

Die Lebensgeschichte meiner Mama wiederholt sich in meiner Verwandtschaft. Sicherlich sieht es in anderen Familien ganz anders aus, aber bei uns sind Frauen Hausfrauen und Männer für den Lebensunterhalt zuständig. All meine Tanten sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits und fast all meine jüngeren Cousinen haben nach ihrer Heirat ihre langjährigen Berufe, sei es als Chemielaborantin, Flugbegleiterin oder Unternehmerin, aufgegeben – um Ehefrau und vor allem Vollzeit-Mama zu werden. Das ist ihr gutes Recht, wer bin ich, der persönliche Entscheidungen hinterfragt. Aber nachvollziehen kann ich es nicht. Es irritiert mich.

Meine Mama wollte „nur“ Mama sein. Sie wollte aber nie, dass ihre beiden Töchter den gleichen Weg gehen wie sie. Wir sollten ihr Gegenbild sein. Sollten studieren und Karriere machen. Einen Haushalt unterhalten können, ohne von einem Partner abhängig zu sein. Eben: uns ein altın bilezik verdienen. Eine Heirat in jungen Jahren bezeichnete meine Mutter als Hindernis auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Wieso?, fragte ich sie. Sie habe diese Chance nie gehabt, antwortet sie darauf. So frei zu sein als Frau, den eigenen Weg zu bestimmen. Sie wurde von ihrer eigenen Mama und ihrem eigenen Umfeld dazu erzogen, eine gute Mutter und Ehefrau zu werden. Sie wurde anders sozialisiert – ihr Leben war in diesem Sinne fremdbestimmt.

Ich fing mit 15 als Aushilfskraft in einem Schuhladen an. Mit meinem selbstverdienten Geld wollte ich meinen Papa ein Stück weit entlasten – aber mich vor allem von ihm loslösen, eben so weit, wie es für eine 15-Jährige möglich war. 

In der Oberstufe jobbte ich in einem Kleidungsgeschäft. Zu meiner Unizeit bezog ich Bafög, weil mir durch das Pendeln zwischen Karlsruhe und Mannheim keine Zeit zum Arbeiten blieb. Nach meinem Bachelor, als ich monatelang Absagen für Redaktionsvolontariate einstecken musste, schaffte ich wieder als Aushilfskraft in der Innenstadt. Legte Pullover zusammen, machte Umkleidekabinen sauber und packte im Lager Kartons aus. Dann kam die Zusage für ein Volontariat. Dann der Berufseinstieg. Ich stand nie still.

Ich kenne sehr viele Frauen und Männer, auch in meinem Freundeskreis, die ihren ersten Job nach ihrem Uniabschluss hatten. Sie arbeiteten bis dahin nicht, weil ihre Eltern nach dem Abitur das Auslandsjahr finanzierten, später die WG-Miete zahlten, zum Monatsanfang auch Taschengeld überwiesen. Nicht arbeiten, weil man nicht muss: Auch diese Parallelwelt gibt es in meinem Umfeld. Auch sie irritiert mich.