Vom Kreiskrankenhaus Cöpenick zur DRK-Klinik: Das Ost-West-Labor in Köpenick

Als das Kreiskrankenhaus Cöpenick nach zweijähriger Bauzeit am 3. Januar 1914 eröffnet wurde, traten gerade mal elf Ärzte und 30 Schwestern ihren Dienst an. Die Patienten der Klinik mit 149 Betten lagen in großen Sälen, was heute unvorstellbar ist. Für die Ärzte stand dagegen ein eigenes Casino zur Verfügung. Die regionale Presse war begeistert, der Neo-Barockbau sei das schönste Hospital des deutschen Kaiserreiches, hieß es.

Es wurde immer gebaut

Kommenden Dienstag begehen die DRK-Kliniken Köpenick, wie das Haus nunmehr heißt, das 100-jährige Jubiläum der Heilstätte. Die rund 1200 Mitarbeiter können auf eine Geschichte zurückblicken, die durch die Extreme des 20. Jahrhunderts geprägt ist und sich grob in drei Phasen untergliedern lässt: die Jahre bis 1945, die DDR-Ära und die Zeit nach der Wende.

Dies zeigt sich auch an der Architektur. Das 1914 fertiggestellte Haus an der Salvador-Allende-Straße ist heute ein Ärztehaus, daneben befindet sich das als Bettenhaus genutzte Hauptgebäude. Es wurde in Plattenbauweise errichtet und 1983 eingeweiht. 2010 kam ein Klinikneubau mit seiner strahlend weißen Fassade hinzu. „Bei uns wurde eigentlich immer gebaut“, sagt Verwaltungschef Frank Armbrust.

Bereits während des Ersten Weltkrieges musste die Bettenzahl aufgestockt werden, um das Krankenhaus in ein Lazarett umzuwandeln. Dies war auch im Zweiten Weltkrieg erforderlich. Die jüdischen Mitarbeiter waren zuvor entlassen worden. Dennoch bewies der langjährige ärztliche Leiter Reinhold Hinz Courage. „Während der Köpenicker Blutwoche im Jahr 1933 wurden auch zahlreiche Opfer der SA im Krankenhaus behandelt. Hinz empfahl Goebbels, sich die Opfer persönlich anzusehen“, berichtet Armbrust.

Zudem habe der Arzt sich geweigert, fingierte Totenscheine der SS zu unterschreiben. 1944 gab es fast täglich Luftangriffe, operiert wurde im Luftschutzbunker. Am 21. Juli wurden der Nordflügel und das Verwaltungsgebäude des Krankenhauses ausgebombt. Sechs Menschen starben.

In der Nachkriegszeit ging es vorrangig darum, die Klinik – bei zunehmender Abwanderung der Ärzte in den Westen – wieder aufzubauen. Es entstanden in den folgenden Jahrzehnten Polikliniken, Schwesternwohnheime, der Operationstrakt wurde modernisiert, die Röntgenabteilung erweitert. Die 80er-Jahre, das Haus war zwischenzeitlich in Dr. Salvador-Allende-Krankenhaus umbenannt worden, waren von Mangelwirtschaft gekennzeichnet.

Patienten lagen deutlich länger

Katrin Bönsch, Pflegeleiterin in der Kardiologie, begann als 16-Jährige am 1. September 1983 ihre Ausbildung und kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. Obst und Gemüse für die Patientenküche seien oft knapp gewesen. „Und wir mussten unsere Handschuhe mehrmals verwenden, sie selbst waschen und pudern, bevor wir sie zur Sterilisation gegeben haben“, erzählt sie. „Taschentücher haben wir uns aus Zellstoff geschnitten.“ Manchmal hätten auch die Patienten mitgeholfen, zu denen übrigens das Verhältnis viel enger gewesen sei als heute. „Damals lagen die Patienten noch viel länger im Krankenhaus. Zum Teil Monate“, sagt sie.

Kurz vor dem Ende der DDR kam dann die Idee auf, in einem Erweiterungsbau eine Devisenstation zu errichten, vergleichbar mit der heutigen Komfortstation. „Da sollten Gaddafi & Co behandelt werden“, sagt Verwaltungschef Armbrust. Der 56-Jährige fing 1990 als ökonomischer Direktor, wie seine Funktion damals noch hieß, im Krankenhaus an. Das waren aufregende Zeiten. „Ich musste eine komplett neue Verwaltungsstruktur einführen. So etwas wie ein Rechnungswesen gab es nicht“, sagt er.

Und auch die Geldbeschaffung war mitunter abenteuerlich. „Einmal bin ich zur Sozialversicherung nahe der Jannowitzbrücke gefahren und habe mir einen Scheck über eine Million Mark geben lassen, um die Gehälter auszahlen zu können.“ Aber immerhin, das Krankenhaus war das erste Ost-Berlins, das 1990 vom Magistrat eine Einzelförderung in Höhe von 14 Millionen Mark für einen Erweiterungsbau erhielt.

1992 übernahm die gemeinnützige DRK-Schwesternschaft Berlin das Krankenhaus. Die Schwesternschaft, 1875 gegründet, „entstand aus einer Bewegung von Frauen, die nicht heiraten, sondern berufstätig sein wollten“, sagt Pflegeleiterin Astrid Weber.

Das hatte auch zur Folge, dass in den drei Berliner Kliniken der DRK-Schwesternschaft, neben Köpenick in Westend und Wedding beheimatet, die Stellung der Pflegekräfte gestärkt ist. Auf den Stationen sind die Pflegeleiterinnen den Chefärzten gleichgestellt.

„Dadurch haben wir ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl“, sagt Weber. Man kann das Krankenhaus als Ost-West-Labor bezeichnen, zumindest auf Leitungsebene: Sechs der zwölf Chefärzte stammen aus dem Osten, fünf aus dem Westen, einer kommt aus Polen.

Neu: Eine Klinik für Geriatrie

Die DRK-Schwesternschaft investierte in den Jahren viel Geld in das Haus. Es entstanden ein ambulantes OP-Zentrum, MRTs wurden angeschafft, Patientenzimmer renoviert, die Fassade des Bettenhauses wurde saniert, die Küche, ein Brustzentrum wurden eröffnet.

Allein der 2010 eingeweihte Klinikneubau, an dessen Finanzierung sich das Land zur Hälfte beteiligte, kostete 25 Millionen Euro. Eine Komfortstation wurde eröffnet, in der die Patienten gegen einen Aufpreis von 75 bis 150 Euro täglich in luxuriös eingerichteten Ein- und Zwei-Bett-Zimmern mit Parkettboden, bequemen Sesseln und allem Pipapo untergebracht werden.

Für Gebärende und ihre Familien wurden schön ausgestattete Familienapartments eingerichtet. Rund 1 000 Babys kommen jährlich in den DRK-Kliniken Köpenick zur Welt. Das ist für den Stadtteil, der eine vergleichsweise eher alte Einwohnerschaft hat, ein guter Schnitt. Aber auch den Bedürfnissen der älteren Bevölkerung wird Rechnung getragen. Vor wenigen Tagen wurde eine Klinik für Geriatrie eröffnet. Geplant sind außerdem eine Palliativstation und ein Hospiz.

Das Krankenhaus hat heute 510 Betten, 65 000 Patienten werden jährlich behandelt, davon 17 000 stationär. Es ist die einzige Klinik in Köpenick. Vielleicht ist das der Grund, warum Verwaltungschef Armbrust sagt, dass das Haus im Stadtteil verwurzelt ist. Er selbst wohnt in Köpenick, ebenso wie die Pflegerin Katrin Bönsch, die hier aufgewachsen ist und seit mehr als 30 Jahren die Patienten im Krankenhaus Köpenick betreut.