Marion Donath hat letzte Nacht gar nicht geschlafen. Sie wohnt eigentlich in Frohnsdorf, aber wurde am Sonntag gebeten, ihr Haus zu verlassen. „Ich habe in der Ferienwohnung einer Freundin übernachtet“, sagt sie, „aber kein Auge zugetan.“ Sie hatte schon länger ihre Tasche gepackt. „Schon am Freitag war ich so weit, aus meinem Haus auszuziehen, da hatte der Wald angefangen zu brennen.“ Die 39-Jährige hatte die Erfahrung aus dem Jahr 2018. „Sobald hier irgendwas brennt, sind wir hier raus.“ Am Montag läuft sie zusammen mit ihrem sechsjährigen Sohn Tim die Karl-Liebknecht-Straße entlang, zurück zu ihrem Haus in Frohnsdorf.

So wie Marion Donath ging es vielen aus dem kleinen Ortsteil von Treuenbrietzen in Brandenburg, die in der Nacht zu Montag aus ihren Häusern mussten. „Das ist keine Übung“, hieß es immer wieder. Alle Einwohner folgten den Anweisungen, die Feuerwehr hatte den Ort schnell evakuiert. Die Gefahr musste niemandem erklärt werden, gerade in Frohnsdorf war die Rauchsäule überall zu sehen. Sie wuchs über dem angrenzenden Wald immer weiter und kam näher. Als sie auf rund einen Kilometer an den Ort heran war, setzte der Regen ein.

Andrea Metzler findet die wohl passenden Worte am Montagmittag, während der Regen unaufhörlich auf ein provisorisches Zelt tropft: „Der Regen“, sagt die Pressesprecherin des Landkreises, „hat uns hier alle noch mal gerettet.“ Gestern Nachmittag war die Regenwahrscheinlichkeit noch bei 46 Prozent, sagt sie, aber dann begann es glücklicherweise und hörte auch nicht mehr auf. „Heute Vormittag konnten wir erst einmal wieder Entwarnung geben und alle konnten in ihre Häuser zurück.“

Rund 620 Menschen aus den drei Ortsteilen Frohnsdorf, Klausdorf und Tiefenbrunnen waren zuvor evakuiert worden. Doch weil so viele privat unterkamen, mussten nur 70 Menschen die Notunterkunft in der Stadthalle nutzen. Auch in Beelitz durften am Montag die Anwohner von drei vorsorglich evakuierten Straßenzügen wieder nach Hause. Trotz der Entwarnung waren Hunderte Feuerwehrleute weiter im Einsatz. Denn der  Wind könnte, so die Sorge, die tief sitzenden Glutnester in den Wäldern wieder anfachen.

Berliner Zeitung/Markus Waechter
Die Feuerwehr betanken das Fahrzeug mit Wasser.

Im brandenburgischen Landkreis Potsdam-Mittelmark hatten am Wochenende zwei große Waldflächen gebrannt, nur rund 20 Kilometer voneinander entfernt. In beiden Gebieten brannten jeweils etwa 200 Hektar Wald. Eine Feuerwalze sei erst 200 Meter vor den ersten Wohnhäusern von Beelitz gestoppt worden. Zum ersten Mal, so Andrea Metzler, habe die Feuerwehr ein Gegenfeuer eingesetzt, um dem Feuer die Nahrung zu nehmen.

Eines der Hauptprobleme während der Löscharbeiten waren allerdings die im Boden verborgenen Kampfmittel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Dies seien Hinterlassenschaften aus dem damaligen Kampf um Berlin, sagte ein Ministeriumssprecher. Die Feuerwehrleute kamen daher nicht direkt an den Brand heran und mussten häufig aus der Luft löschen.

Munition aus 150 Jahren deutscher Geschichte

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ruft deshalb den Bund zu Hilfe bei den militärischen Altlasten. „Wir müssen an dieses Hauptproblem ran“, sagte Woidke. „Wir haben irgendwo zwischen 150 und 200 Hektar rund um Berlin Wälder, die militärisch hoch belastet sind“, sagte er. Er sprach von „Brandbomben“ für Waldbrände. „Es ist Munition aus 150 Jahren deutscher Geschichte, die da zu finden ist.“ Viele Flächen wurden schon als militärische Übungsgelände im Kaiserreich genutzt. Die Bundesregierung müsse dringend tätig werden, Brandenburg könne die Aufgabe nur gemeinsam mit dem Bund lösen.

Nach Angaben des Innenministeriums wurden allein im vergangenen Jahr in Brandenburg fast 330 Tonnen Kampfmittel gefunden und vernichtet. Auf Flächen mit erhöhter Waldbrandgefährdung und im besonders belasteten Oranienburg wurden seit dem vergangenen Jahr Flächen von insgesamt 75 Hektar untersucht und etwa 35 Tonnen Kampfmittel geborgen.

Der Waldbrand bei Treuenbrietzen hat auch das Waldforschungsprojekt Pyrophob getroffen. Es wurde mit acht Partnern nach großflächigen Bränden im Süden Brandenburgs in den vergangenen Jahren ins Leben gerufen. Das Projekt sollte unterschiedliche Methoden ausprobieren, um zu sehen, wie sich der Wald regeneriert. Auf einigen Flächen wurden die verbrannten Bäume entfernt, der Boden wurde gepflügt und junge Bäume wurden gepflanzt. Auf anderen wurden Baumsamen verstreut. Manche Flächen wurden sich selbst überlassen und regenerieren sich ohne menschlichen Einfluss.

Ziel war es, herauszufinden, wie sich Wälder nach Bränden entwickeln. „Jetzt haben wir auf tragische Weise gelernt, dass es große Rückschläge bei der Forschung geben kann“, so der Professor von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, Pierre Ibisch. Das Feuer habe Messgeräte zerstört. „Möglicherweise ist die Hälfte unserer Forschungsflächen von dem Feuer betroffen. Wir gehen aber davon aus, dass diese Flächen auch weiter erforscht werden.“

Das große Problem sei, dass Brandenburgs Wälder zu 70 Prozent aus hoch entzündlichen Kiefernforsten bestehen. „Wir leben in Brandenburg auf einem Pulverfass“, so Ibisch. Die Situation sei dramatisch und man brauche eine deutlich effektivere Förderung der Waldentwicklung.

dpa/Cevin Dettlaff
Feuerwehrleute legen ein Gegenfeuer, um die weitere Ausbreitung des Brandes zu verhindern.

Die Brandursache bleibt ungeklärt

Ob die Temperaturen am Tag des Brandausbruchs für eine Selbstentzündung von in den Böden lagernder Munition ausreichend gewesen wären, sei fraglich. Es bestehe auch die Möglichkeit einer eventuell fahrlässigen Brandstiftung, so der Wissenschaftler. Das Projekt Pyrophob selbst habe größere Mengen Munition geborgen. Manche Flächen seien jedoch zu stark belastet. „Auf diesen Flächen geriet das Feuer außer Kontrolle“, so Ibisch.

Im Laufe des Montags entspannte sich die Lage zusehends. Jetzt beginnt die Zeit, in der die Waldbrände ausgewertet werden. Es werde geprüft, hieß es vom Landkreis, welche weiteren Sicherungsmaßnahmen nötig seien, um die von Wald umgebenen Orte besser zu schützen und Evakuierungen zu verhindern. Brandenburgs Forstminister Axel Vogel (Grüne) verkündete düstere Aussichten: „Die zunehmende Erderhitzung wird auch in den kommenden Jahren dazu führen, dass solche Großschadensereignisse durch Brände häufiger vorkommen werden.“