Zollchow - Irgendwie sind auf diesem Hof allesamt Kühe – auch die Menschen. Dieser Satz würde fast überall als ziemlich harte Beleidigung gelten, hier aber, auf diesem Bauernhof im Nordosten des Landes Brandenburg, ist es so etwas wie das größte Lob.

Wie nahe sich Mensch und Tier hier sind, zeigt sich im großen Stall: 65 Meter lang, luftig hoch, mit offenen Toren, durch die der Wind pfeift und die Tauben fliegen. Ein breiter Gang teilt den Stall. Auf der linken Seite stehen die Arbeitskühe, also jene Tiere, die jeden Tag zweimal gemolken werden und die das wirtschaftliche Überleben von Viola und Hans-Jürgen Paulsen sowie ihrer acht Mitarbeiter sichern.

Bauern fordern kostendeckende Preise

Sie alle leiden unter der Preispolitik der Branche. Auch deshalb fuhren Landwirte aus dem gesamten Bundesgebiet Ende Januar mit Traktoren nach Berlin, ihre langen Konvois blockierten Straßen und sie zogen zum Kanzleramt. Vordergründig richtete sich der Protest gegen das neue Insektenschutzgesetz, vor allem aber forderten die Bauern mehr heimische Lebensmittel in den Läden und kostendeckende Preise.

Wie das mit den Preisen funktioniert, soll uns Milchbauer Paulsen erklären. In seinem Stall stecken die Tiere ihre Köpfe durch die Gitter und fressen. Paulsen schichtet das Trockenfutter mit einer Forke immer wieder zu hohen Haufen auf, sodass die Kühe bequem rankommen. „Da ist vor allem Mais drin“, sagt der 56-Jährige. „Aber auch Stroh, Luzerne und Gras – dazu Kraftfutter, also Ackerbohnen, Lupine und Roggen. 90 Prozent stellen wir auf unseren Feldern selbst her. Alles bio.“

Die Paulsens sind vor vier Jahren auf Öko umgestiegen. Nicht aus rein ideologischen Gründen, auch aus Notwehr. Denn konventionelle Milchbauern haben immer weniger Überlebenschancen. Nicht sie machen die Preise, sondern Discounter wie beispielsweise Aldi oder Lidl sowie die Industrie. Die Ladenketten liefern sich seit Jahren einen erbitterten Preiskampf, denn in Deutschland geht es bei Lebensmitteln nicht so sehr um Qualität und Geschmack, sondern um jeden Cent. Und der Krieg auf den bunten Werbeprospekten wird gern über die Preise für Milch und Butter ausgetragen – natürlich zulasten der Bauern. Dazu später.

Nun erst mal zur rechten Seite des Stalles und der Erklärung, warum die Menschen hier in gewisser Weise auch Kühe sind. Auf dieser Seite geht es ganz entspannt zu: Die Tiere liegen in weiten Abständen im frischen Stroh und kauen gemächlich. Sie fühlen sich sichtlich wohl. „Das ist unsere Gynäkologie“, sagt Landwirtin Viola Paulsen. „Die Kühe haben gerade frische Kälber bekommen oder sind bald dran.“

Ein männliches Kalb kostet nur Geld

Ein paar Schritte weiter sagt sie: „Da, das Kalb am Boden ist gerade geboren.“ Ein kleines schwarz-weißes Häufchen liegt im Stroh. Mutter und Tante lecken sein Fell sauber und muhen beruhigend. Nun will das Jungtier aufstehen. Keine 20 Minuten nach der Geburt. Das Kalb holt Schwung mit dem Kopf und stemmt die Hinterbeine hoch, dann versucht es, die zittrigen Vorderbeine durchzudrücken. Mutter und Tante stützen das Kalb vorsichtig mit den Mäulern, doch es bricht zusammen.

„Schon bald wird es stehen“, sagt die Bäuerin, sie freut sich, das ist ihr anzusehen. Doch das hier ist kein Bauernhof aus dem Märchenbuch. Deshalb sagt Viola Paulsen, 54 Jahre alt, auch Sätze, die wie Todesurteile klingen. „Wenn das Junge ein Bulle ist, hätte ich aus betriebswirtschaftlicher Sicht hoffen müssen, dass es eine Totgeburt ist“, sagt Paulsen. Denn die Familie betreibt nun mal einen Milchhof, und für Milch werden nur Weibchen gebraucht. Die Bullen gehen an Mastbetriebe, müssen aber vorher drei Wochen lang gefüttert werden. Sie trinken Milch für 80 Euro, und die Besamung hat 50 Euro gekostet. „Eine Menge Geld, aber der Verkauf bringt uns nur 60 Euro. Wirtschaftlich also kein Geschäft. Aber wir sind Landwirte mit Leib und Seele und kämpfen um jedes Tier.“

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Teil der Herde: Viola Paulsen mit dem Kalb, das 20 Minuten zuvor geboren wurde.

Auf einem kleinen Familienhof wird nicht auf die Uhr geschaut. „Wir sind auch bei den Geburten dabei“, sagt Viola Paulsen. „Bei Großbetrieben, in denen alles nach Stundenlohn geht, ist das oft gar nicht möglich.“ Dort sei viel mehr Hektik, viel mehr Stress. „Dort sind die Menschen kein Mitglied der Herde. Wir aber sind Teil unserer Herde.“

Sie geht zu dem Neugeborenen, um das Geschlecht zu bestimmen. „In anderen Betrieben würde das Muttertier nun das Junge verteidigen und uns vertreiben.“ Viola Paulsen dreht das Kalb kurz um. Dann lächelt sie und sagt: „Weiblich. Das Kalb kann auf dem Hof bleiben.“

Wenig Solidarisierung mit dem Protest in Berlin

Die Landwirtschaft ist eine Basis unseres Überlebens und sichert die Lebensmittelversorgung, gleichzeitig sind Bauern inzwischen eine weitgehend ignorierte Berufsgruppe, der oft vorgeworfen wird, dass sie zu viele Subventionen kassiert. Als die Bauern wochenlang mit ihren Traktoren in Berlin protestierten, war von Solidarität wenig zu merken. Paulsen war dort nicht dabei, sagt aber: „Der Protest war aber wichtig. Denn es ist bedenklich, wenn in Corona-Zeiten wichtige Gesetze einfach durchgewunken werden, ohne dass es eine breite öffentliche Debatte gibt.“

Er geht zum Büro und will die Sache mit dem Milchpreis erklären. Vor den Ställen bildet das Schmelzwasser kleine und große Seen. Frida, die stille, aber äußerst agile Hofhündin, läuft zwischen den Kühen umher, als gehörte auch sie zur Herde. Ein Nachbar kommt mit einem Mini-Traktor vorbei und will mit Paulsen etwas klären.

Hans-Jürgen Paulsen kommt nicht aus Brandenburg. Geboren wurde er weit im Norden, bei Schleswig, kurz vor der dänischen Grenze. Seine Familie ist seit Generationen in der Landwirtschaft. Paulsen erzählt, dass er früher ständig Stress mit seinem Vater hatte und deshalb gleich 1990 in den Osten ging, nach Zollchow. Das 160-Einwohner-Dorf bei Prenzlau befindet sich inmitten der Eiszeithügel der Uckermark. Dort hatten die Mitglieder der LPG „Befreites Land“ damals beschlossen, den Betrieb zu privatisieren. Da kam der junge Mann gerade recht. Nun ist Paulsen seit 20 Jahren Ortsvorsteher und fühlt sich hier zu Hause – nicht nur, weil die Straßen so vertraute Namen tragen wie Steen Enn.

Im Büro kontrolliert Paulsen kurz am Computer, ob die Elektriker schon mit der Arbeit an der Biogasanlage fertig sind. Dann erzählt er, dass ein Liter konventionell hergestellte Milch im Supermarkt etwa einen Euro kostet, manchmal sogar noch weniger. Die Milchbauern halten das für absurd, weil es Mineralwasser gibt, das teurer verkauft wird.

Paulsen sagt, dass der Anteil, den die Bauern in den vergangenen zehn Jahren abbekamen, im Schnitt bei 32 Cent lag. Dagegen stehen ihre Kosten. „Fünf bis zehn Cent für Löhne, fünf bis zehn Cent für das Futter, fünf bis zehn Cent für die Zucht der Jungtiere“, sagt er. Dazu Kosten für Strom und Benzin, für Ackerpachten und Kredite. „Und wir selbst müssen ja auch leben.“ Nicht zu vergessen: Die ersten zwei Jahre gibt die Kuh noch keine Milch, trinkt aber 100 Liter Wasser am Tag und futtert für drei Euro.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Auf dem Hof leben 320 Milchkühe und 250 Kälber.

„Um von der Milch halbwegs gut leben zu können, sind 45 statt 32 Cent nötig“, sagt er. Die meisten Milchbauern überleben nur, weil etwa die Hälfte der Lebenshaltungskosten über Fördergelder gedeckt wird. Oft sind es zudem kleine Familienbetriebe, die sich selbst ausbeuten. Oder es sind riesige Höfe, auf denen mit vielen Tieren über die Masse Geld gemacht wird.

Paulsen erzählt, dass einmal in zehn Jahren der Preis von 32 auf 38 Cent steigt. Dann kaufen die Bauern schnell noch ein paar Kühe und geben mehr Kraftfutter, um die Leistung zu steigern und den Gewinn. „Und schon steigt das Angebot, und der Preis bricht wieder ein.“ Er schüttelt den Kopf und erzählt, dass die Bauern nie wissen, wie viel sie bekommen. Sie liefern zum Beispiel am 10. Januar an die Molkerei und erfahren erst am 15. Februar, wie der Preis ist. „So ist die Gesetzeslage. Alle müssen an die Molkereien liefern, und die müssen auch alles abnehmen. Wir können dann nur hoffen, dass sie gute Verträge mit dem Handel und der Lebensmittelindustrie haben.“

Die Bauern haben kaum Planungssicherheit. „Unser Ziel ist ganz einfach: Verträge mit festen Laufzeiten und festen Liefermengen. Verträge, die den Preis festschreiben und die Qualität. Also so, wie sich jeder einen Vertrag vorstellt.“ Und natürlich wäre es schön, wenn jeder Liter Milch im Laden zehn Cent mehr kosten würde und wenn das Geld bis an die Bauern weitergereicht würde.

„Das weiße Band der Milchelite“ steht auf der Urkunde

In Paulsens Büro hängen riesige Flurkarten von seinen Ländereien. Aber nicht nur das. Wenn Leuten etwas wichtig ist, hängen sie es auch gern an die Wand. Bei Paulsen sind es silbrig-graue Teller – darauf die Zahl 100.000. Das sind Auszeichnungen für jene Kühe, die in ihrem „Berufsleben“ 100.000 Liter Milch gegeben haben. „Eine echte Leistung“, sagt Paulsen. „Davon gibt es in Brandenburg vielleicht 200.“ Bei ihm hängen acht solcher Teller. Dazu die Urkunde „Das weiße Band der Milch-Elite“ für die gute Qualität seiner Milch.

Unter den Urkunden hängen auch Urlaubsbilder mit den Kindern am Meer, dazu in schöner schnörkeliger Schrift der Satz: „Glück ist die Freude am eigenen Leben.“ Paulsen erzählt, dass Landwirte nun mal selten Urlaub machen. Er selbst war im Vorjahr drei Tage auf Rügen. „Das ist normal. Ungewöhnlich und richtig lang war unser Urlaub 2015 – zehn Tage mit der ganzen Familie in Uganda.“

Für Milchbauern beginnt die Arbeit um 4.30 Uhr, dann sind die Euter der Kühe voll. Ein hartes Leben. Aber auch ein glückliches Leben? „Ja, inzwischen sind wir glückliche Bauern“, sagt Paulsen. Als Biobauern profitieren sie nun im großen Geschäft mit der Milch etwas mehr: Statt der üblichen 32 Cent bekommen sie 47 Cent. „Aber in der Bioproduktion haben wir deutlich höhere Kosten“, sagt er. Reich wird er nicht, der Hof ist bei weitem kein Schmuckstück. Nur einer der Ställe ist neu, zehn Jahre alt, um präzise zu sein. Solch ein Neubau muss 20 Jahre abbezahlt werden. Paulsen kann wirtschaftlich nur überleben, weil es noch die alten Ställe von 1966 gibt.

„Ansonsten haben wir ein echtes Luxusproblem“, sagt er und geht wieder zum Stall. Frida, die Hündin, springt ausgelassen um seine Beine. Paulsen erzählt von Höfen, die sterben müssen, weil die Bauern keine Nachfolger finden. „Bei uns sind drei der vier Kinder in der Landwirtschaft und könnten übernehmen.“ Hans-Jürgen Paulsen lächelt zufrieden. „Meine einzigen echten Probleme: zu viel Arbeit und die ständigen Kosten.“

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Das absolute Wellness-Programm für die Tiere: die Kuhbürste.

Seine Frau zeigt auf eine Futtermaschine, die zwischen den Kuhreihen entlangfährt. „Kostet mal einfach so 170.000 Euro und hält nur acht Jahre“, sagt sie. „Das Geld läuft einfach immer weg.“ Dann hebt sie die Hand. „Und jetzt zeigen wir unsere beste Anschaffung seit Erfindung des Melkroboters.“

Sie geht in den Stall und zeigt auf einen Pfeiler. In Schulterhöhe der Tiere hängt eine Kuhbürste – ein Elektromotor mit rotierenden Borsten. Das Ding sieht aus wie ein überdimensioniertes Schuhputzgerät. Ein Tier stellt sich darunter, drückt es ein wenig nach oben und schon dreht sich die Bürste. „Das reinste Wellness-Programm“, sagt Hans-Jürgen Paulsen. „Wir haben die Kuhbürste seit vier Wochen, und sie steht nie still.“

Die Kuh genießt die Massage. Aber nicht lange, schon kommt die nächste und schiebt sie mit leichter Bestimmtheit weg. „Vorhin war ein Händler da“, sagt Viola Paulsen. „Bald bekommen unsere Kühe eine zweite Bürste, die ihnen seitlich die Rippen bürstet. Dann sind sie noch glücklicher und wir auch.“