Die einen nennen es Bürgergeld, die anderen Grundeinkommen, wieder andere solidarisches Grundeinkommen – gemeint ist immer dasselbe. Die unterschiedlichen Sozialleistungen fallen weg, die Bürger bekommen eine Art Gehalt, wenn sie keinen Job haben, und müssen dafür arbeiten.

Bei der Linkspartei hieße das Öffentlich geförderter Beschäftigungssektor, ÖBS: Jetzt hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller es zum Antrittsprogramm gemacht für seine Zeit als Bundesratspräsident.

„Arbeit-für-alle-Agenturen“

Daran ist nichts falsch. Allerdings ist die Zeit längst über diese Idee hinweggerauscht. Das Grundeinkommen, oder wie immer man es nennen möchte, stammt aus dem letzten Jahrhundert. Erfunden als Antwort auf überbordende Bürokratie, drohende Langzeitarbeitslosigkeit und Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

Es war gedacht als Werkzeug zum Reparieren im Bestand, als Übergangslösung auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Eine Antwort der Arbeitsgesellschaft auf den Mangel an bezahlter, für Unternehmen gewinnbringender Arbeit.

Bis heute ist das Bürgergeld oder das Grundeinkommen nirgends realisiert. Die Politik hat gezaudert, hatte Skrupel und Angst vor dieser Aufgabe. Noch immer sind die Jobcenter keine, wie Müller schön formuliert, „Arbeit-für-alle-Agenturen“. Und es gibt keine Agentur für Bürgerarbeit oder wie immer das heißen müsste.

Michael Müller sagt: Soziale Teilhabe entsteht über Arbeit. Er beschreibt damit den Zustand seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute. Aber das ist nicht die Zukunft. Vielleicht ist das bedauerlich. Aber es ist Realität. Noch scheint das verrückt angesichts einer Diskussion über Fachkräftemangel.

„Wer soll das bezahlen“

Aber die Digitalisierung hat ja noch gar nicht richtig angefangen. Es wird technologische Entwicklungen geben, die möglicherweise alles auf den Kopf stellen. Was ist, wenn es in zehn oder 20 Jahren nur noch Arbeit für wenige gibt und nicht genug Sperrmüll, den die vielen wegräumen sollen, die dafür ein solidarisches Grundeinkommen beziehen?

Noch geben wir alle dieselbe Antwort: Politiker erfinden das Grundeinkommen für die Abgehängten, Eltern trimmen ihre Kinder schon im Kindergarten, damit sie das Rattenrennen um die raren Jobs gewinnen. Bildung, Bildung, Bildung schreit es aus jedem Koalitionsvertrag. Jeder ahnt, es wird schlimm kommen. Manche geben von vornherein auf. Und eigentlich spüren wir alle die Rat- und Hilflosigkeit, die in dieser Komprimierung des Systems steckt.

So kommen wir nicht weiter. Unser Denken muss die Richtung wechseln. Die einzigen, in deren Köpfen es sich dreht, sind die Kämpfer für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Sie stellen den Leistungsbegriff unserer Arbeitsgesellschaft auf den Kopf. Noch ist das unvorstellbar. „Utopisten!“, schallt es ihnen entgegen, „dann legen sich alle auf die faule Haut!“, „wer soll das bezahlen!“

Ich weiß nicht, ob die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens die richtige Antwort ist auf das Verschwinden der Lohnarbeit, wie wir sie kennen. Ich weiß nur, dass dieser Prozess des Verschwindens sich nicht aufhalten lässt. Wie lange wird es noch Supermärkte geben, in denen Menschen arbeiten? Wie lange noch Busfahrer? Und da reden wir ja immer noch nur über Technologien, die es schon gibt, also über gestern.