Berlin - Andreas Schawe war gut gelaunt, als er mit dem Motorrad in die Greifswalder Straße einbog. Es war kurz nach zwei Uhr nachmittags, über sechs Stunden Arbeit in seinem Café lagen schon hinter ihm.

Seit dem Morgen hatte er sich auf das gefreut, was nun kam. Er würde Schrauben kaufen und dann das Kennzeichen an sein neues Motorrad montieren: Yamaha, 24 Jahre alt, ein Prachtstück.

Andreas Schawe stellte sein altes Motorrad auf dem Bürgersteig ab, ging in die Schlosserei Andersch an der Greifswalder Straße und ließ sich vier Schrauben geben. Er griff in die Jackentasche, um sein Portemonnaie herauszuholen. Aber da war nichts. Die Tasche war leer.

24 Quadratmeter im Flüchtlingsheim

Mustafa Almuhtadi sah sich nicht um, als er aus der Straßenbahn stieg. Er beachtete nicht den Verkehr auf der breiten Greifswalder Straße und nicht die Läden, an denen er vorbeikam. Er ging einfach geradeaus, den Blick leicht gesenkt.

Berlin war der Ort, an dem er jetzt wohnte, und doch hatte all das hier mit seinem Leben nichts zu tun. Sein Leben, das war ein 24 Quadratmeter großes Zimmer im Flüchtlingsheim an der Storkower Straße, das er mit seinen zwei Kindern teilte und seiner schwangeren Frau.

Einmal waren sie alle zusammen im Zoo, und in der Weihnachtszeit im Gesundbrunnencenter in Wedding, ein Fotograf machte ein Bild von seinen Kindern zusammen mit dem Weihnachtsmann. Viel mehr hatten sie von der Stadt noch nicht gesehen. 

Nur den Weg vom Flüchtlingsheim zur Grundschule an der Pasteurstraße in Prenzlauer Berg, in der seine Kinder die erste Klasse besuchten, ging er jeden Tag.

Eine Zukunft in Deutschland

Es war ein warmer Tag, Mustafa Almuhtadi schob sich zwischen den Müttern durch, die vor der Schule standen, und überlegten, ob man jetzt ein Eis essen gehen sollte oder gleich auf den Spielplatz.

Er ging in den ersten Stock, den Gang entlang, bis zu dem Zimmer, in dem die Kinder der ersten Klasse die Zeit nach dem Unterricht verbrachten. Orivan, seine Tochter, strahlte, als sie ihn sah, lief zur Erzieherin und umarmte sie zum Abschied.

Nun kam auch Shirvan, sein Sohn, schwarze kurze Haare und ein freches Gesicht, ein bisschen größer als seine Zwillingsschwester. „Tschüss, bis morgen“, riefen sie der Erzieherin zu und hüpften vor Mustafa Almuhtadi die Treppe hinunter.

Es tat ihm immer gut, seine Kinder in der Schule zu sehen. Es gab ihm das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben. Wenigstens für die beiden hatte die Zukunft in Deutschland schon angefangen. Er selbst wartete noch darauf.

„Bleibt mal stehen, da ist was“

Mustafa Almuhtadi nahm die zwei Schulranzen, die schwer waren wie immer, auf dem seiner Tochter war ein großer Pferdekopf aufgedruckt, auf dem seines Sohnes ein Dinosaurier.

Die Kinder liefen voraus, in Richtung Straßenbahn-Haltestelle. Sie wollten gerade die Prenzlauer Allee überqueren, als ihr Vater sie rief. „Bleibt mal stehen, da ist was.“

Am Boden lag etwas Schwarzes, Rechteckiges, nicht sehr groß. Orivan hob es auf. Ein Portemonnaie. Mustafa Almuhtadi nahm es in die Hand, öffnete es. In den Fächern steckten viele Plastikkarten, dahinter waren Geldscheine. Er zählte. Über 1000 Euro.

Der Tag hatte so gut begonnen, und jetzt das

Die Schrauben hat Andreas Schawe noch bezahlt, in seiner Hosentasche fand er ein bisschen Kleingeld. Aber daran, dass er an diesem Tag noch das Kennzeichen anschrauben würde, glaubte er nicht mehr.

Er hatte jetzt ein Problem. Alles war in der Geldbörse gewesen, die ihm beim Abstellen des Motorrads wohl aus der Tasche gefallen war: EC-Karte, Kreditkarte, Krankenkassenkarte, Ausweis, Führerschein.

Die neue Zulassungskarte für das Motorrad und sehr viel Geld. Der Tag hatte so gut begonnen, und jetzt das.

„Meine Identität und ein bisschen Kleingeld“

Er rief im La Tazza an, seinem Café in der Hufelandstraße. Seine Mitarbeiter sahen überall nach, in der Küche, auf dem Tresen, auf dem Boden. Nichts. Zu Fuß ging er den Weg zurück, den er gekommen war.

An der Grundschule seines Sohnes vorbei, dieselbe, in die Mustafa Almuhtadis Kinder gehen, bis zur Hufelandstraße, wo sich Eisläden, Schuhläden, Kinderbekleidungsläden, Restaurants und Cafés aneinanderreihen.

Breit und baumbestanden ist die Hufelandstraße das Herz des Bötzowviertels, ein paar Straßenzüge in Prenzlauer Berg, die das Klischee vom selbstzufriedenen, Kinder zuhauf hervorbringenden Stadtteil mitentstehen ließen.

Andreas Schawe heftete seine Augen auf den Boden, aber er fand nichts. Er zweifelte daran, dass er sein Portemonnaie wiedersehen würde und beschloss, erstmal nach Hause zu gehen.

Dort klingelte sein Handy. Ob er etwas vermisse, fragte eine weibliche Stimme. „Meine Identität und ein bisschen Kleingeld“, sagte Schawe. Beides könne er sich abholen, sagte die Frau, im Flüchtlingsheim an der Storkower Straße.

Beim Thema Deutschland bleibt sein Gesicht ernst

Mustafa almuhtadi, 40, ist ein nachdenklicher Mann, in dessen Augen unvermittelt ein belustigtes Blitzen treten kann. Das passiert öfter, wenn er sich im Flüchtlingsheim mit anderen Bewohnern unterhält, auf Arabisch oder Kurdisch.

Wenn er aber von sich und seinem Leben in Deutschland erzählt, bleibt sein Gesicht ernst. Mustafa Almuhtadi sitzt auf einer Couchgarnitur, die zu groß wirkt für das kleine Zimmer, in dem sie steht. Das Sofa stößt an ein Bett und das wiederum an ein Doppelbett.

Auf beiden liegen glatt gestrichene Decken und darauf jeweils ein Stofftier, links ein Bär, rechts ein Löwe. Ein großes Fenster nimmt die ganze Breite des Raumes ein, es ist mit Zeitungsseiten beklebt, damit es morgens nicht so früh hell wird im Zimmer.

Ein Fensterflügel steht offen, man sieht viel Himmel und ein paar Hochhäuser. Auch das Rupert-Neudeck-Haus ist so ein langer hoher Riegel, es war einmal ein Bürohaus, dann stand es leer, dann zogen Flüchtlinge ein. Die Almuhtadis leben seit der Eröffnung der neuen Erstunterkunft im April 2015 hier.

Allah könnte seine Ehrlichkeit Belohnen

Er habe gleich gewusst, dass er das Portemonnaie seinem Besitzer zurückgeben wolle, sagt Mustafa Almuhtadi auf Arabisch, während seine Frau Zozan Schalen mit Thunfisch, Gurken und Käse auf den Tisch stellt.

Mohamed, ein junger Mann aus Afghanistan, der als Praktikant im Rupert-Neudeck-Haus arbeitet, übersetzt. Vielleicht, habe Mustafa Almuhtadi noch gedacht, würde Allah seine Ehrlichkeit ja belohnen. Seine Wünsche können ihm 1000 Euro ohnehin nicht erfüllen.

Er möchte endlich ankommen in Deutschland. Möchte Geld verdienen, seine Familie versorgen, wie zu Hause in Aleppo. Er war als Ingenieur beschäftigt, spezialisiert auf Maschinen für die Landwirtschaft. 2013 kam der Bürgerkrieg in Aleppo an, der stolzen, alten Stadt.

Als Raketen auch in Wohnvierteln einschlugen, beschloss Mustafa Almuhtadi, das Land zu verlassen. An Deutschland dachte er da noch nicht, die Familie zog nach Libyen. Immer öfter traf er Landsleute, die auf dem Weg in die Türkei waren, um von dort nach Italien überzusetzen, mit dem Ziel Deutschland.

Sie schwärmten so von dem Leben, das sie dort erwarten würde, dass die Familie entschied, auch nach Deutschland zu reisen. Im Mai 2014 bestiegen sie zusammen mit 300 anderen Menschen ein 14 Meter langes Fischerboot. Zwölf Stunden später waren sie in Italien, weitere zwei Wochen später in Deutschland.