Von Berlin nach Andalusien: Eine real existierende Utopie am Rand Europas

Lukas Sentner zog aus der Berliner Heimat in die spanische Provinz. Dort erforscht er neue Formen des Zusammenlebens. Ein Leben über Verzicht und Freiheit.

Lukas Sentner,  nach Andalusien ausgewandert.
Lukas Sentner, nach Andalusien ausgewandert.Benjamin Pritzkuleit

Der große Olivenbaum am Ufer des Flusses ist überlebenswichtig für Lukas Sentner. Bei 40 Grad im Schatten genießt er seine Siesta, die traditionelle spanische Ruhepause während der Mittagsstunden. Ganz im Süden der iberischen Halbinsel sind andere Dinge wichtiger als im durchprogrammierten, konsumorientierten Alltag Berlins. Der Olivenbaum ist nämlich nicht nur Schattenspender, sondern der wichtigste Wirtschaftsfaktor in Südspanien. Die Einwohner nennen ihn „grünes Gold Andalusiens“. Auch Lukas Sentner lebt heute von der jahrtausendalten Olivenölkultur.

Der 27-jährige Berliner hat vor über zwei Jahren seine Heimatstadt verlassen. Auch wenn seine Wurzeln in Treptow-Köpenick liegen, fühlt er sich dort schon manchmal wie ein Fremder. „Ich kenne meine Nachbarn nicht“, sagt er, „Freunde wohnen weit entfernt, obwohl man doch in einer Stadt lebt, jeder verfolgt seinen eigenen Alltag.“ Für ihn war der Umzug nach Andalusien ein Ausbruch aus dem Hauptstadtdschungel. Es war auch: ein Ausbruch aus der Komfortzone. Ein Auswanderer will er allerdings nicht sein. Er sieht sich eher als Einwanderer.

Im Winter wird es in Südspanien auch mal kühler. Im Hintergrund die Sierra Nevada.
Im Winter wird es in Südspanien auch mal kühler. Im Hintergrund die Sierra Nevada.Lukas Sentner

Und so zog es den Köpenicker in die Sierra Nevada. Genauer gesagt in eine 35-köpfige Wohngemeinschaft in die Alpujarra, dem Ort mit den meisten Sonnenstunden Europas. Dort lebt er mit „gleichgesinnten Naturmenschen“, wie er sagt, die alle einen ähnlichen Lebenslauf haben. Raus aus dem sesshaften, bequemen Leben, rein ins Unbekannte. Ihr neues Domizil ist umgeben von Bergquellen, Hügeln, Granatäpfeln, allen möglichen Zitrusfrüchten, Avocados, Kakis und natürlich: Olivenbäumen.

Auf der Suche nach den magischen Momenten

Während die Bäume vom Frühling bis in den Herbst wichtiger Schattenspender in der spanischen Hitze sind, wird ab Ende November das grüne Gold geerntet. Der gebürtige Köpenicker nutzt dafür selbst gemachte Bambusstäbe, um die Oliven von den Ästen zu holen. Breite grüne Netze werden unter die Bäume gelegt, um die Oliven aufzufangen. Zum ersten Mal erlebte Lukas Sentner die Olivenernte hautnah. Er mahlte die mediterrane Steinfrucht in einer speziellen Mühle, füllte das Öl in 25-Liter-Kanistern um. Nun weiß er, wie Olivenöl, das wir tagtäglich nutzen, hergestellt wird. Unter anderem für diese „magischen Momente“ ist er nach Andalusien gezogen.

Der Berliner bei der Olivenernte.
Der Berliner bei der Olivenernte.Lukas Sentner

Die Großstadt war für ihn nicht der richtige Lebensraum. „Für mich geht’s nicht immer nur um Wachstum“, sagt er, „immer mehr, immer schneller“. Er spricht von einer Zeit in Berlin, in der diese ständige Schnelligkeit ihn depressiv machte. Dem gelernten Wirtschaftsingenieur waren sein Studium und die Arbeit in der Automobilbranche nicht mehr genug. All das füllte ihn nicht aus. Er sagt, die „Authentizität“ habe ihm gefehlt, auch im Partyleben. „Berlin war für mich ab einem gewissen Zeitpunkt eine stressige, reizüberflutete und energieraubende Umgebung.“ Was er gesucht habe, war das, was man wohl ein Kollektiv nennt: eine verbindliche Lebensgemeinschaft unter Gleichgesinnten. 

Ein konkretes Beispiel: Ihm hat in Berlin das gemeinsame Essen gefehlt. Frühstück oder Abendbrot haben für Lukas Sentner eine sehr soziale, zwischenmenschliche Komponente. Dazu hat er total „Bock auf Lokalität“. In Berlin fehle ihm das. In der Gemeinschaft in Südspanien sitzt man hingegen gemeinsam am Tisch und teilt sich Brot, Salz und Olivenöl.

In der Alpujarra sitzt man gemeinsam zu Tisch.
In der Alpujarra sitzt man gemeinsam zu Tisch.Lukas Sentner

Man merkt dem Berliner den entschleunigten Lebensstil in Spanien an. In einer Teestube am Monbijoupark erzählt er tiefenentspannt von seiner Geburtenhelferausbildung in der Alpujarra und logistischen Schwierigkeiten, das Olivenöl klimaneutral nach Deutschland zu verschicken. Er schaut dabei einem stets tief in die Augen, immer wieder grinst er, erzählt begeistert vom „Off grid“-Leben. Auch seine Kleidung ist mit seinen Passionen abgestimmt: ein T-Shirt mit einem Fahrrad drauf und eine weite dunkelrote Yoga-Hose. 

„300 Euro im Monat reichen mir“

In Andalusien ist jedenfalls vieles einfacher als in der deutschen Hauptstadt, was den gebürtigen Berliner glücklicher macht. „In der Community leben wir in Zelten, Jurten und kleineren Wohnmobilen“, sagt Sentner, „wir trinken nur frisches Wasser aus unserer Bergquelle und gehen für das große und kleine Geschäft auf die Komposttoilette.“ Gekocht wird entweder auf einem geselligen Feuer oder der Gasplatte. Die Handyakkus laden sie über Solarpaneele auf. 

Seine Familie und seine engeren Freunde fragen ihn immer, ob er denn zurechtkomme mit seinem alternativen Lebensstil. Das soll heißen: Wie viel verdient er im Monat? Rentenversicherung? Zahnarzt? Einerseits verdient er durch seine Fotos ein paar Euro auf dem Markt im nächstgelegenen Ort. „Dazu habe ich viele Gelegenheitsjobs“, sagt er, „wie Massagen, saisonale Arbeit wie die Olivenernte und natürlich Erspartes“.

Er weiß, dass sein Leben für viele eine Utopie ist, ein Ausbruch aus dem Rattenrennen um Erfolg, Karriere und Eigenheim. Der größte Unterschied zu seinem Leben in Berlin ist jedoch der Verzicht. „Mir reichen 300 Euro im Monat“, sagt er, „ich zahle keine Miete, brauche kein ÖPNV-Ticket, keine Internet- oder Stromrechnungen.“

Nachts irgendwo in Südspanien: ein Lagerfeuer unterm Vollmond.
Nachts irgendwo in Südspanien: ein Lagerfeuer unterm Vollmond.Lukas Sentner

Einmal im Jahr fährt der Berliner per Anhalter die 2500 Kilometer hoch in die Heimat. Flugzeuge meidet er, seitdem er 2018 mit dem Fahrrad von Berlin ans Nordkap gefahren ist. Während der vier bis acht Wochen in Deutschland arbeitet er für Naturschutzorganisationen und deckt weitere Kosten für das anstehende Jahr. So wie Lukas lebt der Großteil der Aus- bzw. Einsteiger in Andalusien.

In Spanien vermisst er besonders die Berliner Radwege. „In der Sierra Nevada kommt man ohne das Auto eher schwieriger weg“, sagt er. Nach einem Döner mit einem ordentlichen Klecks Knoblauchsoße sehnt er sich auch ab und zu. Er ist geschockt von den hohen Dönerpreisen in Berlin. Und auch den Berliner Regen vermisst er in Spanien. Da merkt man, dass er länger nicht mehr hier war.