Von Damaskus nach Berlin: Enana Alassar - Syrerin auf der Suche nach Freiheit

Damaskus

Enana war ein wildes Kind, sie mochte keine Mädchen, sie hielt sie für weinerlich und schwach. Sie spielte lieber mit Autos als mit Barbies. Ihre Schwestern steckten sie in Kleider wie eine Puppe und pinselten Farbe auf ihr Gesicht. Ihrem Vater war es egal, wie sie aussah. Hauptsache, Enana war glücklich.

Bis zu diesem Tag, an dem sie raus auf die Straße vor ihrem Haus in einem wohlhabenden Viertel von Damaskus rannte, um mit den Nachbarsjungen Fußball zu spielen, wie sie es immer tat. Aber dieses Mal war ein Junge dabei, den sie nicht kannte. Er baute sich vor ihr auf: „Was willst du hier?“, fragte er. „Du bist ein Mädchen. Mädchen spielen keinen Fußball, geh nach Hause.“ Enana fühlte Wut in sich aufsteigen, so hatte noch nie jemand mit ihr gesprochen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, sie hörte noch, wie eines der anderen Kinder sagte: „Enana ist nicht wie andere Mädchen, sie spielt besser Fußball als du!“ Und Enana schrie: „Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Doch die Worte des neuen Jungen hatten sich unter ihre Haut gebohrt wie ein Stachel.

„Weißt du, Enana“, sagte ihr Vater abends, „es gibt Menschen, die sind ungebildet, die wissen es nicht besser. Lass dir von niemandem sagen, wer du zu sein hast.“

In ihr blieb das Gefühl, nicht dazuzugehören. Es war ihre erste Begegnung mit einer Gesellschaft, die einen Weg für ihr Leben vorherbestimmt hatte, lange bevor sie geboren wurde. Und sie spürte, dass sie keine Lust hatte, diesen Weg zu gehen. Was sollte das sein, ein Mädchen? Scheiß drauf!

Ein Leben im Korsett

Enanas Vater stammte aus einer wohlhabenden Familie. Der Großvater hatte sein Geld in den 60er-Jahren mit Immobilien in Kuwait verdient, Enanas Vater aber fehlte das Gespür fürs Geschäft. Er studierte englische Literatur, hatte ein Zimmer voller Bücher, er zeichnete, spielte Schlagzeug und Gitarre. Er arbeitete als Übersetzer für das syrische Fernsehen, genau wie Enanas Mutter.

Ihr Haus war erfüllt von Büchern, von Kunst und Musik. Als Enana fünf Jahre alt war, bekam sie ihre erste Klavierstunde. Die Eltern meldeten sie an der Musikakademie an, und Enana begann, das Klavier zu hassen. Welches Kind will schon Bach und Beethoven spielen? Enana hatte Beyoncé entdeckt, Nickelback und Eminem. Als sie dreizehn war, durfte sie zur Gitarre wechseln. Aber das änderte nichts, Bach stand auch da auf dem Stundenplan. Zu Hause schloss sie sich in ihrem Zimmer ein und schrammelte Rockakkorde.

Enanas Eltern hatten eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft: ein ausgezeichneter Schulabschluss, ein Studium, ein Doktortitel, ein Mann, Kinder.

Ihr Leben fühlte sich an wie ein Korsett, das sich enger zog und ihr die Luft zum Atmen nahm. Wenn sie es nicht mehr aushielt, heizte sie auf ihrem Mountainbike durch die Straßen und schrie, so laut sie konnte.

Ihren Körper versteckte sie unter weiten T-Shirts und Baggy Pants, ihre langen Haare unter einer Schirmmütze, die sie tief ins Gesicht schob. Jungs langweilten sie. Manchmal schwänzten sie und ihre beste Freundin die Schule, sie tranken Bier, und wenn sie ein bisschen betrunken waren, küssten sie einander. Als Enana sich das erste Mal in ein Mädchen verliebte, war sie sechzehn Jahre alt. Die Krise, wie sie den Krieg in Syrien am Anfang noch nannten, hatte gerade begonnen.

Enana und Aya

Aya war ein Jahr älter als sie. Sie war stark und schön, und Enana war verrückt nach ihr. Sie schrieben sich Nachrichten, sie konnten stundenlang reden, sie lachten viel, manchmal trafen sie sich nur, um sich zu küssen. Aya war die Tochter eines Generals, der sie nie ohne Bodyguards aus dem Haus ließ. Die Männer warteten unten auf der Straße, wenn sie Enana besuchte, und Enana lernte zu leben mit der Angst, erwischt zu werden, so wie sie lernte mit den Raketen zu leben, die immer öfter in der Stadt einschlugen.

Solange du sie hören kannst, weil sie über deinen Kopf hinwegsausen, bist du sicher. Solange du sagst, dass ihr nur beste Freundinnen seid, bist du sicher.

Sie küssten sich in Hauseingängen und schmalen Gassen. Es war aufregend und romantisch. Es war kaum auszuhalten. Sie nicht zu berühren, wenn andere Leute dabei waren, ihr nicht sagen zu können, wie sehr sie sie liebte, wenn es jemand anders hören konnte. Zu wissen, dass sie Aya nie wieder sehen würde, wenn jemand herausfand, was sie taten. Und dass das noch das geringste Problem sein würde; dass selbst das Gefängnis nicht so schlimm sein würde wie das, was Aya drohte.

Eines Tages kam Enana abends nach Hause, ihre Mutter saß am Küchentisch, vor sich ein Stapel DVDs, die sie bei ihr im Zimmer gefunden hatte, „The L Word“, eine amerikanische Serie über eine lesbische Frauenclique. Ihre Mutter tobte. „Das ist dieses Mädchen, mit dem du jetzt immer herumhängst“, schrie sie, „ich rufe ihre Eltern an!“ Enana flehte sie an: „Ihre Eltern bringen sie um!“ Eine ihrer Schwestern öffnete die Küchentür, und die Mutter sagte kein Wort mehr.

Das Korsett zog sich zu. Enanas Eltern ließen sie kaum noch raus. Wenn sie keine Luft mehr bekam, floh sie zu ihrem Großvater, der im Zentrum von Damaskus wohnte. Manchmal saß sie mit ihm auf dem Fußboden im Hausflur, sie tranken Tee, der Großvater rauchte Zigaretten: „Hast du schon Deutsch gelernt?“, fragte er und zwinkerte ihr zu.

Raketen über Damaskus

Enanas Tanten lebten seit vielen Jahren in Deutschland. Ihr Vater sprach schon eine ganze Weile davon, Syrien zu verlassen. Der IS kontrollierte den Norden des Landes und rückte immer näher auf die Hauptstadt zu. In den Vororten von Damaskus bekämpften sich Rebellen und Regierungstruppen, jeden Tag schlugen Raketen und Granaten in den Parks im Zentrum ein, und in den Straßen explodierten Autos. Ständig fiel der Strom aus, es gab keine Lebensmittel, kein Internet, aus den Leitungen kam kein Wasser. Der Alltag war unerträglich geworden. Mehr als 200 000 Menschen hatte dieser Krieg im Sommer 2015 schon das Leben gekostet. Und Enanas Vater glaubte nicht mehr daran, dass er bald zu Ende sein würde.

Als Aya Enana verließ, brach ihr Herz.

Einmal traf sie sich mit Freunden, um Arak zu trinken und die Straßen entlang zu rasen, die sich den Berg Qasiyun hinaufschlängeln. Unter ihnen lag die Stadt, vorne auf dem Fahrersitz stand eine Tasche voller Waffen; viele ihrer Freunde hatten jetzt Waffen. Enana saß auf der Rückbank und hielt ein Mädchen umschlungen. Sie knutschten. Plötzlich hörten sie Schläge gegen das Autofenster. Als Enana die Soldaten sah, erstarrte sie. Da war nur noch ein Gedanke: „Jetzt ist es vorbei.“

„Kommt deine Familie von der Küste?“, sagte der eine, als er Enanas Ausweis sah. Enana nickte nur. Der Soldat gab ihr den Ausweis zurück. Er musste sie für eine Alawitin gehalten haben, die gleiche Minderheit, der Assad angehört, der ebenfalls von der Küste stammt. Als sie am Checkpoint vorbeifuhren, winkten die Soldaten ihnen nach.

„Ich bin kein verdammtes Problem!"

Ihr Vater hatte sie nur ein einziges Mal zur Seite genommen. „Wer weiß alles, dass du lesbisch bist?“, hatte er gefragt. „Niemand“, hatte Enana geantwortet. Erst als das Wort aus ihrem Mund kam, merkte sie, dass er ihr eine Falle gestellt hatte. „Gut“, antwortete er, „wie lösen wir das Problem?“ Enana schrie: „Was soll das heißen? Ich bin kein verdammtes Problem!“ Ihr Vater sah sie nur an, ganz ruhig, er sagte: „Du brichst den Kontakt ab zu jedem, den du kennst, der homosexuell ist. Und dann konzentrierst du dich auf deine Zukunft. So löst du das Problem.“ Danach sprach er nie wieder davon.

Ihre Mutter aber ließ nicht locker. Sie überwachte Enana bei jedem Schritt. Sie las die Nachrichten, die Enana sich mit ihrer Freundin geschrieben hatte. Enana behauptete, es wäre ein Junge. Die Mutter tat, als glaubte sie ihr. Aber sie war nur noch misstrauischer als zuvor.

Einmal tauchte sie plötzlich an der Uni auf, in ihrem feinen Kostüm, das sie immer trug, weshalb Enana sie nur „der Teufel trägt Prada“, nannte. Sie liefen über den Campus, als eine Freundin vor Enana auf sie zukam: „Hey, da vorne steht deine Ex.“ Enana blieb das Herz stehen. „Darf ich dir meine Mutter vorstellen?“

„Das ist gegen die Natur“, schrie die Mutter zu Hause, „gegen Gottes Willen!“

„Wenn deine Argumente mit Gott zu tun haben, höre ich dir nicht zu“, schrie Enana.

Kurz darauf fragte ein Junge in der Cafeteria nach ihrer Telefonnummer.

„Vergiss es“, zischte sie, „ich bin lesbisch.“

„Okay“, antwortete er, „das hättest du mir nicht sagen müssen.“

Da flippte sie aus. Sie schrie ihn an: „Ich bin lesbisch, kapierst du? Ich bin lesbisch!“ Als sie am nächsten Tag über den Campus ging, spürte sie die Blicke in ihrem Rücken.

Zwei Monate später radelte sie nach Hause, als zwei Motorräder neben ihr hielten. „Enana Alassar?“ Die Soldaten schubsten sie vom Fahrrad, ihr Handgelenk brach. Sie traten auf sie ein, sie brüllten: „Du Schlampe! Du lesbische Hure!“ Erst als sie wegfuhren, kamen Menschen angerannt, um ihr zu helfen.

Ihr Leben passte in einen Rucksack

„Es ist mit egal, was ihr denkt“, sagte Enana abends zu ihren Eltern. „Bringt mich hier raus oder ich nehme die größte Regenbogenflagge, die ich finden kann, und springe damit vom Damascus Tower.“ Enanas Vater beschloss kurz darauf, die Flugtickets zu kaufen. Ein paar Wochen später flog sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester nach Beirut und von dort weiter in die Türkei. Was Enana bei sich trug, passte in einen Rucksack. Ihre Sachen hatte sie in Damaskus an ihre Freundinnen verschenkt, ihre CDs, ihre Klamotten, ihre Gitarre. Sie wusste, dass sie nicht zurückkommen würde.

Ihr Leben teilte sich in diesem Moment in zwei Hälften. Hinter ihr lagen Jahre, an die sie mehr schlechte Erinnerungen hatte als gute. All die Lügen, die Angst, das ständige Versteckspiel. So viele ihrer Freunde waren verschwunden, weil sie in den Krieg gezogen waren, weil ihre Familien herausgefunden hatten, dass sie homosexuell waren, weil sie sich auf den Weg nach Europa gemacht hatten.

Enana hatte sich an den Ausnahmezustand gewöhnt. Ihr Leben war Überleben. Ein reflexhaftes Funktionieren.

Vor ihr lag ein vages Versprechen auf Freiheit, zum Greifen nahe und doch so verschwommen wie eine Fata Morgana. Wer mit Überleben beschäftigt ist, kann sich kein Morgen vorstellen. Es geht immer nur um den nächsten Moment.