Neulich bei der Booster-Impfung in der Hausarzt-Praxis: Als ich ins Wartezimmer komme, grüße ich angemessen freundlich in den Raum: nicht übertrieben, auch nicht zu gleichgültig. Drei Leute sitzen dort, niemand grüßt zurück. Man müsste dafür nicht mal vom Handy hoch oder hinter der Zeitschrift hervorgucken, aber vielleicht gehört das einfach nicht zu den Gepflogenheiten der Gegenwart.

Kürzlich las ich in einem Beitrag, dass sich die Autorin unbehaglich oder peinlich berührt fühlt, wenn sich zum Beispiel nach einer Bahnfahrt oder im Flugzeug die Person verabschiedet, die zuvor stundenlang auf dem Platz neben ihr saß, ohne dass zuvor zwischen ihnen ein Wort gewechselt wurde. Was daran so problematisch sein soll, erklärte sich zwar nicht, aber womöglich handelt es sich um ein gesellschaftliches Paradox: Wir bemängeln zwar die zwischenmenschliche Anonymität, sind aber nicht bereit, einander einen guten Tag zu wünschen.

Ich freue mich immer, wenn jemand etwa beim Aussteigen aus dem Fahrstuhl grüßt. Man muss daraus keine große Sache machen, aber es drückt eben aus, dass man die Umwelt wahrnimmt und geneigt ist, ihr freundlich zu begegnen. Es lässt sich freilich dagegen argumentieren, diese Etikette sei völlig oberflächlich, weil man sich dadurch noch längst nicht für die andere Person interessiert. Mir sind höfliche Begegnungen, so kurz sie auch ausfallen, jedenfalls deutlich lieber als der vielen Leuten ins Gesicht geschriebene Griesgram.

Ein höflicher Umgang macht übrigens auch als Signalwirkung für jene Sinn, die in übersteigerter Selbstherrlichkeit über Konsens hinweggehen. Als ich nach der Impfung noch mal für ein paar Minuten im Wartezimmer Platz nehme, sitzt gerade ein Mann Mitte 50 an der Anmeldung. Seine Fragen deuten darauf hin, dass es sein erster Impftermin ist. Als er ins Wartezimmer kommt, grüßt er nicht und lässt sich widerwillig auf einen Stuhl fallen. Kaum dass er dort aufschlägt, zieht er seine Maske unter die Nase. Den dezenten Hinweis, er möge sie doch bitte wieder richtig aufsetzen, quittiert er mit einem bitterbösen Blick, ehe er die Maske hochzieht. Er grübelt noch, ob er etwas entgegnen soll, doch da ruft ihn schon die Ärztin ins Behandlungszimmer.