BerlinWo sich die Wrangel- und die Falckensteinstraße kreuzen, ist immer ein bisschen Dorfplatz-Stimmung. Wegen der Spätis, des Radverkehrs, denen, die vor dem Supermarkt an der Ecke stehen, der Nähe zum Görlitzer Park. Am Samstagabend hingen dort, im Zentrum des Wrangelkiezes, dicke Nebelschwaden über dem Asphalt. Ein paar Menschen stehen mittendrin, manche sind mit einem Bier in der Hand gekommen, andere mit Kinderwagen. Über ihren Köpfen grinst das offene Maul eines bärtigen Drachens. Die gelben Augen des meterlangen Fantasiewesens strahlen im Dunkel der Nacht. Aus einer Anlage sind die Beatles zu hören: „Come together“.

Die jährlich im November stattfindende Aktion hat die Initiative Bizim Kiez bereits zum sechsten Mal gegen die Gentrifizierung ihrer Nachbarschaft organisiert. In diesem Jahr hat die Demonstration in Form eines Laternenumzuges besondere Gestalt angenommen. Zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr waren die Nachbarinnen und Nachbarn von der Initiative dazu aufgerufen, „ihre Autoradios auf der Straße anzuschalten, Boxen ans Fenster zu stellen“ und die Demo auf UKW 88,4 zu verfolgen – der Frequenz der „kreativen Radios für Berlin“.

Es geht um die großen Themen der Stadt – im kleinen Wrangelkiez

Und tatsächlich schallte die Radiosendung nicht nur aus den rollenden Anlagen, die die zwei selbst gebastelten Drachen begleiteten, sondern auch aus offenen Fenstern und Boxen überall im Kiez. An einer Ecke der Oppelner Straße sitzt Arnd Hofmeister auf einem Mäuerchen. Mit Mütze und Handschuhen ausgestattet beobachtet er, wie die rund 40 Teilnehmenden des Umzugs an ihm vorbeiziehen, und lauscht dabei den Redebeiträgen aus seinem Radio. Es steht neben ihm auf der Mauer, er hat es für ein Weilchen aus der Küche entführt. „Das sollte es jeden Monat geben. Alle sollen mitgestalten, ich finde dieses Cross-over super“, sagt Hofmeister und strahlt.

In der Sendung geht es um die großen Themen der Stadtentwicklung: Wohnraum und Eigentum, Immobilien-Spekulation, Milieuschutz, Vorkaufsrecht, Verdrängung. Dafür beleuchten die Moderatorinnen Kathrin Ottovay und Esther Borkam von Bizim Kiez den Mikrokosmos Wrangelkiez. Denn das Besondere an diesem Fleckchen Berlin ist das Aufeinanderprallen einer gewachsenen Kiezkultur und der Veränderungen, die durch Tourismus und Immobilienhandel in einer attraktiven Lage entstehen. „Hier kulminieren die Konflikte der Stadt“, sagt Philipp Vergin, Sprecher von Bizim Kiez.

Begleitet wird die nächtliche Aktion von Musik und dem wiederkehrenden Jingle „Unser Kiez ist doch kein Casino“. Christina, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist „von der anderen Seite des Görli“ dazugestoßen. Alles rund um Verdrängung bewegt auch ihre Nachbarschaft. „Es ist traurig“, sagt sie. „Der Kiez verliert seinen Charakter, weil sich die Bewohnerschaft verändert. Plötzlich sind Dinge wichtig, die es vorher nicht waren, zum Beispiel Parkplätze“, sagt Christina verständnislos.

Wohnraum wird nicht als Grundrecht behandelt

In ihrer Nachbarschaft zählt dazu etwa der Buchladen „Kisch und Co“ in der Oranienstraße. Auch dessen Betreiber, Thorsten Willenbrock, kommt in der Radiosendung zu Wort – als einziger Ausreißer unter den Gesprächspartnerinnen, die sonst durchweg aus dem Kiez nördlich des Görlitzer Parks kommen. Es gibt Interviews mit Hausgemeinschaften, Betreiberinnen und Betreibern von Kleingewerbe und Initiativen, die von Verdrängung betroffen sind und sich dagegen wehren.

Wie die Bewohnerinnen der Wrangelstraße 82, einem der Häuser, die zu dem 130 Immobilien schweren Paket gehören, das erst kürzlich vom schwedischen Investor Heimstaden AB gekauft wurde. Oder Lorena Jonas von der Initiative „23 Häuser sagen Nein“, die in den Sommermonaten ihren Wohnraum durch das Vorkaufsrecht des Bezirks zu kommunalisieren versuchte. Das Ergebnis war zwar nicht der Verkauf an eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, doch immerhin eine sogenannte Abwendungsvereinbarung, die nun die neue Eigentümerin Deutsche Wohnen für 20 Jahre zum Mieterschutz verpflichtet.

„Genervt vom Wandel“ ist auch Anwohnerin Anna, die bei Bizim Kiez aktiv ist. Es stört sie, dass mit Immobilien geschachert werde, als seien es Waren. Und „dass Wohnraum nicht als Grundrecht behandelt wird“. Anna selbst musste mehrfach wegen Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen umziehen. Zusammen mit ihrem Sohn demonstriert sie jedes Jahr beim Laternenumzug. „Es motiviert zu sehen, dass wir so viele sind“, sagt die Mutter und drückt einem Passanten einen Flyer in die Hand.

Auch die Immobilien-Haie verschlafen nicht die Krise

Ist die coronabedingt entstandene Mischung aus Radio und Spaziergang nun die Zukunft des Protests? „Ich hoffe nicht“, sagt Initiativen-Sprecher Vergin. Trotzdem ist er mit der Aktion am Abend zufrieden: „Wir waren sehr nervös, aber es klappt super und hat Spaß gemacht. Vielleicht machen wir mit Kiez-Geschichten weiter und reden über Sachen, die den Leuten gerade unter den Nägeln brennen.“ Über die Pandemie hinaus müsse Protest aber wieder auf der Straße stattfinden, findet Vergin.

Bis dahin bemühen sich die Initiativen nicht nur um Corona-konforme Aktionsformen, sie engagieren sich für ihr Anliegen auch online, mit Petitionen. Weil das kommunale Vorkaufsrecht – also der Kauf von Immobilien durch landeseigene Wohnungsbaugesellschaften, subventioniert mit kommunalen Mitteln – immer wieder scheitert, lauten die Forderungen: Um Kommunen das Vorkaufsrecht zu ermöglichen, sollen sich die Kaufpreise am „Ertrag von sozialverträglichen Mieten“ richten, die Frist zur Ausübung von zwei auf sechs Monate verlängert werden und nicht allein auf Milieuschutzgebiete begrenzt werden. Aktiv zu bleiben sei wichtig, schließlich tauchten die Immobilien-Haie während der Krise auch nicht ab, findet Vergin.