Berlin - Das könnte Ärger geben. Die geplante Straßenbahnstrecke von Friedrichshain nach Neukölln soll durch den Görlitzer Park in Kreuzberg führen. An diesem Dienstag wird der Berliner Senat aller Voraussicht nach grünes Licht für das Projekt geben und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit den weiteren Planungen beauftragen. Mit dem Bund soll über eine mögliche Förderung gesprochen werden. Auch die ebenfalls vorgesehene Tram-Tangentiale im Berliner Nordosten, die Pankow mit Weißensee verbinden wird, steht auf der Tagesordnung. Beide Strecken sollen nach den jüngsten Planungen 2028 eröffnet werden.

Nahverkehrsexperten sind sich einig: Die Straßenbahntrasse, die vom S- und U-Bahnhof Warschauer Straße zum Hermannplatz führen soll, würde gut angenommen. Die volkswirtschaftliche Untersuchung bestätigt dieser Einschätzung: Danach würde der Nutzen in diesem Fall die Kosten klar übersteigen und sich auf das 2,87-Fache summieren. Doch obwohl viel dafür spricht, die Strecke ohne zeitraubende und kostenträchtige Umwege auf direktem Weg durch den Görlitzer Park zu führen, um sie so für Fahrgäste attraktiv zu machen, regt sich immer wieder Unmut. Die ohnehin schon stark übernutzte Kreuzberger Grünanlage würde weiter beeinträchtigt, wenn im Park Schienen verlegt würden, argumentieren Anwohner und Politiker.  

Mehr als 250 Parkplätze werden aufgehoben

Doch genau dazu könnte es kommen. Das rät zumindest die Untersuchung der Verkehrs-Consult Dresden Berlin (VCDB), die der Senatsvorlage beiliegt. „Ein Affront“, wie Pascal Meiser, Bundestagsabgeordneter der Linken, meint. Der aktuellen Planung zufolge soll die Verlängerung der Linie M10 zunächst entlang der Warschauer Straße verlaufen, dann über die Oberbaumbrücke. Die Planer empfehlen, die Gleise auf der Brücke auf einem besonderen Bahnkörper vom übrigen Verkehr zu separieren. Dafür müsse aber in die Interessen anderer Verkehrsträger eingegriffen werden - womit offenbar auch der Fahrradverkehr, der dort erst vor wenigen Monaten breite Radfahrstreifen bekommen hat, gemeint ist. „Zielvorgabe für die weiteren Planungsschritte wird es sein, Eingriffe in den Radverkehr so gering wie möglich zu halten“, hieß es. 

Simulation: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz
Künftig fahren und parken hier keine Autos mehr: die Falckensteinstraße in Kreuzberg.

Damit die Straßenbahnstrecke das Viadukt der Hochbahn unterqueren kann, muss die Straße in diesem Bereich tiefer gelegt werden. In der Falkensteinstraße geht es weiter zum Görlitzer Park. Die Trasse durchquert die Grünanlage auf einem besonderen Bahnkörper, der mit Rasen begrünt wird, den Görlitzer Park. Beiderseits sollen Radfahrstreifen entstehen, auf der Ostseite ist außerdem ein Gehweg vorgesehen. Die genaue Gestaltung soll im Rahmen von Bürgerwerkstätten erarbeitet werden. Über die Glogauer Straße führt die Strecke danach zum Landwehrkanal. Damit er auch von der Bahn überquert werden kann, muss die Thielenbrücke voraussichtlich neu gebaut werden. Über die Pannierstraße geht es zur Sonnenallee, die einen gesonderten Bahnkörper erhält, der auch von Bussen genutzt wird. Die Endhaltestelle befindet sich im nördlichen Bereich des Hermannplatzes in der Urbanstraße, so die Gutachter von Verkehrs-Consult.

In der ersten Stufe wurden sieben Varianten untersucht - in einem weit gesteckten Korridor, der im Westen von der Ohlauer und im Osten von der Elsen- und Wildenbruchstraße begrenzt wird. In der zweiten Stufe blieben vier Streckenführungen über, die genauer geprüft wurden. Die mit 2,9 Kilometern kürzeste Variante 4 ging schließlich als Sieger hervor. Sie schnitt bei der Gesamtpunktzahl besser ab als die drei übrigen zuletzt untersuchten Varianten - dazu zählten zwei Streckenführungen, die eine Umfahrung des Görlitzer Parks vorsehen. Deutlich war der Vorsprung beim Kriterium Reisezeit. Beim Thema Potenzialerschließung schnitt sie ebenfalls gut ab: Die Zahl der zu erwartenden zusätzlichen Fahrgäste ist in diesem Fall höher als auf den Park-Umfahrungen. Punkten konnte sie außerdem damit, dass die Investitionskosten mit knapp 62 Millionen Euro am geringsten wären. Die Parkumfahrungen würden bis zu 71,6 Millionen Euro kosten, hieß es.

Hinzu kommt, dass bei der Vorzugsvariante der Eingriff in den Kraftfahrzeugverkehr am geringsten ausfallen würde. Während bei den beiden Parkumfahrungen bis zu 509 Parkplätze wegfallen müssten, wären es in diesem Fall lediglich 256. Statt auf bis zu 475 Metern Länge wäre künftig auf 270 Metern Laden und Liefern nicht mehr möglich. Auf der Negativseite steht unter anderem der erwartete Eingriff in den Görlitzer Park. Und was die Wirkungen auf den Radverkehr anbelangt, bekam die Vorzugsvariante die schlechteste Note.

Endlich, twittert Tom Gerlich vom Fahrgastverband IGEB. „Der Senatsbeschluss ist lange überfällig und es gibt nur eine sinnvolle Trasse. Ich würde mich freuen, wenn die Diskussion nun in die Frage der Gestaltung überginge und die Energie nicht mehr in mangelhafte Alternativtrassen gesteckt wird.“

Kritik an Verkehrssenatorin Günther - Fußgängerlobby für geplante Strecke

Doch der Linken-Politiker Karsten Ronneburg verlangt genau dies - die Debatte wieder aufzunehmen. „Die Vorzugsvariante sollte erneut überprüft und mit den vorhandenen Alternativen abgewogen und breit diskutiert werden“, sagte er. Pascal Meiser wird deutlicher. „Eine Querung des Parks durch zwei Tramspuren und entsprechende Sicherheitsabsperrungen würde eine der wenigen zusammenhängenden grünen Erholungsflächen in Kreuzberg nachhaltig beschädigen“, warnte der Bundestagsabgeordnete der Linken. „Die grün geführte Verkehrsverwaltung muss ihren Widerstand gegen eine Umfahrung des Görlitzer Parks endlich aufgeben. Sollten Verkehrsverwaltung und BVG an der Querung des Parks festhalten, sind schon jetzt massive Proteste absehbar, die zu einer weiteren Verzögerung beim Tram-Ausbau führen dürften. Damit würde Frau Günther dem notwendigen Straßenbahnausbau einen weiteren Bärendienst erweisen."

Dagegen spricht sich die Fußgängerlobby für die nun geplante Strecke aus. „Wenn im Görlitzer Park starker Radverkehr auf Asphaltwegen akzeptabel ist, dann eine Tram auf Rasengleis allemal“, sagte Roland Stimpel, Sprecher des Fachverbands Fußverkehr Deutschland (FUSS), am Dienstag. „Die 200 Meter durch den Park kann sie langsam fahren, und sie sollte dort eine Haltestelle bekommen. Dann wird der Park auch für Menschen mit Kinderwagen oder Rollstuhl gut erreichbar, und aus dicht bewohnten Teilen Friedrichshains und Neuköllns.“

Kolonie Nordland wäre betroffen

Erwartet wird, dass der Senat an diesem Dienstag bei der BVG auch die weitere Planung der Tangentiale zwischen Weißensee, Heinersdorf und Pankow in Auftrag geben wird. Für diese Straßenbahntrasse ist der erwartete volkswirtschaftliche Nutzen allerdings deutlich geringer als bei der Strecke nach Neukölln: Die Gutachter der Büros BPR in Hannover und Intraplan in München gehen nur vom Faktor 1,15 aus - der Nutzen beträgt das 1,15-fache der Kosten. Für diese Strecke wurden 15 Varianten untersucht. Auf den ersten Rang landete schließlich die Planung 4C, deren Verwirklichung 75,5 Millionen Euro kosten würde.

Die 3,8 Kilometer lange Neubaustrecke im Nordosten Berlins würde am Pasedagplatz, wo heute die Linien 12 und 27 enden, ans bestehende Netz anschließen. Sie verläuft über die Rennbahn- und Romain-Rolland-Straße. An der Ecke Blankenburger Straße würde sie die ebenfalls vorgesehene Trasse zum S-Bahnhof Blankenburg queren. Jenseits der Sleipnerstraße, am Ende der Bebauung, biegt die Neubaustrecke zum S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf ab. Parallel zur Granitzstraße geht es weiter zum S- und U-Bahnhof Pankow. Dort würde die Neubaustrecke ebenfalls ans bestehende Straßenbahnnetz anschließen.

Bei dem Tram-Projekt geht es auch um den Kraftfahrzeugverkehr. Denn damit die Straßenbahn den Dorfkern Heinersdorf halbwegs störungsfrei durchqueren kann, sei eine Anpassung „unabdingbar“, so die Gutachter. Die Verlängerung der Rothenbachstraße und eine neue Straße an der Industriebahn würden den „Ortskern entlasten und die Umsetzung der Straßenbahnplanung maßgeblich unterstützen“, heißt es.

Der Gleisbau würde mehrere Laubenkolonien betreffen, unter anderem die Kolonie Nordland in Heinersdorf. „Hier sollte die BVG Varianten mit einer geringerer Inanspruchnahme der Kleingärten prüfen“, sagte Linken-Politiker Karsten Ronneburg.