Gleise können für Radfahrer ein tödliches Risiko sein. Das hat sich am Samstag wieder gezeigt – diesmal in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Wie die Polizei berichtete, kam dort ein Mann ums Leben, nachdem er mit seinem Fahrrad in eine Schiene geraten war. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) bekräftigte am Sonntag seine Forderung, Straßenbahngleise an neuralgischen Stellen mit Hilfe von Gummifüllungen sicherer zu machen. Doch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind skeptisch.

Für Radfahrer in Berlin ist es eine Standardsituation: Oft müssen sie parallel zu Tramgleisen fahren oder sie im spitzen Winkel kreuzen – etwa, wenn sie Autos ausweichen. „Das kann gefährlich werden“, sagt Heinrich Strößenreuther von der Agentur für Clevere Städte. Schmale Reifen geraten besonders leicht in die Rille. Dann ist ein Sturz unvermeidlich.

Bringt Gummi mehr Sicherheit?

Ein Schwerpunkt für diese Art von Unfällen ist die Invalidenstraße in Mitte, wo ein solches Unglück im Juli 2016 für den Radler tödlich ausging.

Der Unfall in der Kastanienallee ereignete sich laut Polizei am Samstag gegen 20.15 Uhr. Der Radler war Richtung Schönhauser Allee unterwegs, als er in ein Gleis geriet. Das geschah offenbar kurz vor der Straßenbahn-Haltestelle U-Bahnhof Eberswalder Straße. In deren Bereich ist die Kastanienallee eine Einbahnstraße, die nur in die andere Richtung befahren werden darf.

„Bei dem Sturz soll der Mann mit dem Kopf gegen das Hinterrad eines entgegenkommenden Lasters, der von einem 52-Jährigen gefahren wurde, geraten und anschließend überrollt worden sein“, so die Polizei. Der Mann starb noch an der Unfallstelle an seinen schweren Verletzungen – in Berlin ist es der neunte tote Radfahrer bislang in diesem Jahr. Die BVG, die von einem Unfall mit einem Pkw sprach, unterbrach die Linien M1 und 12 bis kurz vor Mitternacht.

2014 hatte der Senat angekündigt, dass er in der Alten Schönhauser Straße in Mitte untersuchen will, ob Gummifüllungen in Gleisen die Sturzgefahr verringern. Zu dem Test kam es jedoch nicht. Ein ähnlicher Versuch in Zürich 2013 hatte kein befriedigendes Ergebnis gebracht, erklärte BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Autos zwingen zum Ausweichen

Zwar sank das Unfallrisiko für die Radfahrer erheblich. Doch für den 100 Meter langen Testabschnitt schlugen die Zusatzaufwendungen für die neuartige Schienenkonstruktion mit 415.000 Franken zu Buche, damals umgerechnet 340.000 Euro. Auch zeigte sich, dass die Gummifüllstücke der Belastung durch die Stahlräder nicht standhielten, das Gleis musste ständig überwacht werden.

Härteres Material wäre für den Straßenbahnverkehr gefährlich geworden, fügte Petra Reetz hinzu. „Sie muss mit einer gewissen Tiefe in den Schienen liegen“ – sonst könnten die Räder herausspringen.

Im westfälischen Herdecke wurde ein 150 Meter langer Gleisabschnitt 2013 mit Gummi gefüllt– aber dabei handelte es sich um eine nur selten befahrene Güterstrecke. Kosten: 11.000 Euro. Das Geld kam vom Stromproduzenten RWE, dem die Strecke gehörte. Doch die Gleise, die zu einem Kraftwerk führen, werden nur selten von Güterzügen befahren – nicht im Minutentakt von Straßenbahnen wie in Berlin.

Gefahr von parkenden Autos

Die eigentliche Gefahr in der Kastanienallee bestehe darin, dass an ihren Rändern neben schmalen Radfahrstreifen Autos parken, sagen Susanne Grittner vom ADFC und Heinrich Strößenreuther. Wenn Autos in die Radlerspur ragen oder Türen geöffnet werden, müssen Radfahrer ihren Bereich verlassen und nach links ausweichen – wo die Gleise liegen.

Beim Umbau der Straße vor einigen Jahren sollten die meisten Parkplätze verschwinden, so Grittner. „Doch Anwohner lehnten die Pläne ab“ – zu ihnen gehörte Techno-DJ Dr. Motte. Strößenreuther: „Wenn der Senat sein Ziel ernst meint, die Zahl der Verkehrstoten auf Null zu senken, darf er in der Kastanienallee kein Autoparken mehr erlauben.“