Von Neukölln nach Treptow: Häuser werden für neue A 100 abgerissen

Die Häuser sehen gespenstisch aus. Die Wohnungen sind leer, aus den Fensteröffnungen wurden Glas und Rahmen entfernt. Andere Fenster sind mit Tüchern verhängt worden, damit es nicht so staubt, wenn der Abriss beginnt. Nachdem an der Beermannstraße 20 und 22 in Treptow die hinteren Gebäude abgebrochen worden sind, sind als Nächstes die Vorderhäuser an der Reihe. „Spätestens in drei Wochen“, wie es heißt. Der Baukomplex, in dem es einst 110?Wohnungen gab, weicht einem umstrittenen Projekt: dem Weiterbau der Autobahn A 100 von Neukölln zum Treptower Park.

Der Abriss von Wohnhäusern ist „immer eine tragische Angelegenheit“, sagte Lutz Adam, der die Tiefbauabteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung leitet. Doch entlang der fast 3,2 Kilometer langen Autobahntrasse seien dies die einzigen Wohngebäude, die weg müssten. „Sie sind die Ausnahme, ansonsten bleiben wir auf ehemaligem Kleingarten- und Industriegelände“, so Adam. Und überhaupt: „Die Proteste waren überschaubar.“

Das galt zumindest für die Informationsveranstaltung zur A 100, die Adam und Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Donnerstagnachmittag leiteten. Die wenigen Demonstranten, die sich mit dem Transparent „Stadtentwicklung mit der Abrissbirne“ vor dem jüngst eröffneten Info-Punkt des Senats an der Sonnenallee 255 postiert hatten, zogen schon bald wieder ab.

Tatort-Dreh auf der Baustelle

Die knapp 40 Bürger, die sich angemeldet hatten, waren nicht gekommen, um zu protestieren. Sie interessiert sich für die Bautechnik und Bauverfahren. Auch wenn Kritiker dabei waren: „Wer weiß, wie viele sich 2050 noch ein Auto leisten können – bei den Ölpreisen“, fragte ein Besucher. „Ich glaube nicht, dass die neue A?100 Stadtstraßen entlasten wird“ , sagte ein anderer. „Die anderen Abschnitte der Stadtautobahnhaben das ja auch nicht geschafft.“

Lutz Adams Mitarbeiter Arne Huhn schaffte es aber, dass erst gar keine Grundsatzdiskussion aufkam. Der Bauingenieur lenkte lieber die Aufmerksamkeit auf die Details dieses Großprojekts. „Es ist das größte in unserer Abteilung“, sagte er.

In der Tat: Die Baukosten werden auf 472,9?Millionen Euro veranschlagt, hinzu kommen 56,2 Millionen Euro für den Grunderwerb. Mit (nach jetzigem Stand) rund 150 Millionen Euro pro Kilometer handelt es sich um eine der teuersten Autobahnen Deutschlands. Das liege vor allem daran, dass sie meist unter dem Geländeniveau verläuft, sagte Huhn. „Damit Anwohner vor Lärm geschützt werden und nicht so sehr ins Stadtbild eingegriffen wird.“

Der Tunnel Grenzallee ist nur 385?Meter lang. Doch die Rampen des 24 Meter tief hinabführenden Bauwerks sind so steil, dass man nicht von einem Ende zum anderen schauen kann. Darum bekommt der Mini-Tunnel genauso viel teure Sicherheitstechnik wie längere Bauten. Und um Ausfädelungen zu erleichtern, erhält die neue Autobahn hier nicht nur drei, sondern sogar vier Fahrstreifen pro Richtung.

In Richtung Treptow schließt sich ein 2250 Meter langer Geländeeinschnitt an, Trogstrecke genannt. Auch er treibt die Kosten in die Höhe, wie auch der spezielle Asphalt, der den Lärm weiter dämpfen soll. „Hier zu bauen ist wie ein Sack Flöhe, den man im Zaum halten muss“, sagt Huhn. Das Grundwasser steht hoch, was für die 27 Baugruben ein kompliziertes Bauverfahren erfordert. Im Boden fanden die Bauleute auch 50.000 Kubikmeter Hausmüll – im Osten Neukölln befand sich die Deponie „Stadtbär“. Es war nicht das einzige belastete Erdreich, das entsorgt werden musste. Huhn: „Allein die Gebühren für dessen Entsorgung summierten sich auf rund drei Millionen Euro.“

Ab 2016 S-Bahn-Verkehr betroffen

Während der Baustellentour bekamen die Bürger noch etwas anderes zu sehen: Polizisten in Dienstkleidung und eine Frau in weißem Plastikanzug, die aussah, wie eine Kriminalpolizistin von der Spurensicherung. Es waren Schauspieler. Adam: „Hier wird gerade ein Berlin-Tatort mit Meret Becker gedreht.“

Schon bald werden Drehs nicht mehr möglich sein. „Ab Frühjahr 2016 wird auf der gesamten Trasse gebaut“, sagte Huhn. 2016 muss auch der S-Bahn-Verkehr auf dem Ring unterbrochen werden – es gibt sechs jeweils 54 Stunden lange Sperrungen. Wann soll die Autobahn eröffnet werden? „Am 22. 2. 22 – oder früher.“ Mit Schnapszahlen im Straßenverkehr hat er kein Problem.