Im Eingang zur Cocktailbar ihrer Eltern in der August-Bebel-Straße Nummer sieben steht eine hüfthohe Pinnwand. Daran kann man Stephanie Auras’ Lebensweg ablesen. Weilburg an der Lahn ist auf der Pinnwand zu sehen, Berlin, Leipzig und ja, tatsächlich, New York.
Auf dem Tisch vor der 37-Jährigen liegt ihr 2018 im Selbstverlag erschienenes Buch. Dessen Titel lautet: „Heeme. Eine Rückkehrergeschichte“. Heeme kann Heimkehr bedeuten, aber auch: Heimat. Das leuchtend grüne Cover zeigt im Hintergrund die Skyline von Manhattan und den Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz. Im Vordergrund ist ein Plattenbau abgebildet, einer von mehreren, die es in Finsterwalde gibt. In einer „Platte“ hat Auras ihre Kindheit verbracht.

Es ist ein Samstagnachmittag Anfang Juni. Die Straßen der Stadt zwischen Bahnhof und Cocktailbar sind nahezu menschenleer. Die Sonne scheint. Auras’ Vater ist da, als ich ankomme. Die Mutter auch. Und die kleine Tochter. Aber noch kein Gast. Man nennt das wohl beschaulich. Wir gehen links am Tresen entlang, dann rechts eine Treppe hinauf. Auf der anderen Seite des Billardraums führt eine zweite Treppe wieder hinunter in den Garten mit Hollywoodschaukeln, in denen Einheimische sitzen. Unter den Füßen knirscht der Sand. Ein Hauch von Südsee in Südbrandenburg.

Finsterwalde - eine Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern

Wir setzen uns. Zunächst will die fröhliche Stephanie Auras noch mal genau wissen, was es mit dem Buch auf sich hat, in dem sie da erscheinen soll, und fühlt sich geehrt, als sie die teils prominenten Namen derer hört, die ebenfalls porträtiert werden. Schließlich bringt Mutter Auras die Getränke mit Strohhalm und Schirmchen und nimmt im Gegenzug ihre Enkeltochter mit. Wir können reden.

Reden über die Geschichte einer jungen Frau, die immer mal wieder wegwollte, aber nie richtig weggegangen ist und nun bewusster als je zuvor in dem Ort lebt, in dem sie geboren wurde: in einer Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern, deren Name sich so leicht verhohnepiepeln lässt und über den Auras gleich zu Beginn sagt: „Es gibt noch abgelegenere Orte“ – in Finsterwalde, Spitzname: Fiwa.

Immer in Plattenbauten

An die DDR, in der sie 1982 zur Welt kam, kann sich Stephanie Auras kaum erinnern, von Bruchstücken einmal abgesehen. Ein Bruchstück ist die besagte „Platte“, mehrmals ist die Familie umgezogen, immer in Plattenbauten – als die Tochter und als ihr sieben Jahre jüngerer Bruder da waren. Die Mutter blieb jeweils drei Jahre zu Hause und habe sich auch sonst „ganz viel gekümmert“, sagt Auras. „Wir hatten gewisse Freiheiten, die ich erst zu schätzen weiß, seit ich meine Kinder sehe.“ So hätten sie oft einfach einen Schlüssel um den Hals gehängt bekommen und seien damit auf den Spielplatz gezogen – allein mit der Ansage versehen: „Um sieben kommste hoch.“

Ein weiteres Bruchstück sind die Berufe der Eltern, die unübersehbare Spuren von DDR enthalten. Vater Auras arbeitete in der Gaststätte eines Hotels als Kellner, in der ihm Gäste von drüben häufiger „Westgeld“ zusteckten. Mutter Auras lernte in einem „Schuh-Konsum“ Verkäuferin, wollte eigentlich studieren, entschied sich dann aber für Familie und Kinder und landete als bester Lehrling in einem Intershop. So bekam Stephanie Auras stets ein paar Extras, die andere Kinder nicht hatten. Vater Auras bekam von seiner Frau die damals populäre Westseife Fa zwischen die Kellnerhemden gelegt – damit sie besser rochen.

Stephanie Auras war noch Jungpionier; das blaue Halstuch hat sie aufgehoben. Und sie putzt samstags – so wie ihre Mutter einst samstags im Plattenbau das Treppenhaus und die Wohnung putzte. Dennoch hat sie mit der DDR nicht mehr viel am Hut. Das Bewusstsein einer ostdeutschen Identität wuchs erst, als Auras zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall in Berlin an einem Treffen der „Dritten Generation Ost“ teilnahm. Das sind zwischen 1975 und 1985 in der DDR geborene Menschen. „Das hat mich unheimlich interessiert, weil ich im Laufe meines Lebens immer wieder mit meiner Herkunft konfrontiert worden bin.“ Sie genoss es, sich auszutauschen. Zuvor, nach der Wende, wechselte Auras von der Grundschule aufs Gymnasium, wo erst ihre Noten absackten und sie sich doch noch auf einen Abiturdurchschnitt von 1,7 hocharbeitete. Eine letztlich normale Kindheit – mit einer historischen Zäsur mittendrin.

Ausbildung in Westdeutschland – „Finsterwalde, wo liegt denn das?“

Den Grundstein für das, was folgte, legte Auras 2001. Denn auch wenn ihre Noten ein Studium locker hergaben, entschied sie sich für eine Lehre als Reiseverkehrskauffrau. Die Kundschaft in „Ricos Reiseladen“ wollte überwiegend preiswerte Pauschalangebote in sonnige Regionen. Auras wollte „erst mal was Solides“ machen und fand es zugleich „interessant, die weite Welt kennenzulernen“. Ähnlich wie die Eltern – deren Lebenstraum eine Cocktailbar war – hing die Tochter aber auch irgendwie an der Heimat. Und so machte sie ihre Ausbildung daheim, in Finsterwalde. Fern- und Heimweh kamen zusammen. Schließlich war da ihr Freund, der um keinen Preis aus dem Elbe-Elster-Kreis wegwollte.

Das Muster vom Weg-und-gleichzeitig-dableiben-Wollen wiederholte sich nach der Ausbildung. Auras wechselte nach Weilburg an der Lahn, um sich dort an der privaten Schule eines Tourismuskonzerns zur Tourismusbetriebswirtin fortbilden zu lassen. „In Weilburg war ich wirklich allein“, sagt sie rückblickend. Auch waren unter den 44 Auszubildenden nur zwei Ostdeutsche. „Finsterwalde, wo liegt denn das?“, fragten die Westmitschüler. Bei Partys musste Stephanie Auras sich anhören: „Ey, hast du Bananen mitgebracht?“ Die Sticheleien legten sich erst, nachdem ein Dozent aus Leipzig vorgeschlagen hatte: „Mach doch mal ’ne Politikstunde.“ Auras berichtet: „Ich habe dann wirklich mal eine Oststunde gemacht – darüber, wie ich aufgewachsen bin und dass wir hier ganz normal leben und dass meine Eltern eine ganz normale Cocktailbar haben. Am Ende haben dann alle gesagt: „‚Du bist ja doch nicht so, wie wir dachten.‘ Da habe ich geantwortet: ‚Ja, was dachtet ihr denn?‘“ Vielleicht behielt sie auch aufgrund solcher Erfahrungen immer einen Fuß im Südbrandenburgischen.

Doch zunächst wuchs die Distanz zur Heimat abermals. 2009 schrieb der Zigarettenhersteller Pall Mall Praktika in New York aus. Es ging darum, VIPs am Big Apple zu begleiten, für sechs Wochen oder drei Monate. Auras ergatterte trotz bescheidener Sprachkenntnisse einen von 22 Plätzen – bei 2200 Bewerbern – und freut sich noch heute: „Die Stephanie aus Finsterwalde hat sich durchgeboxt.“ Sie lernte Manhattan kennen, aber auch die Außenbezirke, möbelte ihr Englisch auf, nutzte, wie sie sagt, die Zeit „richtig toll“. „Eigentlich wollte ich dableiben. Ich habe den amerikanischen Spirit gelebt. Das hat mich selbstbewusster gemacht“, erinnert sich Auras. Sie habe dann aber gedacht: „Ich habe zu Hause noch jemanden.“ 6500 Kilometer entfernt.

Von New York nach Finsterwalde

Sie wollte ihren Freund am Telefon zu einem Umzug überreden: „Komm, lass es uns probieren!“ Er sagte: „Komm nach Hause!“ Stephanie Auras blieb daraufhin nicht drei Monate, sondern nur sechs Wochen. Nachdem sie in Berlin-Tegel gelandet war, fuhr ihr Freund mit dem Auto direkt nach Finsterwalde. Er hatte die gemeinsame Wohnung in Leipzig, in der sie sowieso selten waren, bereits gekündigt. Von der amerikanischen Megacity in die ostdeutsche Provinz – der Kontrast hätte nicht größer sein können.

Die Heimkehr war schwer. „Na, biste wieder hier?“, fragten die Leute in Finsterwalde. „Haste es nicht geschafft?“ Mit der Rolle der gescheiterten Rückkehrerin habe sie sich überhaupt nicht anfreunden können, sagt Auras. „Ich bin ja wegen der Liebe hergekommen, also eigentlich unfreiwillig.“ Während alte Freundinnen Kochrezepte austauschten, wollte sie sich über Politik, also die Welt, austauschen. Die Jobsituation kam hinzu. Auras schrieb 145 Bewerbungen an denkbare Arbeitgeber im Tourismussektor in einem weiteren Umkreis – ohne jede positive Resonanz. „Da habe ich gedacht: Ich hau hier wieder ab.“

Einerseits. Andererseits legte diese Erfahrung die Basis für eine Erfolgsgeschichte, die Jahre darauf ihren Weg auf die berühmte Seite drei der Süddeutschen Zeitung fand und über Stephanie Auras ebenso hinausweist wie über die Region, in der sie lebt. Sogar die italienische La Repubblica berichtete. Statt in der Tourismusbranche landete sie nämlich bei dem Verein „Generationen gehen gemeinsam“, der mit öffentlichen Mitteln gefördert wird.

„Comeback Elbe-Elster“

Ihr erstes Projekt war langzeitarbeitslosen Alleinerziehenden gewidmet. Ihr zweites Projekt befasste sich mit Frauen über 50, die nach der Wende arbeitslos geworden waren und keine Stelle mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt fanden – nicht weil sie unfähig gewesen wären, sondern weil die Umstände es nicht hergaben. Auras sagt: „Die Männer sind irgendwo untergekommen, die Frauen hat man liegen gelassen.“ Sie merkte, dass es ihr mehr Spaß macht, für Menschen zu arbeiten statt für Profit. Dann heiratete sie, und es kamen Kinder, ein Mädchen (2013) und ein Junge (2017) – wie bei den Eltern. Damit waren weitere Weichen gestellt.

Eher nebenbei entwickelte sich aus einer Nebenbeschäftigung jene Hauptbeschäftigung, wegen der Stephanie Auras heute sehr gefragt ist: 2012 begann die Rückkehrerin, andere Rückkehrer zu beraten. Sie legte ihnen nahe, erst mal einen Job zu suchen und dann heimzukehren – und „nicht einfach ins Blaue hinein“ neue Wurzeln an alter Stelle schlagen zu wollen. Als ihr Chef davon Wind bekam, sagte er: „Oh, cool. Heben wir’s doch in den Verein rein. Dann können wir Fördermittel kriegen.“ Auras legte eine Facebook-Seite an. Die lokale Presse reagierte. Der doppelsinnige Titel für das Projekt lautete: „Comeback Elbe-Elster“. Zum ersten Treffen in der Cocktailbar kamen ein Dutzend Interessenten. Ein Netzwerk mit Arbeitgebern und Behörden entstand. Zu guter Letzt eröffneten sie unweit von Auras’ Elternhaus einen Heimatladen mit einer Rückkehrer-Agentur. „Der Durchbruch kam 2016“, sagt Auras, als der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) den Laden besuchte. „Das bringt Öffentlichkeit und Akzeptanz bis hoch nach Potsdam.“ Sie lernte, dass Lobbyarbeit wichtig ist und dass man die richtigen Strippen ziehen muss.

Auras wollte immer Touristikerin Nummer eins werden

Mittlerweile hat die Agentur 400 Beratungen abgewickelt und schätzungsweise 100 Menschen zur Rückkehr animiert, darunter solche mit einem Musikverlag oder einer Fotoagentur. Längst ist der Verein auch Koordinierungsstelle für die anderen Brandenburger Rückkehrerinitiativen. Die erste entstand in Templin in der Uckermark. Inzwischen gibt es landesweit 13.

Zudem bemüht sich Auras unter dem Dach der Robert-Bosch-Stiftung um eine Vernetzung mit Initiativen im Westen, genauer: mit einer im Hochsauerland und einer im bayerischen Zwiesel. Allein deren Existenz belegt, dass Abwanderung nicht nur ein Ostproblem ist. „Diese Vernetzung wäre noch mein Traum“, sagt Auras. Glaubte sie anfangs, in der Heimat nur abgelebt Altes entdecken zu können, eröffnet sich jetzt etwas lebendig Neues, und zwar im selben Ort. „Ich hab dann auf einmal so meinen Space gehabt“, sagt die Mittdreißigerin. „Herzenssachen sind sehr erfolgreich. Ich wollte immer die Touristikerin Nummer eins werden. Das bin ich nicht geworden. Jetzt bin ich etwas anderes geworden. Das ist eigentlich viel schöner.“

„Es gibt auch Leute, die scheitern.“

Nein, Stephanie Auras will beileibe nichts idealisieren. Als Frau auf dem Land müsse man schon gucken, wo man bleibe, und sich irgendwie selbst erfinden. Die Männer hätten es zuweilen leichter. Das gelte übrigens auch für ihren. Er hat als gelernter Industriemechaniker eine feste Teamleiter-Stelle gefunden, bei dem dänischen Windradhersteller Vestas im benachbarten Lauchhammer, einem der größten Arbeitgeber in der Region. Noch dazu sei „nicht jede Rückkehr erfolgreich“, räumt Auras unumwunden ein. „Es gibt auch Leute, die scheitern.“ Manche hätten sich an einen anderen Lebensstil gewöhnt und merkten, dass es einen Unterschied macht, ob man zurückkehren will – oder es wirklich tut. Und gute Jobs seien in Südbrandenburg weiterhin rar, so wie gute Ärzte. Eine Familie mit einem herzkranken Kind habe sich daher fürs Erste entschieden, doch in der Nähe der Berliner Charité zu bleiben.

Auras selbst, die nie wieder in New York war, denkt zuweilen: „Was wäre gewesen, wenn?“ Wenn sie ausgeharrt hätte und ihr Mann nachgekommen wäre. Allerdings sei sie als Mutter jetzt ohnehin geerdet. Und ihren Kindern sei es dann auch egal, „ob sie am Senftenberger See im Sand spielen oder auf Long Island“. Auf jeden Fall gebe es in ihrer Nähe Häuser für wenig Geld, die in München eine halbe Million kosteten, weiß Auras zu berichten. Und erst kürzlich sei ein bayerischer Busfahrer seiner brandenburgischen Frau heimwärts gefolgt. Der bekomme in Finsterwalde das gleiche Gehalt wie im Freistaat, weil er alle Fahrlizenzen habe. Wie cool ist das denn! Noch cooler ist natürlich, dass der Heimatbegriff plötzlich populär ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ein ganzes Bundesministerium ist danach benannt. Kein Politiker zweifelt mehr daran, dass man die sogenannten ländlichen Räume nicht verkommen lassen darf, wenn man die Stabilität der Republik nicht ins Wanken bringen will.

Den Rückkehrern werden die Füße geküsst

Auras möchte helfen, dem Heimatbegriff die letzten Reste des Negativen zu nehmen. Dazu gehört für sie, ihn zu entpolitisieren und ihn damit, so scheint es, nicht den aus ihrer Sicht falschen Leuten zu überlassen. Diese und andere grundsätzliche Gedanken hat sie sich vor unserem Gespräch extra in ein Notizbuch geschrieben, um sie loszuwerden. „Eine Rückkehr ist eine Option“, sagt Stephanie Auras abschließend. „Es ist nicht die heile Welt, die wir bieten. Aber es ist vielleicht das ganz kleine Glück.“

Bevor wir von der Cocktailbar zum Heimatladen schlendern, fährt sie fort: „Der Rückkehrer ist kein gescheiterter Rückkehrer mehr. Das Bild hat sich geändert. Das ist super. Dem Rückkehrer werden jetzt die Füße geküsst.“ Und die Frau aus Finsterwalde im Elbe-Elster-Kreis hat dazu beigetragen.  

Das Portrait stammt aus dem Buch „Ostfrauen verändern die Republik“ von Tanja Brandes und Markus Decker. Es erscheint am 13. März im Ch. Links Verlag, 248 S.,18 Euro.