Am Montagabend meldete die Akademie der Künste zu Berlin, dass ihr Mitglied Jürgen Sawade kurz nach seinem 77. Geburtstag vergangenen Mittwoch in Berlin verstorben sei. Er war einer der einflussreichsten Architekten im von Subventionen hochgejazzten West-Berliner Baugeschehen der 1970er bis 1990er, der versuchte, aus dem vielen Geld mehr zu machen als nur gegossenen Beton.

Dabei ist sein berühmtestes Werk nur für Fachleute auch mit dem Namen Sawade verbunden: Der Umbau des 1928 nach Plänen Erich Mendelsohns entstandenen Woga-Komplexes am Kurfürstendamm mit dem Kino Universum im Zentrum. In den 1970ern stand diese grandiose Anlage kurz davor, abgerissen zu werden. Sawade aber behauptete, dass wenigstens die Außengestalt gerettet werden könne. Nach ihrer Sanierung und der völligen Ausweidung des Universum zog 1981 endlich die Schaubühne ein. Für Theaterfreunde sind die von Sawade geplanten Bühnen und die immense technische Flexibilität bis heute eine Freude.

So wie hier brachte Sawade oft eine gute Idee, den dazu passenden Ort und die Nutzer oder Investoren zusammen. Etwa, als es um die Bebauung des Durchbruchs zwischen Adenauerplatz und Stuttgarter Platz ging. Er plante für die neue Lewisham-Straße mit seinen dreieckigen Glashäusern seit 1977 oder mit dem Bürohaus am Kaiserdamm und hoch über dem S-Bahn- und Autobahngraben Projekte an Orten, die als unbebaubar galten. Seine Bauten sind durchweg sauber entworfen, überraschen mit feinen Details und gutem Gefühl für städtebauliche Proportionen.

Selbst die heute „Pallasseum“ genannte Anlage, die seit 1977 nach Sawades Plänen entstand und in den frühen 2000ern als „Sozialpalast“ traurige Berühmtheit erlangte, sogar abgerissen werden sollte, ist bei näherer Betrachtung sorgfältig in den Stadtraum eingepasst worden. Wie der gewaltige Riegel über die Pallasstraße auf einem alten Bunker aufzulagern scheint, die breiten Wohnriegel entlang der Straße stehen, die hocheffizienten Wohnungsgrundrisse sich an den balkonreichen Fassaden abbilden – so gut wurde in West-Berlin jener Jahre nur selten entworfen.

Auch weniger erfreuliche Erbschaften

Geprägt wurde der Bau von den seit den 1920ern von Le Corbusier entwickelten Idee einer Wohn-„Maschine“, von amerikanischen und skandinavischen Wohnreformmodellen, der Leidenschaft der zweiten Nachkriegsmoderne für die große Form, die alle Probleme auf einen Schlag lösen sollte. Inzwischen wissen wir, dass das so einfach nicht geht.

Aber die Verachtung, die Projekten wie dem Pallasseum entgegenschlägt, ist ungerecht. Hier wurde versucht, Wohnungen auch für die nicht so Reichen zu schaffen, mit Licht, Luft und Sonne. Das ist in jeder Hinsicht mehr, als die meisten Projekte der vergangenen zehn Jahre geleistet haben. Und seitdem vor Jahren der Bezirk begann, gezielt zu beraten und im Konfliktfall zwischen den 2 000 Bewohnern zu intervenieren, die Besitzer auch wieder saubermachen, ist es schier unmöglich, eine Wohnung zu bekommen. Die Wartelisten sind lang.

Vor allem zeigte sich in diesem Bau die Lehre von Sawades intellektuellem Übervater, dem Architekten Oswalt Mathias Ungers, dass die Stadt aus insularen Großkörpern bestehe. Sawade war von 1966 bis 1969 bei Ungers Assistent an der TU, lehrte später wie dieser in den USA. Noch 1999 setzte Sawade Ungers’ abstrakten Radikalumbau als Sieger im Wettbewerb für das Pergamonmuseum durch. Eine der weniger erfreulichen Erbschaften dieses Architekten, dem Berlin sonst viel zu verdanken hat, nicht zuletzt einen der ersten Luxushotelbauten der 1980er-Jahre, das Hotel Esplanade.

Seit Mitte der 1990er-Jahre zog sich Sawade zunehmend aus dem aktiven Architekturgeschäft zurück. Es entstanden kleinere Arbeiten wie das Haus Pietsch Unter den Linden in einer ausgekühlten Postmoderne. Aber vor allem brachte Sawade Generationen von Studierenden bei, dass die Baukunst mehr ist als Fassadenhuberei, dass sie eine kulturelle Verantwortung hat und davon lebt, den weiten Bogen zwischen Städtebau und Türklinkendesign zu spannen.