Berlin - „Blas da ma nich so uff!“ – „Komm ma wieder runter von dein Ast!“ – „Mach nich so ville Wind mit dein kurzet Hemde!“ Das sagt der alte Berliner, wenn „eena anjibt wie ne Tüte Mücken“. Und es gibt ja so manche Leute, denen kann es nicht groß genug sein. Die bauen nicht nur Mega-, sondern gleich Gigaprojekte in die Landschaft. Vormittags schießen sie dicke Raketen ab, mittags kaufen sie das Unternehmen Twitter und abends prügeln sie sich mit Putin, um die Welt zu retten. Zumindest bieten sie es an, so wie neulich der Milliardär Elon Musk.

Die Tesla-Gigafactory – das wasserschlürfende Beton-Monster in Brandenburg – soll bald Zehntausende E-Autos vom Band spucken. Elon Musk gilt als Visionär. Dabei saß der eigentliche Visionär einst bei mir um die Ecke. Das habe ich erst neulich bei einem Spaziergang festgestellt.

Ich lief durch Oberschöneweide, das einst vor den Toren Berlins lag – so wie heute das Giga-Ding in Grünheide. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen angesichts der riesigen ziegelgelben Fabrikbauten am Ufer der Spree. Ein Jahrhundert lang qualmte, zischte, rummste und krachte hier die große Industrie. Hergestellt wurden Akkumulatoren, Kabel, Maschinen und Fernseher. Und Autos.

Emil trug Vollbart, Vatermörderkragen und Kneifer

Ja, vor allem auch Elektroautos, wie mir ein Guide des Industriesalons Oberschöneweide erzählte. Hier draußen an der Spree entstand sozusagen schon vor 120 Jahren eine Art Gigafactory, wenn auch nicht ganz so giga. Und der große Visionär von damals hieß nicht Elon, sondern Emil. Er trug den typischen gestutzten Vollbart seiner Zeit, Hemd mit Vatermörderkragen, Anzug und einen Kneifer.

Daimler AG
Er machte schon mehr her: der Kaiserwagen von Mercedes, um 1907, hier für den österreichischen Kaiser.

Emil Rathenau war ein Berliner Unternehmer. Weitsichtig hatte er sich vom Erfinder Edison in Amerika den Nachbau der ersten Glühlampe der Welt genehmigen lassen – und konnte auch andere Patente nutzen. Mit der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) wurde er zu einem der führenden Elektrifizierer Berlins.

Und dann hatte er auch noch die Vision mit den Autos. Man schrieb das Jahr 1901 und mancher fasste sich an den Kopp. „Rathenau ist auch nicht mehr der alte“, sagte jemand voller Sorge über Emil. „Er schwärmt für das Auto und seine Zukunft, sieht alle Straßen mit Autos bedeckt und die Pferde von den Lastwagen und Pflügen abgespannt. Kurz, er ist konfus geworden.“ Elon hört solch ein Urteil offenbar seltener.

Emils neue Firma, die Neue Automobil-Gesellschaft (NAG), baute bald Autos, darunter viele elektrische. Diese schnurrten in der „Elektropolis“ Berlin umher, neben denen von Kliemt, Siemens, Slaby-Beringer und anderen. Die Berliner Post, die Feuerwehr, Brauereien und andere fuhren elektrisch, ebenso Stadtbusse und Taxis. Auch Kaiser Wilhelms Fuhrpark besaß drei stromgetriebene Wagen.

Das Benzin musste man nicht mehr extra in der Apotheke kaufen

1912 kippte das Ganze. Die E-Autos wurden nach und nach in die Nische gedrängt. Was nun an Autos herumfuhr, stank und knatterte. Aber man kam mit den Benzinkisten eben viel weiter als 80 Kilometer. So weit hatte eine Blei-Akku-Ladung gereicht. Und das hochexplosive Benzin musste man auch nicht mehr extra in der Apotheke kaufen. Heute wiederum will man den ollen Sprit nicht mehr haben und erfindet alles wieder neu, was es schon mal gab. So ist der Mensch.

Wo sind eigentlich die deutschen Emile alle hin? Warum muss ein Elon Musk herkommen, um was Großes zu bauen? Und überhaupt: Wäre es nicht besser, wenn sich Klitschko mit Putin prügelte? Lauter Fragen und kaum Antworten.