Nicolaus Schmidt (links) und Christoph Radke, seit Dezember 1990 Hausbesitzer.
Foto: Paulus Ponziak/Berliner Zeitung

BerlinSollten Christoph Radke und Nicolaus Schmidt je ein Buch schreiben, dann, sagen sie, hätten sie den Titel schon: „Von zweien, die auszogen, das Vermieten zu lernen“. Man könnte auch sagen: von zwei Hamburger Künstlern, die sich eine Wohnung in Kreuzberg ansehen wollten. Und plötzlich ein Haus in Prenzlauer Berg ersteigert hatten.

29 Jahre ist das jetzt her. 29 Jahre, in denen Radke und Schmidt nicht nur verstanden, was es bedeutet, Wohnungsvermieter zu sein, sondern in denen sich die graue Straße mit den heruntergekommenen Häusern, in der sie ein Haus besaßen, zu einer der begehrtesten in Berlin wandelte.

Nicolaus Schmidt tritt auf den langgezogenen Balkon des Dachgeschosses, in dem er mit Christoph Radke wohnt. Hier oben sieht man nur die Wipfel der Platanen, die die Kollwitzstraße säumen, den Himmel und die anderen Dachgeschosse. Sie lassen sich besonders teuer vermieten oder verkaufen, auf jedem Haus sitzt mittlerweile eins. Das schräg gegenüber steht noch leer, es ist gerade fertig geworden. Das Haus dazu gehört Nicolas Berggruen, der sich in Berlin als Immobilieninvestor einen Namen gemacht hat. Den Aufbau daneben, mit den großen Fenstern, hat ein Paar gekauft, Universitätsprofessoren. Prenzlauer-Berg-Klientel.

Die breite Kollwitzstraße mit ihren ansehnlichen Altbauten ist so etwas wie die Hauptstraße eines Viertels, das wie kein zweites für die Veränderungen in der Stadt seit dem Mauerfall steht, und für die Probleme, die sie mit sich gebracht haben. Von den Menschen, die 1989 hier wohnten, leben höchstens noch 15 Prozent hier, das ist die Zahl, die immer kursiert.

Inzwischen sind die Wohnungen auch für die jungen, finanziell nicht schlecht gestellten Familien, die den Prenzlauer Berg bundesweit als angeblich kinderreichste Gegend der Republik bekannt machten, kaum noch zu bezahlen. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren wurden viele Wohnungen nach den Haussanierungen einzeln verkauft, in den Fenstern des Immobilienmaklerbüros in der Kollwitzstraße hängen Angebote: Ein Single-Apartment, 35 Quadratmeter, für 275.000 Euro. 90 Quadratmeter, drei Zimmer, für 749.000 Euro. 74 Quadratmeter, zwei Zimmer, für 525.000 Euro.

1990: Hauskauf für eine Million Mark

1990 haben Christoph Radke und Nicolaus Schmidt für das ganze Haus 500.000 Euro gezahlt beziehungsweise: eine Million Mark. Was seitdem passiert ist, zeigt, wie kompliziert es mitunter wird, wenn Träume sich mit der Wirklichkeit messen müssen. Aber auch, dass sich in Häusern manchmal andere Geschichten verbergen, als man vermuten würde.

An dem langen Holztisch in ihrer lichtdurchfluteten Wohnküche erinnern sich die beiden an jenen 11. Dezember 1990, der ihr Leben verändern sollte. Nicolaus Schmidt, groß, kinnlange Haare, ergreift mit größerer Selbstverständlichkeit das Wort, Christoph Radke, schmaler, ruhiger, ergänzt das Gesagte mit seiner Sicht der Dinge. Sie waren Mitte 30 damals, zwei junge Maler aus Hamburg, die hofften, in Berlin die bezahlbaren Ateliers zu finden, die es in Hamburg nicht mehr gab.

An jenem Dezembertag hatten sie nachmittags einen Besichtigungstermin in Kreuzberg. Sie kannten auch den Osten der Stadt, erst am 3. Oktober, dem Tag der Wiedervereinigung, hatten sie in Prenzlauer Berg am Kollwitzplatz gestanden. Auf die Idee, hier eine Wohnung zu suchen, waren sie nicht gekommen.

Sie fuhren nach Berlin, blätterten in der Berliner Morgenpost und sahen die Anzeige: „Mietshaus Prenzlauer Berg, Kollwitzstr. 52, modernisierungsgeeigneter Altbau. Verkehrswert laut Gutachten 875.000 Mark, Mindestgebot 495.000 Mark, Jahresmiete zurzeit 14.600 Mark.“ Eine Versteigerung, sie sollte schon am Abend sein. Mittags standen sie vor dem Haus, an dem Transparente hingen: „Wir sind nicht zu verkaufen“ und: „Heute Kollwitz, morgen ihr“. Sie waren aus Neugier hingefahren, aber jetzt kam beiden gleichzeitig ein Gedanke: Was, wenn sie das Haus ersteigerten? Und in einer der Wohnungen lebten, die anderen zu fairen Preisen vermieteten? Wenn sie Hausbesitzer würden – aber gute?

Sie klingelten an den Wohnungstüren, hinter der einzigen, die aufging, stand ein junger Mann. Er rede nicht mit Kaufinteressenten, sagte er, und ließ sie dann doch rein. Er holte eine andere Mieterin dazu, und beide erzählten von den Autos mit Frankfurter oder Münchener Kennzeichen, die seit zwei Wochen, seit der Auktionstermin bekannt wurde, immer wieder vor dem Haus parkten. Von Männern, die im Treppenhaus prüfend an die Wände klopften und verlangten, die Wohnungen zu sehen. Die Wiedervereinigung war erst gut zwei Monate her, und schon war aus dem Osten Deutschlands auch ein potenzieller Immobilienmarkt geworden.

Erste Versteigerung in Ost-Berlin

Die Versteigerung würde die erste in Ost-Berlin sein. Ein West-Berliner Auktionshaus wollte testen, was man für so ein Haus in der nun mauerlosen Stadt bekam: marode, seit Jahrzehnten nicht renoviert, aber in einem zentral gelegenen Stadtteil mit einem attraktiven Ruf als Künstlerviertel.

Die zwei Mieter fassten Vertrauen zu den Besuchern aus Hamburg, die so anders waren als die Kaufinteressenten, die in den Tagen zuvor aufgetaucht waren. Sie sagten, dass sie versucht hätten, zur Besitzerin des Hauses Kontakt aufzunehmen, einem Charlottenburger Ehepaar, das das Haus geerbt hatte und es nun anscheinend schnell loswerden wollte. Es hatte nicht reagiert. Die Bewohner würden das Haus gern zusammen kaufen, hatten aber keinen Kredit bekommen, erst recht nicht bis zu der kurzfristig anberaumten Auktion. Sie hatten nun wenigstens eine Presseerklärung verfasst, die mehr eine Warnung an alle Landsleute war. Darin forderten sie die Ostdeutschen auf, sich über die Eigentumsverhältnisse bei ihren Häusern möglichst schnell zu informieren. Nur so könnten „die wenigen Rechte der mit der westdeutschen Wohnungswirtschaft noch nicht vertrauten Ostdeutschen in den neuen Bundesländern gesichert werden“.

Nicolaus Schmidt begann zu rechnen und fragte dann, ob die Hausbewohner sich vorstellen könnten, künftig nicht mehr 80 Mark Miete zu zahlen, sondern 250 Mark. Damit müssten die Ausgaben erst mal gedeckt sein. In Ordnung, sagten die beiden. Dann versuchen wir es heute Abend, sagte Schmidt.

Sie fuhren zurück in den Westen der Stadt, sie mussten jetzt dringend telefonieren, und im Osten waren Telefonzellen rar. Ein paar Stunden später hatten mehrere Freunde zugesagt, dass sie ihnen Geld leihen würden. Zusammen waren es 150.000 Mark, knapp die Summe, die sie bei der Versteigerung würden hinterlegen müssen.

Als sie am Abend beim ehemaligen Kulturbundclub nahe dem Gendarmenmarkt ankamen, wo die Auktion sein sollte, waren da schon mehr Gegner der Versteigerung als Interessenten. Es hatte einen Aufruf zum Protest gegeben, Stinkbomben flogen, die Polizei räumte den Saal. Schließlich ging es doch noch los. Die Gebote stiegen schnell auf 550.000 Mark, 600.000, 700.000. Schließlich waren noch Nicolaus Schmidt und eine Frau im weißen Pelz übrig. Bei 1.050.000 Mark hob nur noch Schmidt die Hand.

Spätabends fuhren sie noch einmal in die Kollwitzstraße, feierten mit den Hausbewohnern. In drei Monaten würden die Formalitäten erledigt und sie Eigentümer des Hauses sein, hatte der Auktionator gesagt. Dann wollten sie gemeinsam mit den Mietern das Haus sanieren, unterstützt von einem Förderprogramm der Senatsverwaltung.

Es kam anders. Das Haus hatte, wie sich herausstellte, bis 1937 einer Jüdin gehört, es war davon auszugehen, dass sie nicht freiwillig verkauft hatte. Das Amt für offene Vermögensfragen forschte nach, am Ende ging das Haus an die Jewish Claims Conference – und von dort zurück an Radke und Schmidt.

Das Haus Kollwitzstraße 52 in Prenzlauer Berg.
Foto: Berliner Zeitung

Achteinhalb Jahre waren vergangen. Das Förderprogramm, mit dem sie das Haus sanieren wollten, gab es nicht mehr. Auch die Hausgemeinschaft hatte sich verändert. Einige Bewohner waren ausgezogen, anderen fehlte inzwischen die Kraft, neben den Herausforderungen, die das Leben in dem neuen Land gebracht hatte, auch noch ein Haus zu sanieren.

Sie seien froh, das Haus zu haben, sagt Christoph Radke heute. Aber sie würden das alles nicht noch mal machen. Die nächsten Jahre blieben anstrengend. Während um sie herum die Fassaden pastellfarben und auf den Bürgersteigen die Kinderwagen mehr wurden, versuchten sie, ihren Traum zu retten. Sanierten selbst, wo es ging. Begannen mit dem Bau des Dachgeschosses, in dem sie irgendwann leben wollten. Und erhöhten die Mieten über die Jahre immer nur in kleinen Schritten. Zeitweise begleitete sie die Angst, pleite zu gehen. Als der Ärger mit den Banken zu groß wurde, verkauften sie drei Wohnungen an ihre Bewohner.

Heute erzählt das Haus nichts mehr von den Mühen. Nur die Fassade ist etwas schlichter als die vieler anderer in der Straße, für Stuck war nie Geld da. Von den alten Mietern lebt nur noch einer im Haus, derjenige, der vor 30 Jahren die Tür öffnete. Seine Miete ist am günstigsten, vier Euro pro Quadratmeter, mehr wäre für ihn nicht drin. Eine andere Wohnung hat vor kurzem die Tochter der anderen Mieterin übernommen, die damals dazukam. Sie ist hier aufgewachsen.

Faire Mietpreise für neue Mieter

Die anderen Bewohner sind nach und nach eingezogen. Sie zahlen sieben Euro Miete pro Quadratmeter, das ist die Hälfte dessen, was Wohnungen um den Kollwitzplatz bei Neuvermietungen im vergangenen Jahr durchschnittlich gekostet haben. Sieben Euro, das reicht, um das Haus zu bewirtschaften und noch Geld für die Altersversorgung übrig zu haben. Christoph Radke und Nicolaus Schmidt wollten faire Vermieter werden, es scheint ihnen gelungen zu sein. Neue Mieter, es sind vor allem Künstler, haben sie immer nach Sympathie ausgewählt. Auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen ist die eine Sache, die sie gelernt haben.

Die andere? Dass man als Besitzer eines Mehrfamilienhauses mit allem rechnen und starke Nerven haben muss. Und dass es nicht immer ratsam ist, in dem Haus, in dem man Wohnungen vermietet, auch selbst zu wohnen.

Über den Versuch der Stadt, den immer weiter steigenden Wohnkosten mit einem Mietendeckel zu begegnen, sind sie geteilter Meinung. Christoph Radke sagt, er fände es gut, dass den Exzessen, die es gebe, etwas entgegengesetzt wird. Nicolaus Schmidt macht es wütend, dass das, was die Stadt jahrelang falsch gemacht hat, zum Beispiel mit dem Verkauf landeseigener Wohnungen, nun auf diese Art wieder gutgemacht werden soll. Mit einer Maßnahme, die, sagt er, jene Vermieter bestrafe, die in der Vergangenheit nicht so viel Geld genommen haben wie andere. Man hätte voraussehen können, wie die Stadt sich entwickelt, findet er, und danach handeln müssen.

Im Dezember 1990 wussten das schon die Autoren des Auktionsprospekts. Darin stand, die „Vereinigung der beiden deutschen Staaten“ mache den Berliner Immobilienmarkt zu einem „der interessantesten Europas“.